Falsche Geschäftsmodelle
Ausbeutung bei der Gewerkschaft? Während der über 2,5 Stunden dauernden Sitzung gibt es keine Pausen. Einige Redner prangern das an. Keine Ausbeutung, korrigiert Jürgen Groß. Vorsichtsmaßnahmen wegen Corona. Dennoch geben sich die Delegierten über die gesamte Distanz der Mammut-Session kampfeslustig. Es seien die Arbeitnehmer, die die Gewinne der vergangenen goldenen Jahre erwirtschaftet hätten, schmettert erster Bevollmächtigter Gerhard Wick in den Saal. Aber: „Die Geschäftsmodelle der Firmen haben uns in die Krise geführt.“ Ein konjunktureller Einbruch wurde nach langen Jahren des wirtschaftlichen Hochs zwar erwartet, doch Corona habe diese finanziellen Einbrüche wie ein Brennglas noch verstärkt, und die Unternehmer seien „gefangen im Erfolg“. Wegen der satten Gewinne sei der Transformationsprozess, die Umwandlung von Verbrennermotoren zu anderen Antrieben verschlafen worden, was die Autobranche und ihre Zulieferer nun schmerzhaft zu spüren bekommen: „Ein Zurück zu alten Modellen wird es nicht geben.“ Ein Hoffnungsschimmer sei aber Daimler Truck Fuelcell. Gerhard Wick hofft, dass sich das Joint Venture mit Volvo zur Entwicklung und Produktion von Brennstoffzellen für Lkw in der Pliensau ansiedelt.
Horrorszenario und Gegenrezepte
Ein Horror-Szenario zeichnete auch Jörg Hofmann. Der IG-Metall-Chef sprach von Angebots- und Nachfrage-Krisen, dem Sinken des privaten Konsums im zweiten Quartal um 6,9 Prozent, Corona, einer schlimmen Rezession, Transformationsfolgen, dem Durchbrechen von Lieferketten und internationalen Fehlentwicklungen. 2008/09 habe sich die Lage nach wenigen schwierigen Monaten entspannt, die aktuelle Situation erinnere ihn eher an 1994/’95, als eine Million Arbeitsplätze im Bereich der IG Metall abgebaut werden sollten. Seine Gegenrezepte – Transfer-Kurzarbeitergeld und Verlängerung des Arbeitslosengeldes, der aktive Aufbau strukturschwacher Regionen, die Förderung regionaler Weiterbildungsverbünde, Nachsteuerung des Konjunkturpakets und vor allem die Vier-Tage-Woche bei einem Teillohnausgleich.
Vorteile der Vier-Tage-Woche
Durch die Arbeit an vier Tagen mit jeweils acht Stunden pro Woche könnten Arbeitsplätze und Betriebe gesichert, Arbeitszeitwünsche erfüllt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. Und für seine Lieblingsidee führte Jörg Hofmann weitere Vorteile ins Feld: Die Vier-Tage-Woche sei die passende Antwort auf den Strukturwandel, weniger Pendler sorgten für mehr Klimaschutz, das Medienecho auf diesen Vorschlag sei breit und positiv. Die bevorstehende Transformation könne durch Produktionszuwächse zu Überkapazitäten führen, eine Arbeitszeitverkürzung könne daher zur Beschäftigungssicherung führen. Einfach, weil die verbleibende Arbeit auf mehr Beschäftigte verteilt wird. Zudem sprach sich der IG-Metall-Chef für Erhalt und Ausbau von Ausbildungsplätzen und dualem Studium aus, sonst würde es in einigen Jahren keine Facharbeiter mehr geben. Daher müsse vorausschauend gedacht werden: „Eine Ausbildung ist nicht wie Brezelbacken. Sie dauert drei Jahre.“
Ein Blick auf Arbeitsplätze in der Region
Geplante Entlassungen: Nach Zahlen der IG Metall Esslingen ist der Abbau von etwa 1500 Stellen in der Region geplant. Entlassungen stehen laut Gewerkschaft an bei Eberspächer (300 Arbeitsplätze), Balluff (240), IST-Metz (80), Logwin (25), Müller-Martini (30) und Hilite (35). Die Firma Gehring befindet sich in der Insolvenz.
Verhandlungen zur Beschäftigungssicherung: Fast in jedem Betrieb gibt es laut Gewerkschaft „Freiwilligenprogramme“ zum Personalabbau. Verhandlungen zur Beschäftigungssicherung laufen mit Recaro und Single, beantragt wurden Verhandlungen mit Index und Nagel.
Tarifverhandlungen: Tarifbindungen konnten mit Textil Südwest, Vohtec und Johnson Controls erreicht werden, bei Greiner Bio one kam es zu Entgelterhöhungen.
Beendigung der Kurzarbeit: Dank guter Auftragslage konnte die Kurzarbeit bei Metabo, Festool und Bosch PT beendet werden. Bei Festo werde das Kurzarbeitergeld laut Gewerkschaft vermutlich auslaufen.
Chancen: Die Gewerkschaft hofft auf eine Ansiedlung von Daimler Truck Fuelcell in der Pliensau. Geplant sei ein Joint Venture mit Volvo zur Entwicklung und Produktion von Brennstoffzellen für Lkw.