Architektur-Spaziergang in Stuttgart Romantische Schwarzwaldhäuser mitten in der Stadt

Das im Schwarzwaldstil erbaute Haus im Birkendörfle in Stuttgart steht unter Denkmalschutz. Foto: Tomo Pavlovic

Schindeln, mächtige Walmdächer, Gauben: Am Stuttgarter Killesberg findet sich eine kleine Ansammlung pittoresker Schwarzwaldhäuser. Der Spaziergang führt außerdem zu alten Arbeiterquartieren – und in eine ferne Welt.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Was muss das für eine Aufbruchstimmung gewesen sein! Bauanträge moderten im ausgehenden 19. Jahrhundert noch nicht ein bis zwei Jahre beim Amt, bis sie genehmigt wurden. Auf dem Hügel zwischen der Heilbronner Straße und dem Killesberg entstanden um 1900 gleich mehrere bemerkenswerte Siedlungen – vom idyllischen Baronenviertel mit ländlichem Flair auf der Halbhöhe bis zu zwei Arbeitersiedlungen im Tal.

 
Der 2,1 Kilometer kurze Spaziergang führt durch den Stuttgarter Norden. Foto: Grafik-STZN/Locke, Lange

Dies ist die Route des nicht allzu langen Architekturspaziergangs im Stuttgarter Norden. Wer es in den Knien hat, marschiert lieber von der Stadt aus hinauf, alle anderen können mit dem Bus 44 bis zur Station „Helfferichstraße“ fahren.

1. Baronenviertel – Birkendörfle

Kaum kommt eine Stuttgarter Flaneurin da zufällig vorbei – außer sie biegt gern in unscheinbar wirkende Seitenstraßen ein. Von der Birkenwaldstraße ins abschüssige Sträßlein Birkendörfle also. An der Ecke stand um 1900 ein Aussichtsrestaurant.

Um 1900 Restaurant Birkenhof in Stuttgart um 1900, an der Ecke Birkendörfle / Birkenwaldstraße. Foto: Wikimedia

Die Sackstraßensiedlung geht auf den alten Flurnamen Birkenwald zurück, wird aber auch Baronenviertel genannt, weil die Häuser so herrschaftlich waren. Da gibt’s Grund zum Staunen. Gerade noch befindet man sich auf der viel befahrenen Straße in der Stadt und jetzt: im Schwarzwald! Wie ein Weiler im Grünen mit mächtigen Häusern mit Schindelfassaden, Bretterverschalung, Walm- und Krüppelwalmdächern, Schleppgauben, Erkern und großen Veranden schmiegen sich die Gebäude in den Berg.

Blick ins Birkendörfle Nr 11. Foto: Nicole Golombek

Besonders schön ist das Haus mit der Hausnummer 11, es steht unter Denkmalschutz. Bauherr und Architekt war der aus Besigheim stammende Karl Hengerer (1863-1943). Er war einer der viel beschäftigten Architekten Stuttgarts, und er hat eine Menge Villen, Wohnhäuser, sozialen Wohnbau und öffentliche Bauten in der Stadt geplant, darunter den Graf-Eberhard-Bau in der Stadtmitte.

Im Zuge der Industrialisierung wurden viele Wohnungen für die in die Städte ziehenden Arbeiter gebraucht, aber auch die Fabrikanten und Abteilungsleiter suchten schöne Bleiben.

Nummer 19 Braune Schindeln, grüne Blendläden, Erker, Türmchen: eines der Häuser im Birkendörfle. Foto: Nicole Golombek

Hengerer also, dem Historismus verpflichtet, trat mutig sowohl als Architekt als auch als Bauherr auf. Zwischen 1907 und 1911 entstanden entlang zweier Sträßchen 24 Villen im Schwarzwaldstil, dank der extremen Hanglage und lockeren Bebauung gab es großzügige Wohnungen mit viel Sonne und eine unverbaubare Aussicht.

Im Zweiten Weltkrieg wurden mehr als die Hälfte der Gebäude zerstört, anderen Gebäuden ging es erst danach an den Kragen, da wurde neu- und umgebaut, mit antik anmutenden Geländern und Häusern mit rosa Putz zum Beispiel.

Einige Häuser stehen aber noch und beeindrucken mal mit blauen, mal mit grünen Blendläden und mit braunen oder rot gefärbten Schindeln. Haus Nummer 12, das der Architekt für sich und seine Familie und Mitarbeiter gebaut hat, steht gut da.

Birkendörfle 12 (re.) – hier lebte einst der Architekt Karl Hengerer. Foto: Nicole Golombek

Einigen anderen Häusern erging es weniger gut, in denen Prominente gelebt hatten, darunter Künstlerin Elsy Raydt, die Schauspielerin Eva Schroer-Köhrer, Komponist Hugo Distler und der jüdische Textilgroßhändler Willy Goldstein und seine Familie – ihnen gelang die Ausreise in die USA, nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren.

Doch auch wenn sich die Kleinsiedlung in ihrer ursprünglichen Form nur noch erahnen lässt, lohnt es sich, die erkennbar erhaltenen Häuser zu bestaunen.

2. Chinesischer Pavillon

Wieder hinauf geht’s auf die Birkenwaldstraße und von da schlängelt sich’s hinunter in die Innenstadt, immer wieder mit Blicken auf die City. An der Abzweigung zur Panoramastraße lohnt ein Halt im Chinesischen Garten.

Pavillon im Chinesischen Garten in der Panoramastraße 33. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Schon wieder findet man sich in einer anderen Welt – der Verschönerungsverein hat einen 1500 Quadratmeter großen asiatisch inspirierten kleinen Park mit Brücke und Wasserfall angelegt, die Pavillonarchitektur ist absolut einen Abstecher zur Panoramastraße 33 wert. Geöffnet hat der Park tagsüber von etwa 7 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit, im Sommer bis gegen 20 Uhr.

3. Postdörfle

Die Stadt, der Lärm rücken näher. Schon damals war es wie heute – je weiter oben, desto größer die Villen, je weiter unten, desto mehr Mietshäuser finden sich. An der Bushaltestelle Postdörfle biegt man die Kaisemer-Treppe rechts hinunter.

Stäffele führen hinunter ins Postdörfle. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut

Das Postdörfle gilt als erste Arbeitersiedlung der Stadt und entstand 1869 bis 1871, der Architekt war Georg von Morlok (1815-1896), fast nichts ist erhalten, Weltkriegsbomben haben das Viertel zerstört.

Der Architekt und württembergische Baubeamte hatte auch einige Bahnstrecken geplant und gemeinsam mit anderen den Alten Bahnhof, heute das Metropol in der Bolzstraße. Morlok war Studienkollege von Christian Friedrich von Leins, der wiederum die Villa Berg im Stuttgarter Osten entworfen hat. Die beiden wohnten auch nahe beinander, Morlok in seinem vierstöckigen Haus in der Uhlandstraße 3, Leins in der Uhlandstraße 23.

Kaum alte Gebäude sind mehr erhalten im Postdörfle. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut

Der damals noch unbebaute Hang wurde terrassiert und mit 21 zeilenweise geordneten Mehrfamilienhäusern gebaut – 1000 Bewohner fanden in den rund 200 Wohnungen Platz. Denn auch damals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Wohnungsmarkt in Stuttgart stark angespannt.

Der württembergische Staat sah sich daher genötigt, auf dem städtischen Wohnungsmarkt zu intervenieren, um wenigstens einem Teil seiner niederen Angestellten günstigere Kleinwohnungen zu verschaffen, es gab auch Einrichtungen für alle, eine Kinderkrippe, Kantine, Laden, Wasch- und Badhaus.

Noch erhalten am Rand des Postdörfles – Hotel an der Heilbronner Straße 21. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

Neo-Renaissance war der Baustil der Wahl, wie immerhin noch an dem inzwischen als Hotel umfunktionierten Haus in der Heilbronner Straße 21 zu erkennen ist. Ein Ort auch, um sich aufzuwärmen und einen Kaffee zu trinken.

Geht man bis zum Hotel hinunter und biegt links ein, sieht man den prächtigen Hoteleingang und geht danach links die Straße hinauf. Die Struktur der Siedlung mitsamt Platz lässt sich noch sehen. An Nachkriegs- und Neubauten vorbei geht es weiter. Auch diese Straße endet in einer Sackgasse, eine Treppe führt zur Birkenwaldstraße.

4. Erlöserkirche

Da sieht man sie gleich – die trutzige protestantische Erlöserkirche mit ihren schwarzen Tuffsteinmauern. Sie wurde von 1906 bis 1908 nach den Plänen des Architekten Theodor Fischer (1862-1938) erbaut.

Erlöserkirche in der Birkenwaldstraße 24 von Theodor Fischer. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Fischer ist einer der einflussreichsten Architektenprofessoren und Stadtplaner in Stuttgart auch für die nachfolgende Generation gewesen (Bahnhofs-Architekt Paul Bonatz arbeitete bei ihm im Büro ebenso wie Bruno Taut, ein Vertreter des Neuen Bauens).

Von ihm stammt unter anderem auch das Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus aus dem Jahr 1912, zwischen Bohnenviertel und Leonhardskirche gelegen.

5. Tunzhofer Arbeiterviertel

Sowohl Menschen aus dem Postdörfle werden in der Erlöserkirche gebetet haben als auch die Bewohner des Tunzhofer Arbeiterviertels, der letzten Station auf dem Spaziergang.

Von der Kirche aus kommt man alsbald zu einer Kreuzung, da findet sich an der Ecke Türlenstraße 22/Tunzhoferstraße 15 das sanierte ehemalige Kinderasyl aus der Zeit von 1914-1925 in einer Mischung von Neoklassizismus und Jugendstil, erbaut vom Hochbauamt Stuttgart, heute unter Denkmalschutz stehend.

Das ehemalige Kinderasyl an der Kreuzung Birkenwald-Türlenstraße. Foto: Nicole Golombek

Direkt dort straßenaufwärts in der Türlenstraße beginnt das ebenfalls denkmalgeschützte Tunzhofer Arbeiterviertel – obwohl das eher ein größerer trapezförmiger Häuserblock ist, immerhin mit einem Platz und einem begrünten Innenhof.

Auch eine Kinderkrippe war einst in dem städtischen Wohnprojekt für den Nachwuchs der Bewohner eingerichtet. Jede Wohnung verfügte über sanitäre Einrichtungen, hatte einen Keller und eine Kammer im Dachraum – eine Küche mit Veranda, Herd und Speiseschrank.

Hier ein Eckhaus des Tunzhofer Arbeiterviertels mit Fachwerk im Dachgeschoss. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Von 1900 bis 1903 entstand das Viertel, geplant wurden die 13 im historistischen Stil gebauten Häuser vom Stuttgarter Architekten und städtischen Baubeamten Albert Pantle (1859-1921), der auch das Kinderasyl entworfen hatte. Er ist auf dem Waldfriedhof begraben, dessen Friedhofsgebäude er 1914 geplant hatte.

Von ihm stammen auch die Schickardt-, Linden- und Altenburgschule sowie das Verwaltungsgebäude des Schlachthofes, das heute als Schweinemuseum mit Wirtshaus betrieben wird.

Das inzwischen sanierte Viertel besteht aus geradlinigen Riegeln, vier- bis fünfstöckig, an den Ecken mit ansehnlichen Kuppeldach abschließend. Hübsch sind auch die Blendziegel an den verputzten Fassaden, die Klappläden und mit roten Sand- und Backstein gestalteten Fassadendetails, auch einige Jugendstilelemente sind zu entdecken.

Die Häuserzeilen sind alle unterschiedlich gestaltet: Tunzhofer Straße 31. Foto: Lichtut/Max Kovalenko

Wenn man sich nach dem Spaziergang nun in Richtung Straßenbahnhalte bewegt, sieht man allerhand neuere Bauten. Darunter das Geno-Haus vom Architektenbüro Hans Kammerer und Walter Belz aus dem Jahr 1971 und die 2011 erbaute Stadtbibliothek vom koreanischen Architekten Eun Young Yi am Mailänder Platz. Ob das Areal mit vielen nichtssagenden Büro- und Wohntürmen bestehen wird wie die Siedlungen vom Baronen- bis zum Arbeiterviertel? Die Zeit wird’s zeigen.

Info

Länge
Der Spaziergang ist 2,1 Kilometer lang.

An- und Abfahrt
Mit dem Bus 44 zur Helfferichstraße, Abfahrt ist dann an der Haltestelle Stadtbibliothek mit dem 44er Bus und mit den Stadtbahnen U 5-7, U 12 und U 15. Wer den Spaziergang abkürzen will, lässt den Chinesischen Pavillon aus und fährt mit dem Bus 44 (Richtung Westbahnhof) von der Haltestelle Helfferichstraße zur Haltestelle Postdörfle.

Einkehrmöglichkeiten
Arcotel Camino, Heilbronner Straße 21 (Bar, Restaurant, Kaffee und Kuchen, Tapas). Bäcker Hofpfisterei montags bis samstags bis 20 Uhr im Milaneo (1. EG);

Geeignet für
Menschen, die gern stramm bergab (oder bergauf) marschieren, Sehnsucht nach dem Schwarzwald haben und die an der architektonischen Gestaltwerdung sozialer Unterschiede interessiert sind.

Weitere Themen