Architektur-Spaziergang in Stuttgart 9 der hübschesten Mini-Häuser in Stuttgart

Der Spaziergang führt zu Mini-Häusern wie diesem Kleinod auf der Alten Weinsteige in Stuttgart Süd. Noch mehr kleine alte Häuser finden sich in der Bildergalerie. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Architektur to go: Nicht erst seit der Tiny House Bewegung gibt es kleine Häuser. Unser Spaziergang führt vom Kanonenhäusle über Stuttgarts ältestes Haus in die Nobelgegend Karlshöhe im Süden bis zu einer zauberhaften Mini-Villa an der Alten Weinsteige.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Sie stehen auf handtuchschmalen Restgrundstücken, ungenutzten Grünstreifen, Garagenflächen, Straßenkreuzungen: Mini-Häuser. Zum einen, weil Grundstücke teuer sind, aber Menschen dennoch ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen wollen. Zum anderen, weil Singles, Paare oder kleine Familien sagen: ich brauch’ nicht mehr als 50 Quadratmeter Platz zum Leben.

 

Die Tiny-House-Bewegung hat allerdings prominente Vorgänger in Stuttgart, wie ein Stadtspaziergang zu Mini-Häusern in Stuttgart zeigen wird, auch wenn nicht alle Gebäude ursprünglich zum Wohnen gedacht waren.

Spaziergang zu Mini-Häusern

Die kleinen Kavaliershäuser auf der Solitude aus dem 18. Jahrhundert sind vielleicht die prominentesten Mini-Häuser der Stadt.

Der Spaziergang zu Minihäusern führt vom Osten über die Mitte bis zum Süden Stuttgarts. Foto: Yann Lange/STZN-Infografik

Jeder, der einmal das Schloss oder die Akademie besucht hat oder auch einfach nur auf der großen Wiese ein Picknick gemacht hat, kennt sie. Doch auch mitten in der Stadt, selbst an der stark befahrenen Stadtautobahn finden sich Häuser en miniature.

Auf zum Kanonenhäusle

Der Spaziergang allerdings beginnt woanders, unterhalb einer Gegend, die eher für großzügige Landhäuser und Stadtvillen bekannt ist, die Rede ist von der Gänsheide. Das von der Gerokstraße über die Hillerstaffel erreichbare Kanonenhäusle im Franz-Dingelstedt-Weg 3 – benannt nach dem Freiherrn (1841-1881), der Schriftsteller und Dramaturg am württembergischen Hoftheater war – ist ein echtes Tiny House aus dem frühen 18. Jahrhundert.

1863 wurde ein weiteres Stockwerk draufgesattelt im Stil des Historismus (entworfen von Wilhelm Bäumer, 1829 - 1895). Knapp 40 Quadratmeter ist es klein und wird privat bewohnt, Vermieter ist der Verein zur Förderung und Erhaltung historischer Bauten.

Kanonenhäusle aus dem 18. Jahrhundert. Foto: Golombek

Nach einem Brand in Esslingen um 1702, bei dem viele Häuser zerstört wurden, hatte die Stadt ihre eigene Feuervorsorge neu bedacht und deshalb auf der Gänsheide eine Hochwacht erbauen lassen, in der zwei „Lärmkanonen“ untergebracht waren. Im Brandfall hätte eine Wachperson die Kanonen abgefeuert, um die Menschen in der Stadt zu warnen.

Blättert man in Büchern über Häuser und Villen der Stadt, sieht man, dass nicht nur Feuer und Weltkriegsbomben Gebäude vernichten. Das schafften auch nach 1945 jede Menge Investoren:Versicherungsunternehmen beispielsweise und Verlagshäuser – und das städtische Bauamt, welches den Abriss interessanter alter Gebäude und Baukultur genehmigte.

Klassizismus in der Olgastraße

Schön, dass dieses Hilfsbacksteinhäuslein die Katastrophen der Jahrhunderte überlebt hat, ebenso wie viele Gründerzeitbauten, an denen der Spaziergang hinunter in die Stadt führt. Man gelangt über den Eugensplatz (falls die Eisdiele Pinguin noch geöffnet hat – Zitrone mit Vanilleeis, sonst ein Kaffee in der Apotheke oder vorher an der Heidehof-Haltestelle im Lässig einen Biokuchen), dann die Eugenstaffel runter, dann links in die Werastraße, die in die Olgastraße übergeht.

Direkt gegenüber dem Gerichtsgebäude findet sich in der Olgastraße 1A aus dem Jahr 1874 ein als Mietshaus – heute noch bewohnt – entworfenes Häuschen von Johann Wendelin Braunwald (1838-1889). Inspiriert ist es vom Louis-Seize-Stil, einer Stilrichtung in der französisch beeinflussten europäischen Kunst und Architektur des 18. Jahrhunderts zwischen 1760 und 1790, benannt nach dem französischen König Ludwig XVI.

Braunwalds Häuslein steht in der Olgastraße 1 A. Foto: Golombek

Der Architekt aus Creglingen im Main-Tauber-Kreis schuf in Stuttgart zahlreiche Wohn- und Geschäftshäuser. Viele seiner Bauten stehen unter Denkmalschutz. Mit einigen seiner verschnörkelten Villen hatte er weniger Glück, die Villa Löw in der Bopserwaldstraße 52 etwa aus dem Jahr 1874 wurde 1922 abgerissen. Die ehemalige Villa Moser von 1875 wurde 1944 fast komplett zerstört, der Leibfriedsche Garten existiert noch.

Uraltes Haus im Leonhardsviertel

Braunwald hat auch im Jahr 1870 das Eckhaus am Wilhelmsplatz entworfen, in dem sich heute im Erdgeschoss ein vietnamesisches Restaurant namens Noodle I befindet, das sich auch gut für eine Einkehr eignet. Wer es zünftiger mag, kehrt vorher schon beim Brunnenwirt ein oder bestellt im Imbiss Pommes und / oder Curry spezial oder sitzt im stylischen Yafa und genießt Vegetarisches.

Zwischen zwei Häusern aus dem 19. Jahrhundert – das Minihaus, Hauptstätter Straße 49, rechts das Haus von Braunwald. Foto: NG/Privat

Eckhäuser sind offenbar sein Ding. An Braunwalds Bau kommt man vorbei, wenn man zu einem sehr besonderen kleinen Haus in der Hauptstätter Straße 49 spaziert, das gerade vom Verschönerungsverein renoviert wird. Etwas Fantasie für die Schönheit des Baus ist gefragt, da es aktuell noch im Dornröschenschlaf liegt. Aber es ist einen andächtigen Stop wert, denn man steht vor einem Haus mit dem Baujahr 1550 – dem vermutlich ältesten Haus der Innenstadt.

Tiny Haus in der Sophienstraße 4

Eckhäuser waren offenbar Braunwalds Stil, er hat auch eines an einer Slalomkurve in der Mörikestraße 1 (1885) im Neorenaissance-Stil entworfen. Man wird das Haus auf jeden Fall sehen, doch erst später.

Klein und fein saniert: Sophienstraße 7. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Jetzt geht es erst einmal weiter die Hauptstätter Straße entlang, am ehemaligen Café Stella (immer noch wird hier renoviert!) vorbei bis zur Ecke Sophienstraße 7. Zwischen zwei vielgeschossigen Bauten findet sich dieses hübsch renovierte und bewohnte Mini-Haus.

Tiny Haus an der B14

Ab jetzt empfiehlt sich eine Maske zu tragen, denn es geht auf der Hauptstätter Straße weiter. Man könnte freilich auch an der Kreuzung in die Immenhofer Straße einbiegen und durch die Heusteigstraße und dann die Cottastraße wieder runter zur Stadtautobahn.

Ein Werkmeister namens Oertle hat 1853 im Stil des Klassizismus das zweistöckige Haus in der Hauptstätter Straße 126 gebaut. Dass die Klappläden und der Stuck noch nicht vom Feinstaub zerbröselt sind, grenzt an ein Wunder.

Nase zu und im Stechschritt in Richtung Marienplatz. Kurz nach der Ampel sieht man zwischen einem Eckhaus und der mächtigen Römerschule ein Haus mit Satteldach von 1839 und einem interessantem Anbau von 1925 im expressionistischen Stil mit dreieckigen (!) Fensterrahmen.

Kleines Haus eines Zimmermeisters in der Hauptstätter Straße 137 Foto: Golombek

Haus Nummer 137 steht wie das Haus Nr. 126 unter Denkmalschutz, ob der Zimmermeister W. Brenner das alte Haus oder den Anbau geplant hat, ist auf der Denkmalliste nicht erkennbar.

Vom Pferdestall zum Büchertempel

So wie heute zieht der Mensch mit Geld aus dem Kessel in die luftige Halbhöhe, damals fuhren noch keine Autos, aber Werkstätten und kleine Fabriken verdreckten die Luft. So, nun also wieder hinauf über die Tübinger Straße zur Hohenstaufenstraße bergauf.

Ehemaliger Remisen- und Pferdestall in der Hohenstaufenstraße 14. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski

Auf der linken Straßenseite Nummer 14 steht ein Haus wie ein stämmiger kleiner Kerl mit sehr großem Hut: Es ist ein ehemaliges Remisen- und Pferdestallgebäude, entworfen 1894 von den Vielbauer-Architekten Eisenlohr + Weigle im Stil der Neoromantik. Heute ist da eine Werkstatt für handwerkliche Buchbinder- und Sonderarbeiten, Restaurierungen und Bildeinrahmungen aller Art daheim.

Gartenhäuschen beim Lapidarium

An der Kreuzung mit Haarnadelkurve zur feinen Mörikestraße findet sich das schon erwähnte Eck-Rund-Haus von Braunfels. Im 19. Jahrhundert waren die Straßenzüge Mörike-, Hohenzollern- und Humboldtstraße die Top-Adressen für reiche Bürger, heute residieren dort gern mal Firmen, die anderen Firmen beim Reichwerden oder Reichbleiben helfen.

Neoromantisches Häuschen mit Türmchen in der Mörikestraße 7. Foto: Golombek

So leben auch keine Privatleute im bezaubernden Häuschen in der Mörikestraße 7, mit neoromantischem Türmchen 1890 bis 1892 erbaut. Das einstige Gartenhaus entstand gemeinsam mit dem Prachtbau nebenan in der Mörikestraße 9, der Villa Kienlin. In Stein gemeißelt liest man den Namen der Planer – wiederum die schaffigen Architekten Eisenlohr + Weigle.

Mega-Tour gefällig? Eine Extrarunde!

Quo vadis jetzt? Wer Kondition für einen Megarundweg hat, geht über die Rotebühlstraße 72 zur ehemaligen Villa Knosp, erbaut 1859 von Joseph von Egle im Stil der englischen Landhausarchitektur. Wiewohl nicht wirklich mini, ist sie doch klein im Vergleich zu den Nachbarn. Sie steht wie eine schöne Erinnerung an alte Zeiten vor einem Nachkriegsverwaltungsbau und darf bis heute im Garten verweilen.

Und dann geht es sehr, sehr lange rauf und rüber zur Hasenbergsteige 60 – zum Alexanderhäusle, einem Mini-Haus aus dem Barock, irgendwann zwischen 1700 und 1800 erbaut. Und dann wieder runter, man landet zwischen Marien- und Schoettle-Platz.

Biedermeier in der Böblinger Straße

Hierhin gehen auch alle, die sich den Extraausflug gespart haben – von dem Gartenhaus aus ein paar Meter nach oben, dann findet sich in der Mörikestraße die Willy-Reichert-Staffel bergabwärts. Vom Marienplatz geht’s in die Böblinger Straße 54. Neben dem Mörikehof steht charmant renoviert ein zweigeschossiges Haus mit Satteldach.

Handwerker-Häuschen von 1863 in der Böblinger Straße 54. Foto: Golombek

Traum jedes Häuslebauers, nur dass es eben nicht für nur eine Familie da ist – und eben mitten in der Stadt. Das Handwerkerhaus im Biedermeierstil von Werkmeister G. Zimmermann stammt aus dem Jahr 1863.

Weil man jetzt eh’ schon fast an der Haltestelle Schreiberplatz steht, empfiehlt es sich, an der Kreuzung links abzubiegen, vielleicht auf einem Bänkchen am Erwin-Schoettle-Platz auszuruhen. Und so zu sitzen, dass man das Alte Feuerwehrhaus mit viel Fachwerk von 1888, geplant von dem Stadtbaurat Emil Mayer, im Blick hat und sich an das Kanonenhäusle erinnert – so weit kommt man durch die Stadt zu Fuß!

Finale an der Alten Weinsteige

Gleich ist der Spaziergang geschafft. Abmarsch über die Böheimstraße, noch eben das Haus in der Böheimstraße 53 mitgenommen, ein Doppelwohnhaus m Biedermeierstil von 1871, der Architekt ist unbekannt. An der Ecke Böheimstraße 51 gibt’s deftige Stärkung im Balkangrill Ziki mit interessanter Retroeinrichtung. Ziel ist jetzt die an sehenswerten Bauten ohnehin reiche Alte Weinsteige.

Haus am Hang von 1876 mit Aussicht in den Süden: Alte Weinsteige 26. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Als hätte sich eines der Kavaliershäuschen der Solitude in Gang gesetzt und auf der Anhöhe an der Kurve niedergelassen, steht das Haus Nummer 26 da und bietet den Bewohnern Ausblicke auf Wald und südliche Stadtviertel.

Das gut erhaltene, liebevoll sanierte historistische Häusle von Architekt A. Pfrimer aus dem Jahr 1876 mit Neorenaissance-Anklängen ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass es sich lohnt, Baukultur zu bewahren, zu hegen und zu pflegen.

Sternekultur und Brezelkunst

Die famose Aussicht auf die Stadt und ihre Hügel gibt’s gratis obendrein. Wer sich zur Belohnung Kochhochkultur gönnt, geht weiter hinauf zu Vincent Klinks Wielandshöhe. Den Stadtwandersleuten tut’s aber ebenfalls eine Brezel vom Traditionsbäcker Frank auf dem Rückweg runter ins Lehenviertel oder zum Marienplatz.

Info

Länge
Der Spaziergang ist 4,7 Kilometer lang und dauert zu Fuß eine gute Stunde. Mit der Stadtbahn U15 kann man bis zur Haltestelle Stafflenbergstraße fahren oder mit dem Bus 42 zur Haltestelle Eugensplatz oder zur Heidehofstraße. Vom Endpunkt kommt man in sieben Minuten zu Fuß zum Marienplatz. Von da fahren diverse U-Bahnen in alle Richtungen, zum Beispiel die U1 und U9 zum Rathaus in der Stadtmitte (oder bis zur Staatsgalerie und von da zu Fuß zum Hauptbahnhof) oder mit dem Bus 41 zum Berliner Platz an der Liederhalle.

Einkehren
Lib-Room, Cafeteria im Erweiterungsbau der Landesbibliothek (Konrad-Adenauer-Straße 8), Brunnenwirt (Leonhardsplatz 25), YAFA (Hauptstätter Straße 31), Noodle 1 (Wilhelmsplatz 1), Noir Cuisine (Tübinger Str. 92), Café Kaiserbau (Marienplatz 12), Ziki (Böheimstraße 51), Wielandshöhe (Alte Weinsteige 71), Bäcker Frank (Liststraße 41).

Geeignet
für Menschen, die von einem Leben in einem Tiny House träumen und die gern die halben Höhen der Stadt erklimmen.

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