Haus, Garten, Terrasse – der Lebensabend der 85 Jahre alten Birgit Bartsch (Name geändert) in ihrer Darmsheimer Heimat könnte so schön sein. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft seit einigen Jahren allerdings eine Lücke, wie die Seniorin, ihre beiden Töchter und weitere Anwohner rund um die Olgastraße berichten. Immer wieder fühlen sie sich gestört durch Lärm auf dem benachbarten Gelände der Grundschule Darmsheim.
„Dadurch, dass der Schulhof bis 22 Uhr als Spielplatz genutzt werden darf, sind wir ständig mit Lärm und Geschrei konfrontiert“, klagt eine der beiden Töchter. Kinder, die den Hof besonders während der Schulzeit als Spielort nutzen, scheinen nach Ansicht der Beschwerdeführer nicht so sehr das Problem zu sein. Vielmehr seien es junge Menschen, die morgens am Wochenende oder am frühen Abend lautstark Tischtennis spielten oder Erwachsene, die nach Einbruch der Dunkelheit gesellig zusammenkämen. „Es wird geraucht, getrunken, Fußball und Tischtennis gespielt, mal abends nach 22 Uhr, mal sonntags früh ab 8 Uhr. Alles zu Zeiten und in Maßen, die nicht mehr zu tolerieren sind“, betont die Tochter.
Einmal soll die 100-Dezibel-Grenze fast überschritten worden sein
Um ihren Beschwerden mehr Nachdruck zu verleihen, führt sie Protokoll, wann, wo, welcher Lärm verursacht wurde: „Ich habe mal 99 Dezibel gemessen.“ Ein solcher Wert liegt zwischen dem Geräuschpegel eines Haartrockners und dem eines Rockkonzerts. „Das ist unzumutbar“, schimpft die Tochter der Seniorin, welche seit 1960 in dem Haus wohnt. Alle Versuche, die Stadt oder den Ortsvorsteher davon zu überzeugen, Gegenmaßnahmen einzuleiten, seien bisher gescheitert. „Unser Punkt ist nicht, dass wir gegen Kinderlärm sind. Wir verstehen aber nicht, warum man das Schulgelände nach Unterrichtsschluss nicht schließt, so wie andere Schulen im Kreis auch“, meint Bartsch. Außerdem könnte man auch überlegen, wie man den Schall beim Tischtennisspielen dämpfen oder ob man die Platte gar an einen anderen Ort versetzen könnte. Dafür gebe es auf dem Gelände eine geeignete Stelle. „In Dagersheim gab es einen ähnlichen Fall mit einem Basketballkorb. Dort hat man sich der Kritik der Bewohner angenommen und eine Lösung gefunden“, führt die zweite Tochter an, die in Dagersheim wohnt.
Ein Schulgelände soll Spielort sein und bleiben
Ansprechpartner im Darmsheimer Fall ist vor allem Ortsvorsteher Martin Lambert. Zwar stehe dieser für Gespräche jederzeit zur Verfügung, eine Lösung für ihre Beschwerden sei bisher aber nicht gefunden worden. Im Gegensatz zu den Anwohnern empfindet Lambert das Problem der Lärmbelästigung als nicht so dramatisch. „Ich sehe keinerlei Auffälligkeiten. Es gibt auch keine Trinkgelage. Es handelt sich um Einzelfälle“, erklärt der Ortsvorsteher. Junge Darmsheimer träfen sich vielmehr im Aibachgrund. Außerdem halte Lambert die Lärmbelastung durch den Autoverkehr für größer als das, was vom Schulhof hinüberschallt.
Und dass es auf besagtem Areal nicht zu erwähnenswerten Zwischenfällen komme, beweise die Tatsache, wie oft die Polizei wegen Ruhestörungen in der Vergangenheit dorthin ausgerückt sei. „Der Bereich der Grundschule ist bislang nicht als Schwerpunkt für Ruhestörungen bekannt“, schreibt die Pressestelle des Polizeipräsidiums Ludwigsburg stellvertretend für den zuständigen Polizeiposten Maichingen als Antwort auf genau diese Frage. Lediglich einmal sei eine Ruhestörung gemeldet worden, im Frühling 2023: „Damals wurde auf dem Pausenhof gegen 14 Uhr Tischtennis gespielt. Da es sich um einen Sonntag handelte, wurden die Personen auf die Mittagsruhe hingewiesen und zur Ruhe ermahnt.“
Weil es sich bei dem Konflikt durchaus um ein heikles Thema handelt – immerhin prallen hier Anwohnerinteressen nach Ruhe auf das Spielbedürfnis von vor allem jungen Menschen – schaltet sich mit Max Reinhardt (FDP) auch ein Sindelfinger Gemeinderatsmitglied ein. „Kinder haben ein Recht zu toben und laut zu sein. Das gilt es zu schützen. Wir sollten aber auch die Situation für die Anwohner verbessern. Hier braucht es Dialog“, fordert Reinhardt. Die bereits genannten Ideen könnten die Streitparteien versöhnen, ohne dass das Privileg der Kinder auf Spielen im öffentlichen Raum tangiert wäre, ist der Stadtrat überzeugt.
Kann (k)ein Kompromiss gefunden werden?
Umbaumaßnahmen erteilt Ortsvorsteher Lambert aktuell eine Absage: „Die Tischtennisplatte wurde erst überdacht. Es gibt momentan keinen Anlass, hier etwas zu ändern.“ Dem Vorwurf aus der Anwohnerschaft, es werde wegen des geplanten Schulzentrums zum Beispiel im Darmsheimer Bühl nichts mehr in die Schule investiert, kann Martin Lambert nichts abgewinnen: „Ein möglicher Umzug der Schule ist noch nicht absehbar, noch ist nichts definitiv. Das spielt also deshalb keine Rolle in den Überlegungen, hier tätig zu werden oder nicht.“
Und selbst wenn der Schulneubau Wirklichkeit werden sollte, wäre dies angesichts der langen Vorlaufzeit für die Tochter von Birgit Bartsch eine Enttäuschung: „Eine 85-Jährige, die elffache Urgroßmutter ist, hat nichts gegen Kinder. Sie möchte aber auch mal in Ruhe ihren Garten nutzen. So ist es ein unbefriedigender Lebensabend für sie.“
Ob Vermittlungsversuche von Kommunalpolitikern oder doch der anwaltliche Weg Bewegung in den Darmsheimer Disput bringen können, muss die Zeit zeigen.