Arbeitnehmer in Baden-Württemberg Viel weniger Krankmeldungen durch Corona

Im Frühjahr gab es ein Hoch bei den Krankmeldungen. Doch schon im Mai hat sich das drastisch geändert. Foto: picture alliance/dpa/Christin Klose

Obwohl die Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus steigen, melden sich deutlich weniger Menschen als in den vergangenen Jahren arbeitsunfähig. Das liegt nicht nur daran, dass viel mehr Beschäftigte von zuhause aus arbeiten können.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Stuttgart - Der Hals kratzt. Man fühlt sich ein wenig schlapp. Und hat einen in der Nacht nicht ein kurzer Hustenanfall geweckt? Wer in diesem Jahr Erkältungssymptome bei sich feststellt, bei dem schrillen die Alarmglocken: lieber zu Hause bleiben, ist die Devise. Denn die Corona-Infektionszahlen schießen trotz dem Teil-Lockdown nach wie vor in die Höhe. Was aber bemerkenswert ist: Die erhöhte Vorsicht der Mitarbeiter und das häufigere Zuhausebleiben bedeutet nicht, dass Firmenchefs verzweifeln müssen, weil ihre Beschäftigten ihre Arbeit nicht mehr erledigen können. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade wegen der Corona-Pandemie haben sich in Baden-Württemberg in diesem Jahr bisher viel weniger Menschen als üblich krankschreiben lassen.

 

Zahl der Unfälle ging zurück

„Zum Beginn der Pandemie wurden mehr Krankmeldungen ausgestellt. Danach lag die Zahl aber deutlich unter der in den Vorjahren“, informiert Hubert Forster für die 600 000 Erwerbspersonen (Beschäftigte und Empfänger von Arbeitslosengeld I) der Techniker Krankenkasse (TK) in Baden-Württemberg. Dies führt er auf bessere Hygienemaßnahmen und mehr Homeoffice zurück. Dadurch sei die Zahl der Sport-, Schul- und Wegeunfälle zurückgegangen, Arztbehandlungen seien verschoben worden.

Zudem wurden in diesem Jahr deutlich weniger akute Atemwegserkrankungen diagnostiziert, heißt es im Monatsreport der Krankenkasse IKK Classic. „Von Januar bis September reichten in Baden-Württemberg 53 449 Versicherte eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mit dieser Diagnose ein, im Vorjahreszeitraum waren es 60 263 – das entspricht einem Rückgang von 11,3 Prozent.“ Besonders deutlich sei diese Tendenz im Mai zu spüren gewesen, damals betrug die Zahl der Meldungen mit 2627 nur gut ein Drittel des Vorjahreswerts (7157 Meldungen).

Von Mai an sind die Zahlen gesunken

Zum Frühjahrsbeginn war dies noch ganz anders gewesen: Im März hatten sich im Südwesten 24 083 Versicherte der IKK Classic wegen Atemwegsinfekten krankgemeldet, 42 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch im April hatte die Zahl der Krankschreibungen wegen Atemwegsinfekten mit 9668 noch um neun Prozent über dem Vorjahresniveau von 8864 Krankmeldungen gelegen. Ähnlich war es bei der TK: „Vom 16. bis zum 20. März wurde mit einem Krankenstand von 5,74 Prozent der höchste Wert seit 20 Jahren erreicht“, sagt Hubert Forster. Corona-Krankmeldungen hätten dabei nur eine marginale Rolle gespielt, von März bis Mai sei bei nur 0,02 Prozent der Erwerbspersonen Covid-19 diagnostiziert worden. „Einen Zusammenhang gibt es trotzdem: Wegen Corona haben viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter gebeten, bei Erkältungssymptomen lieber nicht ins Büro zu kommen.“

Von Mai an sind die Krankschreibungen dann stark gesunken. So lag vom 18. bis zum 22. Mai der Anteil der Krankgemeldeten bei der TK bei 2,66 Prozent (2019: 3,41 Prozent). In der mittleren Juniwoche waren es sogar nur noch 1,56 Prozent (2019: 2,78 Prozent, 2018: 3,19 Prozent). Und auch zum Herbstbeginn lag der Anteil der Krankgeschriebenen weit unter dem Normalwert: Laut der Handwerker-Krankenkasse im Land waren im September von den mehr als 300 000 bei der IKK Classic versicherten Arbeitnehmern 10,5 Prozent arbeitsunfähig, im September 2019 betrug der Wert 12,5 Prozent.

Für Baufirmen funktioniert Homeoffice schlecht

Wer von zu Hause aus arbeiten kann, der kann dies auch mit einem leichten Schnupfen oder Husten tun – und braucht nicht immer eine Krankmeldung. Doch was machen Firmen, bei denen sich Homeoffice eher schwierig gestaltet? Bei der Baufirma Leonhard Weiss etwa seien 60 Prozent der Beschäftigten immer auf Baustellen, informiert Julia Kunkel aus der Marketingabteilung. Dennoch habe das Göppinger Unternehmen bisher weitgehend ohne Einschränkungen arbeiten können. Bei auswärtigen Übernachtungen sollen die Mitarbeiter nun in Einzelzimmern schlafen, die Vesper- und Mittagspause nur in kleinen Gruppen machen.

In der Baubranche hat man den Vorteil, dass die Mitarbeiter meist an der frischen Luft arbeiteten, wo das Ansteckungsrisiko viel geringer ist als in geschlossenen Räumen. „Personalprobleme hatten wir deshalb nicht“, sagt Julia Kunkel. Was Leonhard Weiss jedoch Schwierigkeiten bereite, seien die zunehmend komplexen und unübersichtlichen Corona-Regelungen. „Unsere Mitarbeiter kommen aus der ganzen Bundesrepublik, unsere Baustellen finden sich ebenfalls in ganz Deutschland, teilweise auch im Ausland.“ Je nach Bundesland und Kreis wisse man kaum noch, ob und wo man Mitarbeiter unterbringen könne. Die Baufirma wünscht sich einheitliche Regeln.

Keine einzige Infektion bei Friseuren

Auch Friseure können naturgemäß nicht im Homeoffice arbeiten. Dennoch hat der in Böblingen ansässige Friseur Keller mit mehreren Salons im Land in diesem Jahr nicht mehr Krankmeldungen als sonst registriert. „Wir haben uns der neuen Situation gut angepasst, terminieren sinnvoll und sind gut organisiert“, sagt Melanie Obenauf. Sie ist bei Keller zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.

Durch die strengen Hygienemaßnahmen – viel Platz zwischen den Plätzen sowie Plexiglaswände, Maskenpflicht sowie keine Behandlungen im Gesicht wie Augen- oder Bartpflege – habe es keine bekannten Übertragungen in den Salons gegeben, und das, obwohl es vereinzelt positiv getestete Kunden gab. Bei den rund 250 Mitarbeitern sei jedoch keine einzige Infektion nachgewiesen worden: „Wir alle fühlen uns sehr sicher“.

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