Architektur des sanierten Mineralbads Berg Tiefenreinigung einer Kultstätte
Ein bisschen mehr Wellness darf’s auch für die Bergianer sein: Das Stuttgarter Büro 4a Architekten hat das Mineralbad Berg saniert und von Ballast und Muff befreit.
Ein bisschen mehr Wellness darf’s auch für die Bergianer sein: Das Stuttgarter Büro 4a Architekten hat das Mineralbad Berg saniert und von Ballast und Muff befreit.
Stuttgart - Legendär! Kult! Begriffe, die unweigerlich fallen, wenn es um das Stuttgarter Mineralbad Berg geht. Bergianer nennen sich die angestammten Gäste, die regelmäßig auf ihrem Heilwasserplaneten landen, um Körper und Geist rundzuerneuern.
Wie saniert man so ein ehrfurchtgebietendes Lokalheiligtum? Das Stuttgarter Büro 4a Architekten hat Erhalt und Erneuerung fein ausbalanciert. Was freilich auch deshalb möglich war, weil das Ende der 1950er Jahre nach Plänen von Ludwig Blankenhorn wiederaufgebaute Mineralbad nicht unter Denkmalschutz stand und es deshalb nicht darum ging, penibel den Originalzustand wiederherzustellen. Den sich eröffnenden Gestaltungsspielraum haben die Bäderspezialisten von 4a Architekten zu nutzen verstanden – und das älteste Mineralbad Stuttgarts von viel Ballast und Muff befreit.
So kommt die Sanierung, die das Bad auch technisch fürs 21. Jahrhundert ertüchtigt, gewissermaßen einer Tiefenreinigung gleich. Der Architekt Matthias Burkart und seine Kollegen haben den L-förmigen Baukörper, in den sich das Außenbecken wie ein See einbettet, erhalten und auf den Rohbau zurückgeführt. Mit ihren nachfolgenden Eingriffen ist es ihnen gelungen, die formalen Qualitäten des bauzeittypischen Tragwerks mit seinen schlanken, die Räume rasternden und rhythmisierenden Betonstützen und -trägern voll zur Geltung zu bringen.
Diese Betonung der Struktur offenbart sich dem Besucher, der sich von der Stadtbahnhaltestelle aus nähert, auf Anhieb: Die einst geschlossenen Kolonnaden des Freibadbereichs wurden freigeschaufelt. Die Parkplatzreihe auf dem Vorplatz ist – zum Glück – genauso passé wie die weiß-blaue Kachel-Optik, die das alte „Neuner“ im Geist der Fünfziger als Volksgesundheitsanstalt auswies. Bisazzafliesen in Meerestönen für die Fassade stimmen weitaus dezenter auf das Element ein, um das sich hier alles dreht. Die blaue Wand zieht sich ins mit einer Glasfront versehene Foyer hinein. Dieses wurde tiefer gelegt und ist barrierefrei über eine Rampe zu erreichen; der Eingang musste für diese Lösung weiter nach Südwesten gerückt werden.
Das Entree, das sich wie zuvor am Knotenpunkt von Nord- und Ostflügel findet, wurde deutlich geweitet. Dass sein schnöder Nasszellen-Charakter verlustig ging, dürfte niemanden traurig stimmen – ein bisschen mehr Wellness darf’s auch für die Bergianer sein; hier dient die von Edgar Harwarth vergoldete Badewanne auf der Foyergalerie als Fingerzeig. Die Kombination von Sichtbeton, Holzlamellen, Mosaikfliesen und Stahl (für eine trotz filigranem Geländer etwas zu mächtig geratene Freitreppe) schafft nun einen zeitgemäßeren Auftakt – der Materialmix zieht sich durch die gesamte Badelandschaft.
Die Architekten haben die einst als „Milchbar“ konzipierte und beengte Gastronomie von der Empore ins steinzeuggeflieste Erdgeschoss geholt, die Stühle in Türkis und Senf kommen als Frische-Tupfer daher. Über allem thront Max Ackermanns restaurierte Leuchtglaskunst an der Decke. Das Foyer gewinnt vor allem durch die neue Transparenz und Großzügigkeit und die nun möglichen Durchblicke zu Außenbecken und Park.
Umdenken, was Wege und Raumorganisation angeht, müssen vor allem die Männer unter den Bergianern – die Herrensauna ist vom Erd- ins Obergeschoss gewandert, wo sie sich der Zone mit Damenumkleide, –Duschen- und -Sauna anschließt. So profitieren beide Geschlechter vom das Obergeschoss säumenden, fassadenprägenden Sonnenbalkon. Die Duschen in der Saunaspange mit ihren weiß-silbernen Mosaikfliesenwänden, die von goldenen Karrees durchsetzt sind, könnten den Puritanern unter den Heilwasser-Anhängern fast unanständig opulent erscheinen. Weniger luxuriös, aber stilistisch passend: die geschnürten Liegen in den Ruhebereichen.
Wärme und eine bessere Akustik erhält die erweiterte und mit einer Galerie versehene Badehalle durch die Holzlamellen, die sich von der Decke bis zu den neu geschaffenen Liegebereichen hinabziehen. Bei der Fliesenwand hat der Künstler Matthias Kohlmann die Fünfziger-Jahre-Optik des Originals sensibel neu interpretiert. Grundlegendster Eingriff stellt der Abriss des Bewegungsbad-Anbaus aus den Siebzigern dar. Der den Ostflügel nun verlängernde Neubau für das Warmwasser-Becken, der autark vom Rest des Bades betrieben werden kann, repetiert die schlanke Tragstruktur des Bestands.
Auch hier eröffnet die Glasfront wie in der Badehalle weite Blicke in den Park – diese Verwebung mit der Umgebung ist, wie man augenscheinlich schon in den Fünfzigern wusste, eine wesentliche Voraussetzung, um ein hohes Maß an Wohlgefühl zu erzeugen. Das in den Nordflügel-Einschnitt gesetzte Freibadkassenhäuschen atmet Fünfziger-Jahre-Charme, ist aber ganz neu; Original „Berg“ sind die restaurierten Liegepritschen und die Holzsommerumkleiden. Die Quellen auf dem Heilwasserplaneten sprudeln wieder, das Leben für die Bergianer kann weitergehen.