Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg Zweifel am Jobwunder im Land

Von age 

Ein Studie des DGB-Landesverbandes hat ergeben, dass trotz der im Bundesvergleich guten Konjunktur auch in Baden-Württemberg immer mehr Menschen nur eingeschränkt Arbeit finden – entweder in Teilzeit, in Minijobs oder befristeten Arbeitsverhältnissen.

Im Reinigungsgewerbe sind prekäre Arbeitsverhältnisse die Regel. Foto: dpa-Zentralbild
Im Reinigungsgewerbe sind prekäre Arbeitsverhältnisse die Regel. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Trotz solider Wirtschaftsdaten nimmt auch im Südwesten die Zahl der Menschen zu, die sich mit befristeten, schlecht bezahlten oder nur in Teilzeit zur Verfügung stehenden Jobs durchschlagen müssen. Dies ist das Ergebnis einer vom DGB-Landesverband Baden-Württemberg in Auftrag gegebenen Untersuchung zu atypischen und prekären Arbeitsverhältnissen im Land.

Das deutsche Jobwunder falle bei näherem Hinsehen in sich zusammen, sagte der DGB-Landesvorsitzende Nikolaus Landgraf bei der Vorstellung der vom Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie (INIFES) in Augsburg erstellten Studie. Baden-Württemberg sei kein Musterland, sondern liege im problematischen bundesweiten Trend. „Eigentlich hätte man angesichts der positiveren Arbeitsmarktentwicklung im Land von einer anderen Entwicklung ausgehen müssen“, sagte Landgraf. Zurzeit hätten 38,9 Prozent der Beschäftigten in Baden-Württemberg keinen sozialversicherungspflichtigen und unbefristeten Vollzeitarbeitsplatz. Vor zwei Jahren waren es 31,8 Prozent. Das größte Risiko, nur eingeschränkt Arbeit zu finden, haben junge Menschen, Frauen im mittleren Alter, Ausländer und Ältere am Ende des Erwerbslebens.

Besonders deutlich ist die Entwicklung bei den Teilzeitarbeitsplätzen. Sie haben unabhängig von der Konjunktur seit mehr als einem Jahrzehnt zugenommen. Der Sozialwissenschaftler Ernst Kistler, der die Studie verfasst hat, warnte davor, dies nun als Zeichen gewandelter Lebensentwürfe zu interpretieren. „Oft werden Teilzeitjobs wegen familiärer Verpflichtungen angenommen, etwa wegen der Kinderbetreuung oder der Versorgung von Pflegefällen. Aber was ist daran freiwillig?“ , sagte Kister. Gerade Frauen, die besonders häufig solche Arbeitsplätze besetzen, bleibe mangels Betreuungsangeboten keine andere Wahl.

Die Entwicklung weg vom traditionellen Vollzeitarbeitsplatz hat viele Gesichter. So hat sich im Land der Anteil befristeter Verträge an den Arbeitsverhältnissen im vergangenen Jahrzehnt auf rund acht Prozent fast verdoppelt. Die Zahl der Leiharbeiter wächst laut der Studie in Baden-Württemberg schneller als im Bundesdurchschnitt. Da dieser Bereich zunehmend reguliert werde, stiegen zurzeit viele Unternehmen auf Werkverträge um, bei der im Gegensatz zur Leiharbeit nicht Arbeitnehmer vorübergehend übernommen, sondern Arbeit extern vergeben wird.

Der öffentliche Dienst ist nicht besser als die Privatwirtschaft

Der öffentliche Dienst sei in Baden-Württemberg kein Vorbild, sagte der DGB- Landeschef. Dort sei die Quote befristeter Anstellungen höher als in der Privatwirtschaft. „Ein besonderes Ärgernis ist die Praxis der Landesregierung, Lehrkräfte nur bis zum Ende des Schuljahres einzustellen, sie über die Ferien in die Arbeitslosigkeit zu entlassen und sie danach wieder einzustellen“, sagte Landgraf.

Dramatisch sei der Trend für die Rentenkassen. „Die Zunahme atypischer ­Beschäftigung verschärft nicht nur die gesellschaftliche Spaltung, sie verschiebt auch Lasten in die Zukunft“, sagte der DGB-Landeschef. Während die Arbeitgeber von niedrigeren Lohnkosten profitierten, etwa weil sie Sozialversicherungsbeiträge sparten, blieben die Steuerzahler auf den Folgekosten sitzen. Sie müssten die ­Folgen prekärer Beschäftigung im Alter in Form der steuerfinanzierten Grund­sicherung bezahlen. Die Konsequenzen der bruchstückhafter werdenden Erwerbsbiografien seien schon spürbar, sagte der ­Sozialwissenschaftler Kistler: „Menschen, die im Jahr 2011 in Rente gegangen sind, bekommen im Durchschnitt ein Fünftel weniger an Rentenkaufkraft als im Jahr 2000.“

Der DGB will deshalb im Bundestagswahlkampf für geänderte politische Rahmenbedingungen werben. Es müsse nicht nur härtere Gesetze für Werkverträge geben, sondern auch die Hartz-Reformen müssten zurückgefahren werden. Zumutbar für Arbeitslose dürfe beispielsweise nur noch Arbeit sein, für die ein tariflicher oder gesetzlicher Mindestlohn gezahlt werde.