Herr Schlag, Herr Casertano, das Büro Atelier Brückner hat das Auswahlverfahren für die Sanierung der Villa Berg in Stuttgart gewonnen. Was bedeutet dieser Auftrag für Ihr Büro?
Eberhard Schlag: Die Villa Berg ist für uns ein absolutes Herzensprojekt.
Warum?
Schlag: Weil sich mit der sanierten Villa Berg die Möglichkeit eröffnet, in Stuttgart einen einzigartigen Kulturort zu schaffen. Das geplante „Offene Haus für Musik und Mehr“ macht ein niederschwelliges Angebot und kann multifunktional genutzt werden – ein wunderbares Konzept, das es in dieser Form in Stuttgart noch nicht gibt.
Das Gebäude soll seine Geschichte erzählen
Bei dem Verfahren war kein Architekturentwurf gefragt. Die Bewerber sollten ihre Kompetenzen und Referenzen präsentieren sowie einen Kreativteil einbringen und so ihre Haltung und Gestaltungsansätze deutlich machen.
Michel Casertano: Wir bei Atelier Brückner schauen uns das Gebäude und dessen Geschichte sowie die geplante Nutzung immer sehr genau an. Über die konkrete Nutzung wissen wir im Fall der Villa Berg noch zu wenig. In diesem Stadium einen fertigen Architekturentwurf zu präsentieren würde unserer Grundhaltung, aber auch der Bürgerbeteiligung widersprechen, die bei diesem Projekt eine zentrale Rolle spielt. Der Entwurf und die Gestaltung sollen in engem Austausch mit der Bürgerbeteiligung und den städtischen Behörden erfolgen.
Schlag: Bei unseren Architekturprojekten, bei denen es häufig um die Ertüchtigung historischer Bauten wie etwa bei den Wagenhallen geht, sehen wir das Gebäude als Objekt, das eine ihm eingeschriebene Geschichte erzählt. Wir versuchen stets, auch bei unseren Museums- und Ausstellungskonzeptionen, Objekte zum Sprechen zu bringen – und dies ist auch hier unser Ziel. Dabei gehen wir von den unterschiedlichen Zeitschichten aus, die wir dort vorfinden.
Der Neubau soll „klar zeitgenössisch“ werden
Im Ursprung war die Villa Berg eine königliche Sommerresidenz im Park, 1845 bis 1853 nach den Plänen von Christian Friedrich von Leins im Stil der italienischen Hochrenaissance erbaut.
Schlag: Genau, aber diese erste Zeitschicht ist mehrfach überformt worden. Das Gebäude wurde 1925 für das Bürgertum geöffnet, es folgte die teilweise Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, und danach wurde mit dem Sendesaal des damaligen Südfunks eine Nutzung implementiert, die mit der ursprünglichen Nutzung rein gar nichts zu tun hat. Hinzu kamen Überformungen des Parks in den 1950er und 1960er Jahren sowie die Gartenschau 1977. Wir wollen all diese Zeitschichten les- und erfahrbar machen. Wir schauen also genau, wo etwa die Leins’sche Villa besonders spürbar wird. Wir fragen aber auch nach dem Bürgerort wie auch nach der Rolle des Sendesaals: Wie lässt sich dieser Fremdkörper, der ohne Außenbezug wie eine Raumkapsel in dem Gebäude liegt, stärker mit dem Ursprungsbau verzahnen? Dabei nehmen wir die Belange der Denkmalpflege sehr ernst.
Mit dem Erweiterungsbau erhält die Villa dann eine weitere Zeitschicht.
Schlag: Richtig. Hier werden unsere Gestaltungshaltung und die eigene Handschrift deutlich. Wir nehmen Bezüge etwa zur Gliederung des Bestands und zu seiner Materialität auf, aber der Erweiterungsbau wird ein klar eigenständiger, zeitgenössischer Architekturbeitrag sein. Damit setzen wir ein Zeichen, dass dieser wunderbare Ort nach einem langen Dornröschenschlaf zum Leben erwacht und zu einer intensiv genutzten Kulturstätte in Stuttgart werden kann.
Was sind die nächsten Schritte?
Casertano: Wir werden zunächst ein digitales Gebäudemodell vom Bestand erstellen als Grundlage für die weitere Planung. Das Raumprogramm wird im Gespräch mit den beteiligten Bürgern entwickelt. Raumprogramm und Entwurfsprozess gehen dann Hand in Hand.
Spezialisten für Szenografie und Kulturbauten
Szenografie Das Atelier Brückner konzipiert und gestaltet Architektur- und Ausstellungsprojekte. 1997 in Stuttgart gegründet, gehört es zu den weltweit führenden Büros für Szenografie, also für die Inszenierung des Raums. Im Bereich Architektur liegt ein Schwerpunkt auf Museen und Kulturbauten sowie auf dem Bauen im historischen Bestand. Für die Sanierung der Wagenhallen in Stuttgart wurde das Büro vielfach ausgezeichnet.
Architekten Michel Casertano und Eberhard Schlag leiten die Architekturabteilung von Atelier Brückner. Eberhard Schlag ist seit 2008 Partner von Atelier Brückner; Michel Casertano ist seit 2012 Assoziierter Partner, sein Schwerpunkt liegt bei denkmalgeschützten Gebäuden und Kulturneubauten. Er ist Projektleiter der Villa-Berg-Sanierung.
Auswahlverfahren Für die Sanierung und einen Anbau der seit 2005 leer stehenden Villa Berg war im Herbst 2020 die Architektenleistung europaweit ausgeschrieben worden. In einem zweistufigen Auswahlverfahren setzte sich das Atelier Brückner gegen vier in einer ersten Stufe ausgewählte Planungsbüros durch.