Anthropologie Sechs Millionen Jahre Mensch

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Der Frankfurter Urmenschenforscher Friedemann Schrenk hat im Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum die frühe Geschichte der Menschheit skizziert. Er plädierte für mehr globale Vernetzung und ein anderes Verständnis des afrikanischen Kontinents.

Bei der Rekonstruktion der Urgeschichte ist vieles Interpretationssache. Foto: dpa
Bei der Rekonstruktion der Urgeschichte ist vieles Interpretationssache. Foto: dpa

Stuttgart - Gleich zu Beginn seines Vortrags im Mercedes-Benz-Museum stellt der Frühmenschenforscher Friedemann Schrenk klar: „Wir wissen bei einer Rekonstruktion nicht, ob es auch wirklich so war – es war damals ja keiner dabei.“ Damit deutet der renommierte Paläoanthropologe an, wie die Forscher arbeiten: Weil ein gefundenes Fossil über sich selbst nichts „aussagt“, müssen es die Wissenschaftler interpretieren – und das können sie nur mit dem heutigem Wissen tun sowie mit Hilfe der Informationen, die sie über die Umwelt zu Lebzeiten des Fossils haben.

Als Informationsquelle dienen dabei meist Zähne und Knochen, manchmal auch pflanzliche und tierische Überreste sowie Fußabdrücke. Bei der Interpretation der Belege gebe es damit keine richtigen oder falschen Aussagen, sondern wahrscheinliche oder unwahrscheinliche – „und das im Sinne unseres heutigen Weltbildes“, wie Schrenk betont, der am Frankfurter Senckenberg Forschungsinstitut die Sektion Paläoanthropologie leitet und zudem eine Professur an der Frankfurter Uni hat.

Wie der aufrechte Gang entstand

In seine Heimatstadt Stuttgart ist Schrenk gekommen, um in der Reihe „Dialog im Museum“, die von der Daimler und Benz Stiftung gefördert wird, über Ursprünge, Umbrüche und Umwege in der sechs Millionen Jahre alten Entwicklungsgeschichte des Menschen zu referieren. Dabei beschäftigt er sich zunächst mit dem aufrechten Gang, zu dessen Entstehung es eine ganze Reihe von Hypothesen gibt. Schrenk selbst ­befürwortet die sogenannte Uferhypothese: Demnach hatten unsere Vorfahren vor rund sechs Millionen Jahren am Rande des Regenwalds Vorteile dadurch, dass sie sich in Gewässern neue Nahrungsquellen erschließen konnten – und zwar nicht schwimmend, sondern aufrecht im Wasser watend. Auch hält Schrenk es für wahrscheinlich, dass der aufrechte Gang mehrfach in verschiedenen Regionen Afrikas „erfunden“ wurde.

Mit dem Knacken von Nüssen beginnt der Fortschritt

Im Zeitraum zwischen 2,6 und 2,4 Millionen Jahren vor heute veränderte sich dann das Klima massiv: Es wurde trockener. Mit den nun langen Dürreperioden änderten sich auch die Nahrungsquellen: weg von saftigen Früchten und hin zu hartschaliger und hartfaseriger Nahrung. Um diese nutzen zu können, gab es zwei Wege: zum einen die „Konstruktion Nussknacker“, wie es Schrenk formuliert, mit breitem Gesicht, großen Zähnen und einen Knochenkamm auf dem Schädel, an dem die kräf­tige Kaumuskulatur ansetzen konnte; und zum anderen die Lösung, mit Steinwerkzeugen Nüsse zu knacken und harte Fasern zu zerschneiden – also die Nahrung außerhalb des Körpers zu zerkleinern. „Das ist der Beginn der Technik“, kommentiert Schrenk diese Entwicklung – und gleichzeitig auch als die Geburtsstunde des modernen Menschen: „Da kann man Mensch und Technik nicht trennen“, betont der Frühmenschenforscher.

Zur biologischen kommt nun auch die kulturelle Evolution hinzu – und die Entwicklung schreitet vergleichsweise flott voran. Bald nutzen unsere Vorfahren das Feuer, und sie verlassen vor zwei Millionen Jahren Afrika, um sich allmählich über die ganze Welt auszubreiten. Zentraleuropa wurde dabei vor etwa 700 000 Jahren erstmals besiedelt. Als letzte Weltregion war vor ungefähr 15 000 Jahren das Landesinnere von Nordamerika an der Reihe, das erst von Südamerika aus vollständig „erobert“ wurde.

Die Vergangenheit zeigt, wie wichtig Vernetzung ist

Die Entwicklung des Menschen lässt sich dabei lückenlos in Afrika dokumentieren. Weder Europa noch Asien oder Amerika waren dabei von Bedeutung, daran lässt Schrenk keinen Zweifel. Immerhin ist in Europa der Neandertaler sozusagen als Vetter des Menschen entstanden und in Asien auf der Insel Flores eine sehr kleine menschenähnliche Art. Durchgesetzt hat sich dann aber letztlich der Homo sapiens. Die verschiedenen Hautfarben sind dabei als Anpassung an die verschieden starke ultraviolette Strahlung in den unterschiedlichen Regionen der Welt zu sehen.

Heute liegen die Zentren des Homo sapiens nicht mehr in Afrika, sondern in anderen, dicht besiedelten Regionen in Nordamerika, Europa und Asien. Diese hätten sich abgeschottet, bedauert Schrenk und zeigt auf einer Weltkarte die aktuellen ­Migrationshindernisse. Das Überleben der Menschheit lasse sich langfristig nur durch eine enge kulturelle und globale Vernetzung sichern. „Afrika hat dabei die längste Geschichte – dies zu vermitteln ist uns wichtig“, betont Friedemann Schrenk.