Anti-Grünen-Aktion in Althengstett Verständlicher Frust, falsche Form
Grünen-Wähler auszugrenzen, hilft keinem weiter. Stattdessen ist ein konstruktiver Dialog gefragt.
Grünen-Wähler auszugrenzen, hilft keinem weiter. Stattdessen ist ein konstruktiver Dialog gefragt.
Die Aktion von Fensterbauer Markus Jourdan aus Althengstett schlägt Wellen. Da hängt ein Handwerker ein Schild an sein Firmengebäude, dass er keine Sympathisanten oder Wähler der Grünen mehr bedienen will, da sie für den Untergang des Mittelstandes verantwortlich seien. Wumms. Jourdan erreicht, was er erreichen will, denn auf einmal ist seine Protestaktion in aller Munde. Und doch geht der Schuss nach hinten los. Denn er betreibt nichts weniger, als ganz bewusst und ganz plakativ Andersdenkende – in dem Fall Grünen-Wähler – auszugrenzen.
Das weckt unschöne Erinnerungen. Mehr noch: In einer zivilisierten Gesellschaft wie der unsrigen ist das eine rote Linie, die nicht zu überschreiten ist. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder meint, nur noch für die arbeiten zu müssen, die ihm gleich gesinnt sind? Ein Taxifahrer, der seinen Gast erst mal nach der Parteipräferenz fragt, bevor er ihn befördert? Oder ein Arzt, der lieber keine Andersdenkenden operieren mag? Ein absurder, gefährlicher Gedanke. Fehlt ja nicht viel, und der Grünen-Wähler darf sich wie der Hund auf dem Schild fühlen: Wir müssen draußen bleiben.
So ein Schild ist schnell aufgehängt und mag recht harmlos daherkommen, als wäre es ein Streich, eine herausgestreckte Zunge. Doch der richtige Platz für solche Transparente ist der Fasnetsumzug oder die Polit-Satire. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen sieht jedenfalls anders aus. Da ist es kein Wunder, dass das baden-württembergische Umweltministerium von Grünen-Politikerin Thekla Walker auf Nachfrage kühl reagiert: Als Regierungsbehörde kommentiere man politische Meinungsäußerungen eines Einzelnen nicht.
Markus Jourdan erweckt auch nicht den Eindruck, als sei er zum Dialog bereit. Stattdessen: Bleibt mir bloß vom Leib. Sein Schild ist das Symptom einer Krankheit, die schon länger in der Gesellschaft schwelt: Zunehmende Zersplitterung und eine nachlassende Toleranz gegenüber anderen Sichtweisen oder politischen Meinungen. Doch um die Krankheit zu bekämpfen, hilft es nicht, sich gegenseitig vom Hof zu schicken. Im Gegenteil: Darüber sollte geredet werden. Und zwar miteinander und nicht übereinander.
Die fragwürdige Aktion hat noch einen weiteren Makel. Denn Jourdan sieht in der Grünen-Partei die Wurzel allen Übels, das derzeit ihn und viele andere umtreibt: Hohe Energiepreise, Mangel an Personal, zu viel Bürokratie et cetera. Doch, mal ehrlich, sind zuvorderst die Grünen für den russischen Angriffskrieg und darauf folgende Gas- und Energiekrise verantwortlich? Oder für die demografische Entwicklung und den Trend zum Hochschulstudium, der unzähligen Betrieben landauf, landab das Leben schwer macht? Wohl kaum.
Ja, die Ökopartei regiert in Bund und Land, aus der Verantwortung stehlen kann sie sich nicht. Doch viele der jetzigen Probleme im Mittelstand rühren aus der Zeit der Großen Koalitionen – wenn nicht sogar von noch früher her. Eine überbordende Bürokratie ist ebenfalls keine Erfindung der Grünen, sondern hängt vielmehr mit der deutschen Gründlichkeit zusammen und dem pathologischen Hang, alles und jedes schriftlich dokumentieren zu müssen. Und das gern doppelt und dreifach, um auch ja abgesichert zu sein. Darüber ist zu reden. Dringend!
Die Regelungsflut hemmt nämlich nicht nur das Handwerk. Selbst staatliche Behörden wie Rathäuser und Landratsämter beklagen in Brandbriefen einen überbordenden Bürokratismus. Wenn die Aktion von Markus Jourdan ein Gutes bewirkt hat, dann die Tatsache, dass über diese Missstände geredet wird. Sie zu lösen, ist Aufgabe der Politik. Dafür braucht es konstruktiven Dialog. Verbotsschilder sind wenig hilfreich.