Klimaschutz ist in aller Munde, besonders der Verkehr steht im Blickpunkt. Da liegt es nahe, sich auch mit Fahrzeugen zu befassen, die jeden Tag und oft rund um die Uhr auf den Straßen der Stadt unterwegs sind. Wirklich überraschend kommt der Vorstoß der Stuttgarter Gemeinderatsfraktion der Grünen daher nicht – und doch dürfte er einige Diskussionen verursachen, in denen es auch emotional werden könnte. Denn es geht um die Rettung von Menschenleben, deren Zuverlässigkeit und Machbarkeit.
„Rettungsdienst und Krankentransport in Stuttgart emissionsfrei gestalten“ lautet der Titel des Antrags, den die Grünen jetzt formuliert haben. Sie fordern darin „konkrete Maßnahmen“ für die Umstellung auf Elektrofahrzeuge. Bereits im nächsten Jahr wollen sie in einem ersten Schritt deshalb einen massiven Ausbau der Lade-Infrastruktur in der Stadt sehen.
Das bedeutet laut Antrag: mehrere leistungsstarke Ladepunkte für jede Rettungswache und jedes Krankenhaus. Mit dem Land soll eine entsprechende finanzielle Förderung geklärt werden. Und danach soll geprüft werden, welche weiteren Standorte elektrisch aufgerüstet werden müssen, um den Betrieb zu gewährleisten und auch Krankentransporte umstellen zu können. Und Oberbürgermeister Frank Nopper oder ein Vertreter sollen im Bereichsausschuss, in dem Stadt, Rettungsorganisationen und Krankenkassen sitzen, die Klimaziele der Stadt „deutlich machen“.
Ein ehrenhaftes Vorhaben – doch ist es überhaupt realistisch? Wenn man die Retter befragt, fallen die Antworten überraschend uneinheitlich aus. Dass es Vorbehalte in der Bevölkerung geben könnte, sehen dabei die meisten. Könnten Retter einfach liegen bleiben, wenn eine ungeplante Fahrt zu lange dauert? Die technischen Voraussetzungen werden höchst unterschiedlich bewertet.
Auf praktische Erfahrungen können dabei die Stuttgarter Malteser zurückgreifen. Sie haben im Herbst 2021 in der Landeshauptstadt zwei Wochen lang den damals nach Herstellerangaben ersten vollelektrischen Rettungswagen der Welt getestet. Mit positivem Ergebnis. „Das hat gut funktioniert. Das Fahrzeug war im Zwölf-Stunden-Betrieb unterwegs und wir hatten nie einen Akkustand von unter 50 Prozent“, sagt Rettungsdienstleiter Joachim Fässler. Es gebe immer wieder Standzeiten, etwa bei der Patientenübergabe oder der Desinfektion, mit der Chance, zu laden. Er ist überzeugt, dass der Rettungsdienst in der Stadt so funktionieren würde, zumindest mit einem Teil der Fahrzeugflotte. Beim Krankentransport dagegen ist er skeptischer.
„Ich würde sofort einen vollelektrischen Rettungswagen kaufen“, sagt Fässler deshalb – und kommt damit zu den Problemen. Denn während ein herkömmlicher Rettungswagen derzeit mindestens 140 000 Euro kostet, schlägt ein elektrischer mit 80 000 bis 100 000 Euro mehr zu Buche. „Die Kosten steigen derzeit schon für herkömmliche Fahrzeuge enorm, die Beschaffungszeit steigt. Da würden die Krankenkassen nicht mitspielen“, vermutet Fässler.
Technik „noch nicht so weit“
Das sieht man auch beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) so. „Eine Umstellung würde niemand finanzieren“, sagt Marcus Schauer, Abteilungsleiter Rettungsdienst beim Landesverband Baden-Württemberg. Doch auch sonst hegt er Zweifel, obwohl auch das DRK den Testwagen an verschiedenen Stationen im Land ausprobiert hat. „Für die Notfallrettung ist die Technik noch nicht so weit. Das kommt zu früh, obwohl wir das natürlich begrüßen würden.“
Große Skepsis gibt es auch beim DRK in Stuttgart selbst. „Teil- oder vollelektrisch betriebene Rettungsdienstfahrzeuge werden derzeit von keinem Hersteller in Serie angeboten“, heißt es dort. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre auch mit einer Verschlechterung der Notfallversorgung zu rechnen. Es gebe derzeit weder eine geeignete Lade-Infrastruktur in den Krankenhäusern noch in den Rettungswachen. Und selbst wenn das anders wäre: „Notfalleinsätze sind nicht planbar. Die Fahrzeuge kehren nach Einsätzen in den seltensten Fällen zurück an die Stützpunkte.“ Oft werde auch in angrenzende Kreise gefahren, die Ladezeiten seien nicht kalkulierbar.
Pilotprojekt als Kompromiss?
„Ziel unseres Antrags ist es, dass das Thema E-Mobilität und der damit verbundene Ausbau der Ladeinfrastruktur innerhalb der Stadtverwaltung engagierter vorangetrieben wird“, bekräftigen die Grünen. Und tatsächlich gibt es zumindest einen kleinen Konsens unter den Rettern: Eine Art Pilotprojekt in Stuttgart oder anderswo könnten sich alle vorstellen. Dann müssten aber alle Beteiligten im Boot sein – inklusive der Krankenkassen. „Wenn man wollte“, sagt Fässler, „würde man das hinbekommen.“