Architektur Neues Wahrzeichen für das Tessin

Von Frank Schwaibold 

Das Mendrisiotto im Südtessin ist das Gegenteil vom mondänen Lugano. Mit einem architektonischen Wahrzeichen auf dem Monte Generoso hat es einen spektakulären Leuchtturm bekommen.

Die „Steinblume“ auf dem Monte Generoso Foto: Studio Fotografico Enrico Cano/Enrico Cano 12 Bilder
Die „Steinblume“ auf dem Monte Generoso Foto: Studio Fotografico Enrico Cano/Enrico Cano

Capolago - Größer könnten die Gegensätze auf 1700 Metern nicht sein. Wie ein Leuchtturm ragt die sogenannte Steinblume auf dem Monte Generoso in den Himmel. Ein fünfstöckiges Gebäude mit zwei Restaurants und spektakulärer Aussichtsterrasse. Gebaut hat es der einheimische Stararchitekt Mario Botta. Am Fuß der Steinblume ist ein zweigleisiger Bahnhof. Nur wenige Hundert Meter entfernt liegt der Hof der Familie Clericetti. Die Käsebauern leben mit zwölf Kühen sowie rund 20 Ziegen und Schafen von Mai bis Oktober auf dem Berg.

Marisa Clericetti und ihr Mann Aurelio produzieren täglich 90 Stück des Frischkäses Formaggin. Ihr Prunkstück ist allerdings der Zincarlin, ein von der Organisation Slow Food zertifizierter Frischkäse. Davon gibt es nur 40 pro Jahr. Eine weitere Besonderheit: Zum Hof gehört ein alter Schneekeller, eine sogenannte Nevère. Die zylinderförmigen Steinbauten wurden einst errichtet, um Milch aufzubewahren, bevor diese zu Butter und Käse weiterverarbeitet wurden. Auf der Alp Clericetti ist zu erahnen, wie mühevoll das bäuerliche Leben vor fünf Generationen ablief, als sich die Vorfahren der Clericettis auf dem Monte Generoso niederließen.

Mit der Zahnradbahn auf den Monte Generoso

Wer vom Hof zur Steinblume wandert, ­erfährt das genaue Gegenteil. Hier hat ­modernste Architektur Einzug gehalten. Mit der Zahnradbahn geht es bequem von ­Capolago aus auf den Berg. Ein Aufzug bringt die Besucher auf die Aussichtsterrasse der Steinblume. Zu verdanken ist das ­imposante Gebäude Mario Botta, einem ­bedeutenden Architekten des Mendrisiotto. Er baut überall auf der Welt – aktuell einen riesigen Uni-Campus in China. In Südkorea steht eine große Kirche von ihm, in Bordeaux ein Weinkeller und in Ambry ein Eishockeystadion. Sein bekanntestes Bauwerk in Deutschland ist die städtische Bibliothek von Dortmund.

Doch die Steinblume auf dem Monte Generoso war für ihn eine besondere Herausforderung – und eine Herzensangelegenheit. Denn schon als Kind war er mehrfach zum Gipfel aufgestiegen. „Es ist mein Berg“, sagt der 76-Jährige. Deshalb wollte er etwas Besonderes schaffen – etwas, „das das Irdische mit dem Himmlischen verbindet“. Das erforderte besondere Maßnahmen: Mit einer eigens gebauten provisorischen Seilbahn musste das Baumaterial nach oben gebracht werden. Zwar fährt auch die historische Ferrovia Monte Generoso (FMG) auf den Berg, doch wegen der engen Kurven und Tunnel konnten mit ihr die längeren Bauelemente nicht transportiert werden. Die Bahn wäre stecken geblieben.

Türme wie Blütenblätter

Nach zwei Jahren Bauzeit steht nun seit 2017 ein außergewöhnliches achteckiges Bauwerk auf dem Berg. Außen verkleidet mit Granitstein aus dem Laventintal, innen Holz. Darum wölben sich fünfgeschossige, sich wölbende Türme wie Blütenblätter. Durch diese Form „hat man im Restaurant des Gefühl, dass man über allem schwebt“, sagt der Architekt. Mario Botta jedenfalls erlebt es so: „Man steht über dem Berg und spürt ihn regelrecht.“ Im Erdgeschoss erzählen Infotafeln die wechselhafte Geschichte des Monte Generoso. Seit 1890 bringt die Zahnradbahn Touristen auf den Berg. Vor allem aus Italien kamen Ende des 19. Jahrhunderts viele Besucher. Doch nach der Blütezeit der Anfangsjahre folgte der Niedergang. Nachdem die Weltwirtschaftskrise den Tourismus zum Erliegen gebracht hatte und der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, stellte die FMG 1939 den Bahnbetrieb ein. Die Rettung kam 1941 durch Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Er kaufte die Zahnradbahn. 2010 dann ein weiterer Rückschlag: Der Felsboden unter dem damaligen Bergrestaurant Vetta senkte sich ab. In der Folge musste das Gasthaus abgerissen werden. Die Betreiber der FMG überlegten, alles dichtzumachen. Doch dann entschieden sie sich anders. Das Engagement sollte weitergehen – und zwar mit einem architektonischen Ausrufezeichen. Und wenn hier einer bauen sollte, dann kein anderer als Mario Botta.

Die Sicht reicht bis nach Mailand

Nun also können Besucher weiterhin von der Aussichtsplattform der „fiore di pietra“, wie die Steinblume auf Italienisch heißt, einen grandiosen Blick genießen. Unten liegt der Luganer See und das Mendrisiotto, dahinter erheben sich die Berner und Walliser Alpen. Auf der anderen Seite schweift der Blick über die Poebene – bei gutem Wetter reicht die Sicht bis nach Mailand. Botta ist froh, dass es so gekommen ist: „Hier oben ist es fast schon spirituell“, philosophiert er. Und außerdem „gehört einfach auf jeden Berggipfel ein Restaurant“. Zumal das große Jubiläumsjahr erst bevorsteht: 2020 wird die Monte-Generoso-Bahn 130 Jahre alt.