Architekt Jakob Dunkl Was denkt der Wiener über Stuttgart?

Für die Wiener Seestadt Aspen steuerte das Büro Querkraft einen Holzkomplex bei. Foto: Hertha Hurnaus

Der Architekt Jakob Dunkl ist in Stuttgart groß geworden. Heute arbeitet er in Wien mit Fleiß an der Stadt der Zukunft. Wie beurteilt er die Entwicklung in seiner alten Heimat?

Wien - Jakob Dunkl ist ein „effizienter Mensch“, wie er selber meint: Er mag nicht unnötig Zeit verlieren. Also nimmt er in der Früh das Radl, wenn er von seiner Wohnung im Margaretenhof in der Nähe vom Naschmarkt zum Architekturbüro am Wiener Börseplatz im Ersten Bezirk fährt, auch wenn der Regen schräg fällt. Luft, Licht und Sicht sind immer gratis. Tausende Male ist er die Strecke schon gefahren, hat aber auf dem Weg immer noch oft das Gefühl, den „doppelten Jackpot“ mitzunehmen. Als Mensch und Architekt.

 

Im Ersten Bezirk arbeiten zusammen mit Dunkl, Sohn steirischer Eltern und 1963 geboren in Frankfurt am Main, die zwei Partner Gerd Erhartt und Peter Sapp sowie zeitweise 35 Mitarbeiter. Der hohe, weiße Riesenraum war einmal Teil eines Prachtbaus der Wiener Ringstraße, schönste Neorenaissance. Jetzt ist es der Ort, wo sich, zumindest zu einem Teil, die Zukunft von Wien mitentscheidet – Querkraft Architekten nämlich, wie sich Dunkl, Erharrt und Sapp als Firma nennen, bauen Wohnanlagen mit Kindergärten und Vorschulen, Unternehmensgebäude, Hochhäuser, Museen und Einfamilienhäuser. Es ist alles dabei.

Und es ist alles transparent: Es gibt keine abgeschlossenen Meetingbereiche, die Hierarchie ist weniger wichtig als die Struktur („Das beste Argument muss gewinnen“), und jeder weiß hier von jedem, was er verdient (was nie „hundertprozentig gerecht sein kann“, wie Dunkl sagt). Auch geschafft wird effizient: „Freitagnachmittags und am Wochenende gibt’s uns eher nicht im Büro.“ Und schon ist man, wie gesprächsweise nicht anders zu erwarten im Moment, beim Thema Nummer eins, wenn es um den Städtebau geht: dem Auto.

Nicht, dass Jakob Dunkl grundsätzlich etwas dagegen hätte. Sein erster Wagen, mit Achtzehn und damals noch in Stuttgart (worauf zu kommen sein wird) war ein BMW Touring, und den ist er lange Zeit gefahren. Auch ein Porsche Cabrio sei an sich, also von der Form her, „wunderschön – aber: es ist doch eine überkommene Technologie, und unsere Städte könnten ganz anders ausschauen, wenn wir umdenken würden, und das kommt“.

Die österreichische Hauptstadt wird zur Megacity

Warum zum Beispiel wollten die Menschen nicht gerne im Erdgeschoss wohnen? Das ist das „fahrende Blech mit seinen Emissionen“, sagt Dunkl, klar. Da sei aber auch „das stehende Blech“, mit denen die Straßenzüge verstopft würden. Und am Ende, setzt Dunkl hinzu – denn ihm liegen solche Pointen –, „fährt man ein paar Kilometer, um sein Semmerl in der Großbäckerei an der Peripherie zu kaufen“, weil der Bäcker (im Erdgeschoss) ja längst zugesperrt hat.

Vor gut hundert Jahren, um 1900, lebten zehn Prozent der Weltbevölkerung in Städten, 2050 werden es 75 Prozent sein. Wien, das vor dem Fall der Grenzen und der Osterweiterung Europas einmal eine „schwarze, manchmal bedrückende Stadt war“ (Dunkl), steht in den Vergleichen, wenn es um Wohn- und Lebensqualität geht, seit Längerem regelmäßig oben und erwartet derzeit 25 000 Menschen mehr per anno. Noch ein Jahrzehnt und die österreichische Hauptstadt nähert sich der Einwohnerzahl von Paris.

Wie überlebt man da, menschengerecht? Wien hat, gerade was den sozialen Wohnungsbau angeht, der hier Gemeindebau heißt, historisch seine Meriten, aber auch die Zukunft nicht verschlafen: zum Beispiel in der Seestadt Aspern (für 20 000 Menschen), die bereits zwei Jahre nach ihrer Eröffnung längst nicht mehr einer klassischen Trabantenstadt entspricht. Sieben Kilometer östlich vom Kern gelegen und bequem mit der U-Bahn zu erreichen, hat sie von Anfang an und unter der kundigen Regie dänischer Städteplaner, die eine „Partitur des öffentlichen Raums“ erstellten, durch geschickte Mischung sowohl die Anmutung einer reinen Wohnstadt wie das pure Industrieviertel vermieden. Das Büro Querkraft, anfangs kollektiv ein wenig skeptisch, hat da beispielsweise einen ansehnlichen Holzkomplex beigesteuert mit weit entfernten Garagen, um die „Erwachsenen nach der Arbeit noch 70 Meter auf dem Trottoir“ zu halten, wie Dunkl sagt. Die Stadt verödet da am ehesten, wo sie nicht von Menschen belebt ist.

Erinnerungen an Bad Cannstatt und Breuninger

Jakob Dunkls Vater, auch schon Architekt, bekam Mitte der sechziger Jahre einen Ruf ans Stuttgarter Zentralarchiv für Hochschulbau, also zogen Dunkls nach Bad Cannstatt aufs Steinhaldenfeld über dem Neckar. Der Bub ging aufs Johannes-Kepler-Gymnasium, wo er Schwäbisch geschwätzt hat, und was ein schöner Blick über Weingärten hinweg ist, wusste er da jedenfalls schon mal zu schätzen. Jakob Dunkl erinnert sich an ein „Kleinstadtleben mit einmal Breuninger im Vierteljahr“, vor allem aber an eine Stadt, in der das Grün bis ins Zentrum reichte („absolut bewahrenswert!“), und immer, wenn einer heute was gegen Stuttgart sagt („No ja“), kommt er bei Dunkl an den Richtigen.

Was er vor allem exportiert hat, als er später doch in Wien an der TU anfing zu studieren (dreimal hatte ihn die Kunsthochschule abgelehnt), war sein Expertentum als Wasserballer, ausgebildet vom SV Bad Cannstatt. In Österreich reüssierte er damit direkt in der Nationalmannschaft, als „Einäugiger unter Blinden“. Stuttgart ist „Heimat geblieben“, richtig objektiv vermag Dunkl da nicht zu sein, meint er. Als Architekt hat er seine Vorlieben (Staatsgalerie, Mercedes-Benz-Museum, Porsche-Museum). Er versteht die Befürchtungen der Gegner von Stuttgart 21, ist aber immer mehr Pragmatiker als Ideologe: Jedes Bauwerk wird irgendwann durch ein neues ersetzt.

Wien hat den Fluss neu entdeckt und ist in den Himmel gewachsen. In der Donaustadt, im 22. Bezirk, hat Querkraft sich an dieser Entwicklung mit einem Hochhaus beteiligt, in dem vom Großraumbüro bis zur Einzimmerwohnung alles unterkommen kann. Das Haus hat Raumzonen ohne tragende Elemente, und aus jedem Zimmer tritt man auf einen Balkon, dessen Aluminiumumzäunung an den unterschiedlichsten Stellen Ausbuchtungen zeigt. Praktischerweise kann man dort einen runden Tisch hinstellen, an den sonst meist keiner denkt. Über die Höhe verteilt gibt es – Stichwort Kommunikation – immer wieder Gemeinschaftsräume, die Architekten nennen sie „die vertikale Dorfstraße“: Garten, Waschraum, Kinderspielplatz und ein Heimkino sind integriert. Das Farbkonzept haben Querkraft aus Heimo Zobernigs Buch „Wie Farben wirken“ übernommen. Der Optimismus ist gelb, die Sehnsucht blau und das Vergnügen orange.

Referent beim StZ-Fachkongress

Manchmal, sagt Jakob Dunkl, müsse die Architektur sich aber nicht nur einfallsreich (und kostengünstig und kommunikativ) verhalten, sondern dürfe ein „Highlight an sich“ sein. Dafür nun wieder braucht es die passende Landschaft, in der möglichst nichts ist als: Landschaft, also Berge, Felder, Wiesen und Wälder. Ein Flüsschen vielleicht. In Kärnten, genauer gesagt in Neuhaus/Suha, waren die Arbeitsbedingungen für die Architekten genau diese (minus Fluss), und so brachten sie die gewaltige Kunstsammlung des Sammlers Herbert Liaunig in einem, grob gesagt, mit Aluminium verkleideten Betonriegel unter, ziemlich roh und sehr elegant auf Schotter gelegt. Wer da nur vorbeifährt, wähnt sich in einem anderen Jahrhundert, vom Drinnen nicht zu reden.

Jakob Dunkl hat für den deutsch-französischen TV-Sender Arte eine (in der Mediathek abrufbare) Serie mit Städteporträts bestritten, in denen er als urbaner Mensch und Handwerksmeister den jeweiligen Kommunen auf den Zahn fühlt: Amsterdam, Bordeaux, Köln, München, das Ruhrgebiet und Kopenhagen natürlich, mittlerweile in vieler Hinsicht Referenzstadt, nicht nur, was den domestizierten Straßenverkehr angeht. Was erwartet man sich da von dem Fachkongress Stadt der Zukunft – Zukunft der Stadt der Stuttgarter Zeitung, bei dem er in der kommenden Woche als Referent auftritt? „Wissen Sie“, sagt Jakob Dunkl, „da gibt es einfach Inspiration, wie unter Menschen in einer lebendigen Stadt, und ich glaube immer noch extrem an das Physische – lesen könnte ich die Texte ja auch hier.“ Wo er unterkommt, darüber muss sich Jakob Dunkl in Stuttgart ausnahmsweise keine Gedanken machen. Er pendelt von seinen Eltern aus, die nach wie vor den Dingen des Lebens „sehr aufgeschlossen“ gegenüberstünden, sagt Dunkl. Das geht mit der S-Bahn.

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