Architektur in Berlin Kontra: „Modern geht anders“, von Tim Schleider

Von Michael Bienert 

Ein letztes Mal und aus Anlass der Grundsteinlegung zu Protokoll: mir will es partout nicht einleuchten, dass dieses Bauprojekt mit dem Titel „Berliner Schloss“ ein überzeugendes Zeichen deutschen Selbst- und Geschichtsbewusstseins sein soll. Also die Errichtung eines Gebäudes, das eigentlich durch und durch modern ist, weil es nämlich modernen Zwecken dient und den Menschen hier und heute, beziehungsweise künftig und in Berlin von Nutzen sein soll, als Zeugnis des jungen 21. Jahrhunderts für hoffentlich alle kommenden Zeiten – das sich aber nach außen hin wie ein Make-up eine dünne barocke Fassade zulegt. Jedenfalls nach drei Seiten. Weil zur vierten Seite, zur Spree hin, gab es noch nie Barock. Also darf der Bau da plötzlich auch äußerlich modern sein.

Nein, das ist nicht selbstbewusst. Das ist Politarchitektur im Geiste von Disneyland. Und geschichtsbewusst ist es übrigens auch nicht. Die Bauherren und Baumeister der Barockzeit selbst wären niemals auf die Idee gekommen, im Stile längst verflossener Tage zu planen. Kaum eine Zeit riss rigoroser die bereits bestehende Baukunst ab wie eben der Barock, nur um sich selbst in Schlössern und Kirchen ordentlich in Szene setzen zu können. Und wir glauben 300 Jahre später, ins Zentrum der Hauptstadt unserer Demokratie nichts wirklich Eigenes, Zeitgemäßes setzen zu können. Welch eine Kleingeisterei!

Wie gesagt: dies schreiben wir hier ein letztes Mal – und dann nimmermehr, denn die Gremien der Demokratie haben entschieden. Heute wird der Grundstein gelegt. Debatte beendet. Und was einst im Inneren des Pseudobarock geschehen soll, ein Austausch der Kulturen am Treffpunkt der Bürger dieser Welt, das ist zweifellos ein sehr würdiger, wichtiger Inhalt. Wenn dieser Inhalt lebendige Gestalt annehmen sollte, dann nehmen wir sie hin: die schlechte, weil unzeitgemäße Verpackung.

Autor: Tim Schleider leitet das StZ-Kulturressort.




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