Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg starten „Es gibt Dinge, die verkaufe ich sehr ungern“

Antiquarische Kant-Ausgaben – ganz aktuell. Foto: Bernhard Volkert/Antiquaria

In dieser Woche beginnen die Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg. Der Antiquar Bernhard Volkert hat sich ganz auf Philosophie spezialisiert – und erklärt, woran es liegen könnte, wenn man glaubt, Kant nicht verstehen zu können.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Bernhard Volkert sitzt in seinem Geschäft in Traunstein vor einem imponierenden Buchmassiv, das von einer Nietzsche-Büste überragt wird. Doch für Ludwigsburg hat sich der Antiquar ganz auf den Jubilar konzentriert, dessen 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird – Immanuel Kant. Am liebsten würde er die Sachen, die er verkauft, ja für sich behalten, aber das soll er am besten selbst erklären.

 

Herr Volkert, was haben Sie für das Kant-Jahr im Angebot?

Zum Beispiel die ersten Gesamtausgaben, die drei Kritiken – ein toller Text ist „Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“. Darin geht es um Psychosomatik. Und eine ganz wichtige Schrift ist „Über das radikale Böse in der menschlichen Natur“.

Das klingt aktuell.

Genauso wie der Text „Was ist Aufklärung“, den ich auch dabeihabe.

Die Desinformationsmaschine des Internets droht, uns in selbst verschuldete Unmündigkeit zurückzuführen, in sozialen Hetzwerken tobt die Gegenaufklärung, was hat antiquarisches Bewusstsein dem entgegenzusetzen?

Zurück zum Text. Es gibt von dem Neukantianer Otto Liebmann ein interessantes Buch: „Kant und die Epigonen“. Er handelt darin alle späteren Systeme ab, Fichte, Hegel, Herbart, Fries und Schopenhauer. In allen weist er Fehler und Versäumnisse nach, und unter jedem Kapitel steht: „Also muss auf Kant zurückgegangen werden.“ In ähnlicher Weise würde ich sagen: Also lasst uns auf den Text zurückgehen. Man kann das Internet natürlich benutzen, aber es ist ein künstliches Medium, es lässt sich alles damit machen, aber man hat es trotzdem nicht in der Hand. Die Leute schmeißen gerade ihre Bücher weg, weil sie meinen, sie könnten alles im Internet nachschauen. Die Frage ist, wie lange? Wie leicht ist es zu zensieren oder zu sperren, dann sind sie blank.

Man hat Kant den Alleszermalmer genannt, heute hat diese Rolle das Digitale übernommen, wie hat das Ihr Berufsbild verändert?

Eigentlich nicht besonders. Ich nutze es für den Einkauf, für Auktionen, Kommunikation, selbst verkaufe ich im Internet nur Sachen, die mir nicht so wichtig sind. Ich will persönlichen Kontakt zu meinen Kunden und wissen, wer was erwirbt.

Wer kommt zu Ihnen?

Einerseits Bibliophile, die auch andere Literatur sammeln, Hölderlin, Romantik, die unbekannteren Zeitgenossen. Und dann gibt es eben auch Wissenschaftler, Philosophen, die die Originaltexte haben wollen.

Bernhard Volkert Foto: Antiquaria

Das Rahmenthema der Antiquaria in Ludwigsburg sind die 20er Jahre. Wie kriegen Sie da die Kurve?

Kant hat die apriorischen Anschauungsformen von Raum und Zeit postuliert. Einstein hat das mit seiner Relativitätstheorie widerlegt. Das führte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem erbitterten Streit zwischen Einstein-Anhängern und Neukantianern. Das Sammeln von Büchern, was die Grundlage unseres Berufes ist, war schon ganz früh bei den Zeitgenossen Kants angelegt. Aus Verehrung für ihren Meister und seine Werke haben sie nach seinem Tod Manuskripte und Vorlesungsnachschriften gekauft und herausgegeben. Die Liebhaberei, die Verehrung und Wertschätzung wurden die Grundlage für kritische Ausgaben, das zieht sich durch das 19. Jahrhundert.

Viele junge Leute lesen digital und halten Kant für einen alten weißen Philosophen mit rassistischen Ansichten.

Wie bei allen großen Philosophen muss man nicht alles unterschreiben. Aber Kant zum Vordenker des Rassismus zu machen, ist natürlich grober ahistorischer Unfug.

Das ist eine interessante Gegenläufigkeit: Ihre Bücher gewinnen an Wert, je älter sie sind, während sich das Zeitbedingte des Denkens als Problem aufdrängt.

Originalausgaben behalten ihren Wert, oder er wird noch steigen. Auf einer Auktion wurde neulich die Kant-Schrift „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ mit 34 000 Euro zugeschlagen.

Mit Einsteins Erkenntnissen wird das kaum vermittelbar gewesen sein.

Nein, das war dem Käufer wohl egal. Aber solche Preise gelten eben nur für ganz bestimmte Sachen. Wenn es nur um den Inhalt geht, der ganze Mittelbereich, wird alles zusehends immer billiger oder gar unverkäuflich. Schon jetzt kostet manchmal das Porto mehr als das Buch. Das Interesse schwindet, machen wir uns nichts vor. Unsere Lebenswelt hat sich gewandelt, wird mehr und mehr funktionalisiert, oft nur noch auf Nutzen ausgerichtet. Das ist ein großer Fehler. Der Mensch braucht noch etwas anderes, ein Gegengewicht. Die alleinige Ausrichtung auf Effizienz und Optimierung ist unmenschlich.

Was kann man aus alten Kant-Ausgaben lernen?

Man versteht einen philosophischen Text oder auch einen literarischen Text in der Originalausgabe ganz anders, als wenn man ihn beispielsweise in einem Reclamheft liest. Ich habe auch eine frühe Ausgabe der Schrift „Zum ewigen Frieden“ dabei – ebenfalls hochaktuell, ein Text, der für Frieden kämpft, und sich auch gegen politische Mächte und Führer richtet. Als Student habe ich diesen Text in einer modernen Ausgabe gelesen, Antiqua-Schrift, modernisierte Sprache – und kein Wort verstanden. Zufällig bekam ich eine alte Ausgabe in die Hände, und plötzlich war mir alles völlig klar. Das war ein Schlüsselerlebnis. Man nimmt im Original einen Text ganz anders auf, liest ihn genauer und entwickelt schon vom Schriftbild her ein Gespür für die Zeit, in der das Werk entstand.

Fällt es Ihnen schwer, sich von lieb gewordenen Ausgaben zu trennen?

Und wie!

Das müssen Sie erklären.

Ich hänge an diesen Sachen und biete fast nur Bücher an, die ich selber gerne habe, und so kaufe ich auch ein. Dann ist es natürlich schwer, manches wieder herzugeben. Es gibt Dinge, die verkaufe ich sehr ungern, einige Kollegen belächeln mich deshalb. Aber ich habe auch Kunden, von denen ich weiß, bei denen ist es in guten Händen.

Info

Antiquar
Bernhard Volkert studierte in Freiburg Philosophie, Germanistik und lateinische Philologie. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete er in einem Antiquariat. Anfang der 90er Jahre hat er sich selbstständig gemacht. Er betreibt in Traunstein das Antiquariat Volkert, das sich auf Philosophie spezialisiert hat.

Ludwigsburg
Die 38. Antiquaria Ludwigsburg findet vom 25. bis 27. Januar in der Musikhalle, Bahnhofstraße 19, statt. Passend zum Rahmenthema „Goldene 20er Jahre?“ wird im Foyer eine kleine Ausstellung deutscher Schallplattenlabels aus der Zeit gezeigt. Während der Messetage erklingen immer zu Beginn und zum Ende ausgewählte Schallplattenaufnahmen aus den Jahren 1919-34. Öffnungszeiten und Informationen unter www.antiquarialudwigsburg.de.

Stuttgart
Die 61. Stuttgarter Antiquariatsmesse findet nach längerer Pause vom 26. bis 28. Januar wieder im Württembergischen Kunstverein statt. Beteiligt sind rund 60 deutsche und internationale Antiquariate und Galerien. Öffnungszeiten und weitere Informationen unter www.stuttgarterantiquariatsmesse.de.

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