„Antigone“ im Stuttgarter Kammertheater Schachmatt gesetzt

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Im Stuttgarter Kammertheater inszeniert der französische Regisseur Laurent Chétouane die „Antigone“ von Sophokles in der Übertragung von Friedrich Hölderlin: eine hammerharte Sitzung.

Sie spielen sich stundenlang warm (von links): Berit Jentzsch, Manja Kuhl, Paul Grill und Katharina Knap in „Antigone“ Foto: Oliver Fantitsch
Sie spielen sich stundenlang warm (von links): Berit Jentzsch, Manja Kuhl, Paul Grill und Katharina Knap in „Antigone“ Foto: Oliver Fantitsch

Stuttgart - Formstreng, ritualisiert, entschleunigt: das sind die Eigenschaften, die man den Inszenierungen von Laurent Chétouane zuschreibt. Geboren 1973 in Soyaux, Frankreich, nahm er zunächst ein Ingenieurstudium in Rouen auf, bevor er sich an der Pariser Sorbonne der Theaterwissenschaft und an der Frankfurter Schauspielschule der Theaterregie widmete. Danach, vom Jahr 2000 an, ging es Schlag auf Schlag für den als neuen Bühnenmagier gefeierten Franzosen. In Wiesbaden, Mannheim, Köln, Hamburg, München unterzog Chétouane alte und neue Theatertexte seinen theoretisch untermauerten Exerzitien, die ihrerseits von den Schauspielern einen Hang zur Choreografie, von den Zuschauern eine Bereitschaft zur Ausdauer verlangen. Nun arbeitet der 41-jährige Regisseur zum ersten Mal in Stuttgart und versucht sich an der „Antigone“ des Sophokles. Das hätte nicht sein müssen.

Thermoskanne, Wasserflasche

Schon das Setting, das im Kammertheater zu besichtigen ist, lässt Schlimmes ahnen. In der Mitte des leer geräumten Raums stehen ein paar Tische mit Thermoskannen, Wasserflaschen und Kaffeetassen, umzingelt von Stühlen, von denen einige auch auf der schwarzen Spielfläche verteilt und mit Noten- und Textständern garniert sind. Die Bühne ist mithin eine unansehnliche Nichtbühne und weist mit ihrem kargen Werkstatt-Charakter von Anfang an auf das Konzept hin, das der Regisseur verfolgt. Chétouane will uns nämlich keine fertige „Antigone“ zeigen, sondern höchstens die langatmigen Proben dazu. Und er will uns keine Interpretation des antiken Stoffs liefern, sondern nur die erstmalige Begegnung mit ihm. Folglich simuliert er bei seinem Stuttgart-Debüt einen unverstellten, staunenden Blick auf einen fremden Text, vermeidet dabei jede Gewichtung der Handlung und jede Deutung der Figuren und erklärt diese Art der entschiedenen Regieverweigerung zur Regie selbst – und zur hohen Theaterkunst vermutlich auch.

Sophokles ist kurz vor Mitternacht erledigt

Trotzdem wird bei aller Gedankenfaulheit noch gespielt, getanzt und musiziert. Dreieinhalb Stunden lang, ohne Pause, wobei die ersten Minuten der stummen Kontaktaufnahme dienen. Feierlich bewegen sich die neun Spieler durch den Raum, gruppieren sich zu Paaren und schauen erst einander, dann den Zuschauern tief in die Augen. Dann geht’s mit dem Sprechen los. Ganz langsam, ganz ehrfürchtig zelebriert Johann Jürgens die ersten Sätze, auf die dann nicht minder langsam und ehrfürchtig die ersten Sätze der Nathalie Thiede folgen. Sie ist jetzt Ismene, er Antigone – aber sie bleiben keine Schwestern, sondern springen im Lauf des Abends immer wieder in andere Rollen, acht an der Zahl plus Chor, was durchaus für Verwirrung sorgt, weil ihre restlichen Kollegen das Gleiche tun. Jeder spielt jeden, abwechselnd von Dialog zu Dialog. Und abgesehen davon, dass dieses Wechselspiel jegliche Identifikation mit den Figuren verhindert, erschwert es auch das Verständnis der Tragödie enorm. Wer gerade weshalb am Zug ist, lässt sich oft nicht erkennen – und kurz vor Mitternacht ist Sophokles erledigt, schachmatt gesetzt vom ständigen Rollentausch.

Dabei hätte uns der griechische Dramatiker mit seinem Schauspiel schon noch was zu sagen: Gegen den Willen Kreons, des Herrschers von Theben, will Antigone ihren toten Bruder, den als Landesverräter geschmähten Polyneikes, begraben. Antigone beruft sich auf göttliche und menschliche Gebote, Kreon auf Recht, Gesetz und Staatsräson. Daraus entspinnt sich bei Sophokles ein Konflikt, der bis auf den heutigen Tag nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat. Sollte man jedenfalls meinen, wenn man auf den Inhalt der fast 2500 Jahre alten „Antigone“ schaut – doch schaut man jetzt auf die Art und Weise, wie diese unbeugsame Rebellin ins Kammertheater geholt wird, stößt man auf ein merkwürdiges Paradox: Chétouane ist kein Textzertrümmerer und lässt Sophokles also restlos von A bis Z spielen. Aber was ihn dabei interessiert, ist eben nicht der zeitlose Konflikt zwischen Antigone und Kreon, sondern ganz offensichtlich die Form, die dieser Konflikt in einer klassischen Tragödie annimmt, zumal in der Übertragung von Friedrich Hölderlin. Neudeutsch gesagt: Was macht der Text mit uns? Und mit unseren Körpern?

Die Schaubühne als geschlossene Anstalt

Wie Patienten in der Anstalt

Nun, er macht nichts Gutes. In Chétouanes Regie verwandelt er die Schaubühne des Kammertheaters in eine geschlossene Anstalt, in der Schauspielerpatienten so transusig reden, als wären sie mit Beruhigungspillen vollgestopft. Zeile für Zeile, bisweilen auch Silbe um Silbe kriechen sie in Alltagsgarderobe durch das endlos zerdehnte Drama, das von Stunde zu Stunde auch zum Drama der Zuschauer wird. Gegen Ende der Inszenierung sagt Johann Jürgens, jetzt als Kreon: „Was ist denn schlimmer noch als das, was schlimm ist?“ – und im Parkett wird vernehmlich gegluckst, weil ein besserer Kommentar zu dieser hammerhart schlimmen Sitzung wahrlich nicht zu finden ist. Das Stuttgarter Schauspiel will auch künftig mit Laurent Chétouane zusammenarbeiten. Seit seiner „Antigone“ wissen wir: das ist eine Drohung.

Aufführungen im Kammertheater am 12., 14., 17., 19. und 20. Januar.