Arbeitserlaubnis fehlt Pflegekräfte auf der Wartebank

Barbara Stobrawe kümmert sich um die Bewohner im Wohnbereich 1 des Hauses am Maienplatz. Und hat große Probleme, alle Schichten zu besetzen. Foto: /Stefanie Schlecht

Tekla Jijavadze aus Georgien ist Pflegefachkraft und möchte im Haus am Maienplatz in Böblingen arbeiten. Die Hausleitung möchte das auch. Was fehlt, ist die Arbeitserlaubnis. Auf die warten alle sehnsüchtig – seit Wochen. Und Tekla Jijavadze ist nicht der einzige solche Fall im Haus.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Alle Schichten zu besetzen, ist für Barbara Stobrawe eine große Herausforderung. Sie leitet den Wohnbereich 1 im Haus am Maienplatz, einem Seniorenzentrum in Böblingen. 37 betagte Menschen wohnen in ihrem Bereich, werden täglich versorgt und gepflegt. So gut es eben geht. Denn Barbara Stobrawe fehlt Personal.

 

Das ist in der Pflege nichts Neues. Barbara Stobrawe hätte aber eigentlich mehr Personal. Nur dürfen einige von ihnen nicht arbeiten: Die Arbeitserlaubnis fehlt.

Eine dieser Personen ist Tekla Jijavadze. Die aufgeweckte 26-Jährige ist vor fünf Jahren aus Georgien nach Deutschland gekommen. Zunächst arbeitete sie als Au-pair, dann machte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), unter anderem in einem Altersheim in Stuttgart. „Das hat viel Spaß gemacht“, sagt sie auf schnellem Deutsch – die Sprache hat sie im Alltag gut gelernt.

Seit Mitte Februar hat sie nichts vom Ausländeramt gehört

Also bewirbt sie sich für eine Ausbildung zur Pflegefachkraft im Haus am Maienplatz. Ende Januar schließt sie die Ausbildung ab. „Es war schwer“, sagt sie. Aber sie hat es geschafft. Dass sie beim Haus am Maienplatz bleiben will, steht nie zur Debatte. Das Haus am Maienplatz will sie auch. Das Problem: Sie braucht eine Arbeitserlaubnis. Nachdem sie ihr Zeugnis erhält, schickt sie alle Unterlagen zur Ausländerbehörde. Mitte Februar ist das. „Seitdem habe ich gar nichts gehört.“

Sie ruft an, verschickt Mails und steht beim Ausländeramt auf der Matte, um nachzuhaken. Niemand gibt ihr Auskunft. Auf der Webseite des Ausländeramts der Stadt Böblingen steht: „Derzeit ist mit längeren Bearbeitungs- und Wartezeiten zu rechnen.“ Von mehrfachen Nachfragen, so bittet das Amt, sei abzusehen.

Tekla Jijavadze möchte unbedingt so schnell wie möglich arbeiten /Stefanie Schlecht

Also wartet Tekla Jijavadze. Und dreht dabei fast durch. Arbeitslosengeld oder Bürgergeld bekommt sie nicht. Sie lebt bei ihrem Freund, ihr Leben finanziert er zurzeit von seinem Gehalt. „Da habe ich Glück“, sagt sie. Was sie am meisten beschäftigt, ist, dass sie nicht planen kann. Jeden Moment rechnet sie damit, dass die Arbeitserlaubnis kommt. Aber sie kommt einfach nicht.

Immerhin wartet ihr Vertrag auf sie. Cosmina Halmageanu, die Leiterin des Hauses am Maienplatz, lässt ihre Mitarbeiterin nicht im Stich. Das ist aber nicht selbstverständlich: „Unternehmen sind nicht verpflichtet, auf die Arbeitnehmer zu warten", sagt sie. Sie und die Evangelische Heimstiftung, die das Haus am Maienplatz betreibt, geben alles für ihre Mitarbeiter: Sie organisieren Wohnungen, unterstützen sie mit den Behörden und suchen nach Sprachschulen. Werden die Fachkräfte direkt aus dem Ausland rekrutiert, holen sie sie sogar vom Flughafen ab. Auch, weil sie die Arbeitskräfte schlicht und einfach brauchen.

Auch wenn ihr Einsatz scheinbar grenzenlos ist – der Frust ist auch bei Cosmina Halmageanu durchzuhören. „Die Kolleginnen wollen arbeiten, und ich kann sie nicht beschäftigen“, sagt sie. Sie sieht die Schuld aber nicht beim Ausländeramt. Dass dort auch Vieles im Argen liegt, darüber hat sie schon mit dem Amtsleiter gesprochen. Personalmangel, immer komplizierter werdende Gesetze, Krisen wie Corona und der Krieg gegen die Ukraine – all das sind Probleme, die das Ausländeramt Böblingen hat. Das bestätigt auch die Pressestelle der Stadt.

Zudem muss sich das Ausländeramt mit anderen Behörden wie den Regierungspräsidien, der Agentur für Arbeit und Handwerkskammern abstimmen. Zusätzlicher Aufwand, zusätzlicher Nährboden für Probleme. Für all das hat Cosmina Halmageanu Verständnis. Trotzdem braucht sie die Papiere, um die Leute beschäftigen zu können.

„Die Kolleginnen wollen arbeiten, und ich kann sie nicht beschäftigen“, sagt Cosmina Halmageanu /Stefanie Schlecht

Tekla Jijavadze ist nicht die einzige im Haus am Maienplatz, die solche Probleme hat. Ein Kollege von den Philippinen wollte im vergangenen September sein FSJ beginnen und bekam die Arbeitserlaubnis erst im Februar 2024. Er war zuvor ebenfalls Au-pair bei einer Stuttgarter Familie gewesen und hatte danach seine Aufenthaltserlaubnis verloren – um die wiederzubekommen, musste er vor der Ausländerbehörde Stuttgart übernachten. Nun wohnt er in Böblingen. Die Arbeitserlaubnis erhielt er zwei Tage, nachdem seine Gastfamilie einen Anwalt einschaltete. Das könnte auch Zufall gewesen sein, sagt Cosmina Halmageanu. Aber das Timing ist verdächtig.

Ein weiterer Angestellter aus Togo bekam über Jahre seine Arbeitserlaubnis immer nur für drei Monate. Danach musste er wieder beim Ausländeramt antanzen und sie neu beantragen – jedes Mal dauerte es fünf bis sieben Tage, in denen er nicht arbeiten konnte. Diese – und noch mehr – Fälle muss Barbara Stobrawe einberechnen, wenn sie Dienstpläne macht.

Aufgeben? Auf keinen Fall

Aufgeben kommt für Tekla Jijavadze nicht in Frage. „Aber Tekla ist jung“, sagt Barbara Stobrawe. „Viele haben irgendwann die Kraft nicht mehr.“

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