Architektur-Innovation in Reutlingen Ein Kleid wie aus Klöppelspitze für den Campus-Bau

Umgeben von einem luftigen Spitzenschleier: das Texoversum in Reutlingen Foto: Brigida González

Auf dem Reutlinger Hochschulgelände zu Füßen der Schwäbischen Alb verbirgt sich eine architektonische Sensation: das weltweit einzige dauerhafte Gebäude mit einer Textilfassade aus robotisch gewickelten Fasern. Wir haben uns den Bau namens Texoversum genauer angesehen.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Man reibt sich die Augen und fragt sich, halb fasziniert, halb verblüfft: Was ist das nur für ein rätselhaftes Riesengespinst, das neuerdings zum Campus der Hochschule Reutlingen gehört? Denn der Neubau, der den Namen Texoversum trägt, sieht aus, als ob ihn eine XXXL-Spinne eingesponnen, ihm ein überaus luftiges, lochmusterartiges Klöppelspitzen-Kleid aus weißlich schimmernden und schwarzen Fasern gewoben hat.

 

Das Texoversum bildet momentan den südlichen Abschluss des Reutlinger Hochschulgeländes; der Campus soll in Zukunft noch weiterwachsen. Ostwärts erhebt sich der Kegelberg der Achalm, der Reutlinger Hausberg. Hinter dem Gebäude kann der Blick über Äcker und Streuobstwiesen schweifen, bis er auf den blauschwarzen Höhenzug der Alb stößt. Es ist eine architektonische Sensation, die sich hier zu Füßen der Schwäbischen Alb versteckt. Denn das Texoversum ist ein weltweit einzigartiges Gebäude – eine veritable Architekturinnovation, die die Geschichte der Disziplin fortschreibt.

Leuchtturm für Ausbildung und Innovation

Der Verband der südwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, Südwesttextil, wünschte sich einen „europaweiten Leuchtturm“ für Ausbildung und Innovation. Die zum Architekturwettbewerb geladenen Büros waren aufgefordert, in ihren Entwürfen eine textile Hülle vorzusehen. Der Architekt Achim Menges und der Tragwerksplaner Jan Knippers aus Stuttgart holten das Münchner Büro Allmannwappner ins Boot – und gewannen. Nach der Fertigstellung hat Südwesttextil den Neubau dem Land Baden-Württemberg gespendet.

In der Kooperation mit den Münchner Planern kümmerten sich die Stuttgarter um die Fassade. Endlich konnten sie ihre Technologie, die sie seit vielen Jahren an den Instituten ICD und ITKE an der Universität Stuttgart entwickeln und erforschen, in einem dauerhaften Gebäude anwenden: Die Hülle des Texoversum besteht aus robotisch gewickelten Kohlenstoff- und Glasfasern.

Menges und Knippers sind international renommierte Konstruktionspioniere: Sie kombinieren Methoden des Leichtbaus mit digitalen Technologien und robotischer Fertigung und haben sich absoluter Ressourcen- und Materialökonomie verschrieben, und das schon lange, bevor Nachhaltigkeit zum Modewort wurde. Dabei stehen sie in der großen Stuttgarter Tradition der biomorphen Architektur von Frei Otto und den Leichtbausystemen von Jörg Schlaich.

Wie eine schwebende zweite Haut

Mit Carbon- und Glasfasern experimentierte das Forscherduo etwa beim Elytra Filament Pavilion für das Victoria & Albert Museum in London; hier in der Region kam das Material 2019 beispielsweise bei der Bundesgartenschau in Heilbronn zum Einsatz, wo der Buga-Faserpavillon eine Publikumsattraktion war. In Reutlingen beweisen die Stuttgarter nun erstmals mit dem Neubau für die Fakultät Textil, dass ihre Entwurfsmethodik nicht nur für temporäre Kleinbauten taugt. Beim Texoversum übernimmt die exzentrische Fassade, die die geschosshoch verglasten Ebenen samt Dachterrasse wie eine scheinbar schwebende zweite Haut abschirmt, mehrere Aufgaben: Sie dient dem Sonnenschutz und der Absturzsicherung. Gleichzeitig verleiht sie dem Bau seinen einzigartigen architektonischen Ausdruck.

Die schwarzen Carbonfasern tragen die Lasten

Der Clou: Die multifunktionale Hülle ist selbsttragend, es ist kein zusätzliches Tragwerk für die Struktur nötig, die auch an ein Nagelbild erinnert. Die Fassade setzt sich aus dreieckigen Elementen zusammen, wobei die schwarzen Kohlenstofffasern die Lasten tragen, während es die transluzenten Glasfasern sind, die im Wickelprozess jedem Element seine spezifische Form verleihen.

Materialabfall? Gibt es keinen. Jedes Modul ist – mittels der digitalen Codes, mit denen der Roboter gefüttert wird – präzise an die Erfordernisse der jeweiligen Nutzung an Ort und Stelle angepasst. So sind Platzierung und Größe der ovalen Öffnungen, die das aparte Muster bewirken, aber auch die Dichte der Faserwicklung und damit der Transparenzgrad der Hülle genau auf den Sonnenverlauf und das Landschaftspanorama abgestimmt. Betritt man das Gebäude, stellt man zweierlei fest: erstens, dass die Hülle den Ausblick durch die Glasfronten nicht, wie man befürchten könnte, stört. Und zweitens, dass im Gegenteil die größeren Öffnungen einen tollen Fernrohreffekt erzeugen. Denn egal, durch welche von ihnen man blickt, stets bildet der Ausschnitt den perfekten Rahmen für die Landschaftsformation.

Form und Funktion kommen selten so deckungsgleich daher wie bei diesem spektakulären Gebäude: Hier dreht sich alles ums Textil, posaunt der Bau hinaus und macht dabei neugierig auf das, was dieser Werkstoff alles kann. Vernetzung, Verwebung, Durchlässigkeit – beim Texoversum beschränkt sich diese architektonische Metaphorik aber nicht auf die Hülle, sondern sie setzt sich im Inneren fort. Vom Erdgeschoss bis unters Dach reicht der Luftraum des Atriums. In diesen sind die Ebenen halbgeschossig versetzt nach dem sogenannten Split-Level-Prinzip eingefügt, sodass die unterschiedlichen Nutzungszonen – Labore, Werkstätten, Unterrichtsräume, Büros – organisch ineinander übergehen. Am unmittelbarsten erlebbar wird das in den halb offenen, rundum mit farbigem Textil ausgekleideten Treppenzonen. Sie verbinden die Halbgeschosse miteinander und laden zur Arbeit am Tablet, zum Entspannen und Diskutieren ein. Die Farbverläufe dieser Nischen fließen dabei mal von blau nach pink, mal von orange nach gelb – die Gebäudenutzer, zu denen nicht nur Studierende, sondern etwa auch Auszubildende zählen, dürften ihre Freude an dieser poppigen Optik haben. Mit offenen Technikdecken, Sichtbetonwänden und einer vielfach durch Vorhänge flexible Raumunterteilung unterstreichen die Architekten den Werkstattcharakter des Hauses.

Poppige Farbverläufe in den Treppenzonen

Das Texoversum ist ein doppeltes Aushängeschild. Für die Textilindustrie, die auf die Potenziale ihres Werkstoffs wie auch jene ihres Nachwuchses hinweisen kann. Und für die Architektur, die hier neue Wege geht. Menges und Knippers haben schon den nächsten Schritt gemacht: Bei einem derzeit auf dem Unicampus in Stuttgart-Vaihingen entstehenden Neubau für den deutschlandweit einzigen Architektur- und Bau-Exzellenzcluster IntCDC bestehen die robotisch gewickelten Bauteile aus Naturfasern.

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