Architektur-Spaziergang in Stuttgart Sieben der schönsten alten Stadtvillen auf Stuttgarts Halbhöhe

Villa mit Erkern und Türmchen in der Dillmannstraße 3, entworfen 1901 von Alfred Schellenberg. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Architektur to go: In unserer Ausflugsserie spazieren wir an architektonisch herausragenden Gebäuden in der Stadt vorbei. Die zweite Route führt zu prächtigen historischen Villen vom Stuttgarter Westen über den Norden bis in die Innenstadt.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Viel geklagt wird heute über die zahlreichen Baustellen in der Stadt. Zumal selten welche darunter sind, die mehr Wohnraum schaffen. Letzteres war schon mal anders: 400 Wohnprojekte – in einem Jahr entstanden. Das war 1872.

 

Die Industrialisierung hatte einen enormen Zuzug von Menschen zur Folge und die mussten irgendwo wohnen. „Bis zur Reichsgründung 1871 waren die Hauptstraßen Stuttgarts bereits projektiert“, schreibt Manfred Schempp in seinem Aufsatz „Wohnen in Stuttgart“ im „Stuttgart-Handbuch“. Waren davor die Straßen noch 200 Meter lang, schaffte es die Silberburgstraße auf 2000 Meter Länge.

„Der überschaubare Raum ging verloren“, konstatiert Manfred Schempp, und „Architekten wie Theodor Fischer bemängelten die Eintönigkeit des Massenwohnungsbaus“.

Spaziergang im Stuttgarter Westen

Die Bodenspekulation blühte. „Mit einem ersten Ortsbaustatut suchte man den Wildwuchs einzudämmen und das Wachstum in geordnete Bahnen zu lenken“, schreibt Christian Ottersbach in dem Buch „Stuttgart. Kulturdenkmale vom Römerkastell bis zum Fernsehturm“. Im Kessel wohnte das arbeitende Volk und die kleinen Angestellten. Die damals geschmähten Gründerzeitbauten sind heute auch bei der Mittelschicht beliebt, damals, als es im Kessel noch mehr Industrie, Fabriken gab, darf man sich Luft- und Lebensqualität da unten als nicht so berauschend vorstellen.

Gründerzeitvillen im Stil des Historismus für die Mittel- und Oberschicht entstanden eher auf den Hügeln der Stadt. Wer es sich leisten konnte, wohnte damals schon beschaulich auf einer der Stuttgarter Halbhöhen. Dorthin führt der gut in einer Stunde zu bewältigende heutige Architektur-Spaziergang – zu prächtigen Stadtvillen, die nach der Jahrhundertwende entstanden und der prima sogar bei höheren Temperaturen zu schaffen ist, weil er fast ganz ohne Auf und Ab auskommt.

Die Villen-Route führt von Stuttgarter Westen über den Norden in die Stadtmitte. Foto: Yann Lange/Infografik

Villa Gallatin – Gaußstraße 39

Bis man zur ersten Station kommt, muss man doch irgendwie die Stuttgarter Halbhöhe erklimmen, wer aus der Stadtmitte nicht hochlaufen mag, nimmt den Bus Linie 40 und steigt an der Haltestelle Gaußstraße aus. Das erste Haus findet sich, wenn man in die Gaußstraße einbiegt, wo noch das Schild eines Feinkosthändlers prangt.

Villa Gallatin in der Gaußstraße 39. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Kaum nötig, die Hausnummer 39 hinzuzufügen, denn die Villa Gallatin fällt einem auch so sofort ins Auge zwischen all den netten, aber doch unauffälligen Ein- und Zweifamilienhäusern – weißer Putz und blau gehaltene florale Ornamente im Jugendstil, wow. So etwas ist tatsächlich selten in der Stadt zu entdecken. Das unter Denkmalschutz stehende Wohnhaus wurde von Wilhelm Gallatin entworfen und stammt aus dem Jahr 1910. Schön, dass es noch so gut in Schuss ist.

Villa Honold – Hauptmannsreute 93

Von der Villa aus geht es in Richtung Kreuzung Zeppelinstraße, die überqueren und weiter die Gaußstraße entlang, die dann in die Hauptmannsreute übergeht. „Stuttgart war eine Villenstadt“, wie Christian Ottersbach schreibt – und mancher Neubau zeigt, sie ist es noch heute. Selbstredend eine reine Wohngegend (die offiziell zu Stuttgart Nord gehört), also Trinkfläschchen mitnehmen, falls es warm ist.

Villa Honold in der Hauptmannsreute 93 Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Und dann steht man plötzlich an einer superinteressanten Kreuzung. Rechts Nummer 93 ist die im Landhausstil anmutende, leicht trutzige, sich in die Kreuzung duckende Villa aus dem Jahr 1908 von Karl Fink. Der Architekt, dies für die Geschichtsinteressierten, hatte das zweigeschossige Wohnhaus für Gottlob Honold erbaut. Der Stuttgarter Ingenieur konnte das Gebäude nicht sehr lange genießen, er starb 1923 im Alter von 46 Jahren. 1902 hatte Robert Boschs Mitarbeiter Gottlieb Honold die Hochspannungszündung mit Zündkerze entwickelt – einer der ersten Kunden: Gottlieb Daimler.

Villen von Bloch und Guggenheimer – Hauptmannsreute 74 und 76

Auf der anderen Straßenseite findet man noch zwei Wohnhäuser im Bauhausstil – die es nicht in den Architektur-Spaziergang Bauhaus-Villen geschafft haben.

Die zwei Flachdachbauten sehen aber auch großartig aus. Erbaut wurden die von den Architekten Oskar Bloch und Ernst Guggenheimer, die auf dem Spaziergang jetzt gleich noch einmal auftauchen.

Villen im Bauhaus-Stil (1930-1933) von Bloch und Guggenheimer an der Hauptmannsreute-Kreuzung. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Sie haben nämlich erst Villen im Historismusstil gebaut und dann nach der Werkbund-Schau und Entstehung der Weißenhofsiedlung von 1930 bis 1933 auch Wohnhäuser im Bauhausstil.

Kurzer Exkurs in Sachen Baugeschichte: Nur die beiden Häuser in der Hauptmannsreute 88 und Cäsar Flaischlen-Straße 3 sind Flachdachbauten mit typisch terrassenartiger Anmutung und Stahlrohrgeländer. Andere Häuser mussten, weil sich schon der Nationalsozialismus mit seiner Anti-Bauhaus-Haltung der Bauverwaltung zeigte, mit Walmdach versehen werden.

Von Guggenheimer und Bloch ist die Halbhöhen-Villa in der Hauptmannsreute 74. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Aber zurück zur Hauptmannsreute und den Historismus-Villen. Die nächste Station ist nur wenige Meter weiter auf der anderen Straßenseite, Nummern 74 und 76.

Und auch dieses Wohnhaus nebenan in der Hauptmannsreute 76 ist von Bloch und Guggenheimer. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

– beide Häuser im Historismusstil mit Türmchen eins, und eines mit Schindeln, wurden im Jahr 1910 von nämlichen Architekten Guggenheimer und Bloch entworfen! So wandelbar sind die Stile von Architekten.

Villa Haag - Herdweg 69

Es geht weiter auf der Hauptmannsreute, bis zur Abzweigung rechts zum Herdweg. (Weiter oben wäre man an an der Hausnummer 47a vorbeigekommen, einst stand hier die Villa Breuninger, dann wurde daraus ein Lost Place). Von Gärten umsäumt sind die Häuser hier, es geht etwas den Berg hinunter, die Lenzhalde wird links liegen gelassen und dann türmt sich schon bald an der Kreuzung Herdweg/Dillmannstraße die Villa Haag am Herdweg 69 auf, viel Baumbestand und wirklich prächtig.

Prachtvilla von Hummel und Förstner Architekten am Herdweg 69, Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Entstanden ist der Bau 1904 und 1905, geplant von Hummel und Förstner, beim Denkmalamt firmiert der Stil zwischen Historismus, Neobarock und Jugendstil. Das Büro war gut im Geschäft und entwarf unter anderem die Herz Jesu Kirche, die Kirche St. Fidelis und viele Villen in und um Stuttgart. Ein Wohnhaus von Clemens Hummel (er war auch Professor der TH Stuttgart) findet sich im Stuttgarter Osten und ist aus dem Jahr 1931 – im Bauhaus-Stil entstanden. Auch er also hat sich stilistisch weiter entwickelt.

Villa Schellenberg – Dillmannstraße 3

Jetzt heißt es noch einmal umdrehen bitte: eine weitere Villa im mit Fachwerk, Erkern und Türmen verzierten Landhaus-Historismus findet sich in der Dillmannstraße 3. So wie die Villa im Herdweg 69 (heute ist dort eine Kinderwunschpraxis) wird sie nicht mehr von Privatpersonen bewohnt.

Villa in der DIllmannstraße 3. Foto: Max Lichtgut/Max Kovalenko

Es ist die Adresse der Akademie für Natur- und Umweltschutz. In dem 1901 geplanten heute unter Denkmalschutz stehenden Bau hatte der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss während seiner Zeit als Kultusminister von Baden-Württemberg seinen Dienstsitz. Heute residiert hier die Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg.

Entworfen wurde der Bau von Alfred Schellenberg, der Architekt hat vor allem viel in Wiesbaden gebaut, darunter das Grand Hotel Nassauer Hof, hatte aber ab den 1890 eine Dependance in Stuttgart, wo er von 1867 bis Ostern 1869 studiert hatte.

Villa Hengerer – Herdweg 60

Jetzt geht es wieder zurück auf den Herdweg bergab in Richtung Innenstadt. Auf der linken Straßenseite findet sich die für heute letzte Station an der Hausnummer 60. Es ist das älteste Gebäude auf der Route: Die Villa wurde 1897 bis 1898 von Karl Hengerer im Stil des Historismus gebaut. Seine Liebe zum Handwerk und besonders zur Steinmetzkunst zeigt sich an der Fassade, romanische, gotische Elemente, Türmchen, Erker lagen in der Zeit im Trend.

Hengerer-Villa im Herdweg 60. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Karl Hengerer war ein wichtiger, besonders fleißiger Architekt. Zwischen 1890 und 1919, entstanden nach seinen Plänen zwischen 400 und 500 Gebäude, nicht nur Villen entwarf er, sondern auch sozialen Wohnbau – und den Graf-Eberhard-Bau.

Das eine oder andere wird vielleicht noch auf einem der nächsten Architektur-Spaziergänge vorgestellt. Hier endet der Architekturspaziergang – gar nicht weit weg übrigens von einem Gebäude eines Architekten, auf dessen Spuren sich der nächste Architekturspaziergang begibt.

Info

Strecke
Der Spaziergang von Stuttgart West nach Stuttgart Nord ist knapp zwei Kilometer lang, weitgehend flach und eignet sich auch für Menschen mit wenig Kondition. Kinderwagentauglich und für Fahrradfahrer ein eher kurzer Weg.

Einkehren
Nach dem Spaziergang geht man die Straße hinunter bis zum Linden-Museum am Hegelplatz (ein neoklassizistischer Prachtbau von 1911, entworfen von Architekt Georg Eser), dort findet sich mit dem „Hegel 1“ tagsüber ein Museumscafé, das sich abends in ein mit Michelinstern gekröntes Restaurant verwandelt. Wer günstiger speisen will, geht zum manchmal auch „K4“ (wegen der Uni Hochhäuser K1 und K2) genannten italienischen Restaurant„Mezzogiorno“ in der Kriegsbergstraße 55 auf dem Uni Campus.

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