Apothekenmuseum in Bönnigheim Alkohol auf Rezept
Die Arzney-Küche ist das einzige in seiner Art erhaltene Apotheker-Laboratorium in Baden-Württemberg. Eindrücke aus der Welt der Pillendreher und Giftmischer.
Die Arzney-Küche ist das einzige in seiner Art erhaltene Apotheker-Laboratorium in Baden-Württemberg. Eindrücke aus der Welt der Pillendreher und Giftmischer.
Wer sich der Bönnigheimer Arzney-Küche nähert, scheint in die Welt von Harry Potter einzutauchen. Das Gebäude mit einem imposanten Kreuzgewölbe im Erdgeschoss und klassischem Fachwerk im Obergeschoss könnte, einmal abgesehen von der Umgebungsbebauung, in der Winkelgasse zu finden sein. In jener Gasse, in der sich der Held in Joanne K. Rowlings Romanreihe mit Zauberstäben und magischen Essenzen eindeckt.
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Ein Katzensprung von der Bönnigheimer St.-Cyriakus-Kirche entfernt liegt das kleine Museum – versteckt und unscheinbar in einer Seitengasse. Knapp 30 Apothekenmuseen gibt es in Deutschland. Die Arzney-Küche in Bönnigheim ist einzigartig. Es ist das einzige in seiner Art erhaltene Apotheker-Laboratorium in Baden-Württemberg – und Kurt Sartorius’ ganzer Stolz. Das Museum, gibt der 73-Jährige unumwunden zu, ist sein Leben.
Im Jahr 1831 hatte der Apotheker Georg Völter das Häuschen bauen lassen, um das Laboratorium wegen der Brandgefahr aus seinem Haus auszulagern. 1819 war Völter als Apothekergehilfe nach Bönnigheim gekommen und hatte die Tochter des ortsansässigen Apothekers Christian Hebsacker geheiratet. 1843 plante er eine kleine „Arzney-Küche“ im Haus, „damit der Besitzer nicht geötigt ist, bey naßer oder kalter Witterung oder auch zur Nachtzeit, die Bereitung gekochter Arzneyen in dem entfernten Laboratorium vorzunehmen“. Doch es blieb bei Plänen, denn Völters Frau starb noch im selben Jahr und Völter, dessen Profession von manchen auch Giftmischer und Pillendreher genannt wurde, gab sein Geschäft auf.
Nach dem Umzug der Apotheke 1848 blieb das Laborgebäude 140 Jahre lang sich selbst überlassen. Bis Sartorius zusammen mit anderen Mitgliedern der Historischen Gesellschaft Bönnigheim 1987 den baufälligen Schuppen im verwilderten Garten in der Kirchstraße genauer unter die Lupe nahm und darin ein verborgenes Schmuckstück entdeckte.
Inzwischen hat sich die Bruchbude von damals zu einem kleinen, feinen Museum gemausert. Das Team um Sartorius konzipierte eine Ausstellung zum Thema „Alkohol in der Medizin“ und kann damit erneut den Anspruch auf Einzigartigkeit erheben. Denn in keinem anderen Apothekermuseum wird das Thema dargestellt. In Bönnigheim ergänzt es zudem das Schnapsmuseum im Steinhaus. „Bönnigheim lag an einer Handelsstraße und wir hatten 21 Wirtschaften“, erklärt Sartorius. „Alkohol durfte von Apothekern nach der Sperrstunde ausgeschenkt werden.“
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Das Schnapsmuseum wurde 1993 eröffnet, die Arzney-Küche neun Jahre später. Mit Leidenschaft, Akribie und Ausdauer hat der 73-Jährige mit seinen Mitstreitern die vielen Exponate, die auf den zwei Etagen ausgestellt sind, über die Jahre zusammengetragen. Im Museum werden historische Destillieranlagen sowie Geräte zur Verarbeitung von Heilkräutern ausgestellt. Darunter auch einige Leihgaben des Deutschen Apotheken-Museums in Heidelberg, wie etwa den großen Laboratoriumstisch im Erdgeschoss, der ursprünglich aus einer Apotheke in Darmstadt stammt. Die Ausstellung zeigt den Umbruch von der handwerklichen Arzneimittelherstellung zur industriellen Produktion.
Noch bevor man das Museum betritt, fällt ein großes schmiedeisernes nach einem Original angefertigtes Apothekenschild und eine Apothekenlampe auf, die aus der Zeit des Dritten Reiches stammt – erkennbar an der Geburtsrune im gotischen A. Im Inneren riecht es nach Kräutern. Heute sammeln sie Vereinsmitglieder, früher bauten sie die Apotheker teilweise selbst in Gärten an um sie dann in der Arzneyküche weiterzuverarbeiten. Kräuter, Wurzeln, Blätter und Blüten wurden in lichtgeschützten Behältern aus Holz und Pappe aufbewahrt. Holz war billig und leicht zu verarbeiten. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Blechdosen auf. Ein ganzes Sammelsurium ist im Dachgeschoss zu sehen – wo auch die Geschichte der Bönnigheimer Apotheker nachzulesen ist.
Ganz besonders zum Leuchten kommen Sartorius Augen, wenn er die große Destillieranlage im überwölbten Laborraum erklärt. Sie stammt aus dem Jahr 1900, konnte wie ein Baukasten erweitert werden und war bis 1980 in Betrieb. Der Dampfkessel wurde ursprünglich mit Kohle beheizt und später elektrifiziert, eine Wasserstrahlpumpe im Kühler daneben erzeugt Unterdruck für den zentralen Vakuumdestillierkessel. „Dadurch konnte schon bei niederer Temperatur destilliert werden“, erklärt Sartorius und streichelt zärtlich über die Apparatur.
Mit Hilfe von Alkohol lassen sich die Wirkstoffe aus Heilpflanzen herauslösen und konservieren – das war früher so und das ist heute so. „Jeder Apotheker musste bei seiner Ausbildung eine Drogensammlung anlegen“, erklärt der 73-Jährige und lächelt. „Und in die Kategorie Drogen fiel eben all das, was mit Alkohol angesetzt wurde.“
Das Museum
Öffnungszeiten
Die Arzney-Küche hat jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr sowie nach Anmeldung uner Telefon 0 71 43 / 22 56 3 geöffnet.
Führung
Jürgen Franssen führt am Pfingstsonntag, 5. Juni, von 14 bis 16 Uhr durch die Arznex-Küche. Außerdem wird er im Rahmen der Führung den Destillationsvorgang demonstrieren.