Architekt baut Tiny Houses Wohnen auf kleinem Raum im Schönbuch

Eine seltene Regenpause nutzten die Gäste des Tags der offenen Tür für einen Plausch auf den aufgestellten Bierbänken. Foto: Stefanie Schlecht

Der Architekt Michael Ehmann entwirft und baut so genannte Tiny Houses. Er will damit auf die Wohnform aufmerksam machen, die bei Minimalisten und Aussteigern schon länger beliebt ist.

Böblingen: Julia Theermann (the)

Regen und Wind treiben die Menschen bekanntlich ins Haus. Normalerweise in das eigene, aber das ist ja nicht immer zuhanden. Sehr praktisch also, dass Michael Ehmann an einem Feldrand in Weil im Schönbuch gleich zwei kleine Häuschen aufgestellt hat. Der gelernte Zimmermann und Architekt hatte am Samstag zum Tag der offenen Tür(en) in seine Tiny Houses geladen.

 

Das Wetter spielte ihm dabei über Umwege in die Karten. Schneidender Wind und Schauer wechselten sich mit Sonnenschein ab, und sorgten für einen steten Andrang an den Eingängen der Tiny Houses. „So winzig, wie ihr Name vermuten lässt, sind die übrigens gar nicht. Mit ihrer Berghütten-Optik im Innern lassen die Häuschen direkt Urlaubsstimmung aufkommen. „Die Giebeldächer haben etwas Gefälliges“, erklärt Ehmann. Der Architekt hat die Dächer extra so entworfen, dass sie eingeklappt werden können. So kann beim Transport die maximale Höhe von vier Metern eingehalten werden.

Sesshaft auf Zeit

Dennoch: Das Nomadenleben, von dem der ein oder andere in Bezug auf die Winzhäuser träumen mag, ist mit Ehmanns Kreationen etwas schwieriger zu bewerkstelligen. Das Grundstück am Hungerbergweg hat er zunächst für zehn Jahre gepachtet. Das würde auch die hohen Rüstkosten sinnvoll machen. Wie viel Geld genau Ehmann in die Hand genommen hat, darüber schweigt er. So viel allerdings: Dreieinhalb Jahre hat er an den Häusern gebaut – komplett in Eigenregie. „Es waren harte Jahre“, verrät Ehmanns Frau Tabea. „Wir haben wirklich hingefiebert auf den Tag, an dem alles fertig ist.“

Beim Tag der offenen Tür herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, die Menschen verweilen nur kurz unter dem Pavillon, unter dem Kässpätzle, Schupfnudeln, Bratwürste und Getränke angeboten werden. „Wir haben etwa 330 Essen ausgegeben“, sagt Ehmann im Nachgang. „Entsprechend ist meine Schätzung, dass rund 500 Personen zu Besuch waren.“

Vom Pick-up zum Lastwagen

Bevor am Nachmittag die Sonne durch die Wolken bricht, bringt der Wind den Pavillon an seine Grenzen. Eine Zeit lang müssen ihn vier Personen festhalten. „Die Leute in der Warteschlange haben es mit Humor genommen“, so Ehmann.

Das Thema Tiny Houses begleitet den 45 Jahre alten Architekten, der selbst in einem normal großen Haus lebt, schon seit 2017. „Damals wollte ich ein Wochenendhaus auf einem Pick-up-Truck bauen.“ Da er auf einen gewissen Komfort nicht verzichten wollte, baute Ehmann gleich ein paar Nummern größer. „Bei den Häusern auf Pkw-Hängern bin ich zum Leichtbau gezwungen“, sagt er. Bei Ebay-Kleinanzeigen ersteigerte er zwei verzinkte Wechselbrücken für Lastwagen.

Faszination Tiny House

Für den Bau seiner Tiny Houses bedurfte es einer Baugenehmigung, Ehmann musste beim Gemeinderat vorsprechen. Dort hätten alle positiv reagiert. „Wir haben das als Gemeinde gerne unterstützt“, sagt Bürgermeister Wolfgang Lahl. „Mit solchen modernen Wohnformen könnte man ja vielleicht etwas gegen die Wohnungsnot tun – natürlich im Bewusstsein, dass so etwas nicht für jeden geeignet ist.“ Und tatsächlich: barrierefrei sind die Tiny Houses wahrlich nicht. „Das ist eindeutig nur was für Leute unter 60 Jahren“, findet ein Gast, der sich ebenfalls in seiner Freizeit mit dem Thema befasst.

Michael Ehmann hofft indes, seine Häuschen möglichst häufig vermieten zu können, um mit den Rückmeldungen sein Design zu verbessern. „Der ein oder andere hat mich richtig mit Fragen gelöchert“, sagt Ehmann. Batteriesystem, Kapazität und Genehmigungsfähigkeit waren dabei häufig Thema.

Tiny House auf Dauer?

Zur Autarkie ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Beide Häuser haben auf dem Dach Solarelemente, die Strom erzeugen und speichern. Doch an nebeligen oder bedeckten Wintertagen müsse vermutlich Strom zugekauft werden. Die Tiny Houses Marke Eigenbau haben je eine Terrasse, und auch im Innern geht es nicht so beengt zu, wie der Name vermuten lässt.

Trotz der 19 beziehungsweise 23 Quadratmeter – jeweils plus zwei Emporen als Schlafbereich – kann man fast überall aufrecht stehen. Sogar ein Esstisch mit Stühlen passt rein. Küchenzeile, Bad, Sitzecke – hier lässt es sich einige Tage aushalten. Das ist auch die Meinung vieler Gäste. „Mama, dürfen wir hier mal schlafen?“, ruft ein kleiner Junge von der Empore. Für viele ist aber klar: Für den Urlaub ja, auf Dauer aber lieber ein normal großes Haus. Michael Ehmann hat Ideen für weitere Tiny Houses mit besonderen Eigenschaften. Doch aktuell will er sich erst einmal seiner Familie widmen.

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