Experimentell: Wohnhügel-Anlage in Stuttgart -Rot. Die lässt sich vor oder nach dem Spaziergang mit der der U-Bahn 7 erreichen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Architektur to go: Skandalös hässlich oder kantig interessant – brutalistische Betonbauten erhitzen so manche Gemüter. Unser Spaziergang von der Innenstadt bis auf die Filderebene zeigt, wie vielseitig Wohnhäuser und andere Betonbauten aussehen.
Sabine Fischer
13.09.2023 - 19:00 Uhr
Einschüchternde Betonmonster oder faszinierend radikale Formsprache? Kaum ein Architekturstil scheidet die Gemüter so sehr wie der Brutalismus. Die raumgreifenden Komplexe, die vor allem aus den 60er und 70er Jahren stammen, wirken auf viele Menschen heute rau und aus der Zeit gefallen – und faszinieren gleichzeitig mit ihrer rohen, ungezügelten Direktheit.
Auch im Stuttgarter Stadtbild finden sich einige Relikte dieses Stils, der inzwischen eine lebendige Community etabliert hat. Im Netz werden brutalistische Gebäude in ganz Deutschland katalogisiert und aufbereitet, um sie vor dem vielerorts drohenden Abriss zu bewahren.
Große Gebäude, langer Weg. Der Spaziergang zu Brutalismus-Bauten umfasst sechs Bauten – die Zusatzstation Wohnhügel in Rot ist via Stadtbahn erreichbar und extrem sehenswert. Foto: Yann Lange/Infografik
Mit genau solch einem Gebäude startet auch dieser Architekturspaziergang, auf dem sich die Highlights der brutalistischen Architektur in Stuttgart von der Innenstadt bis auf die Filderebene wunderbar entdecken lassen.
Verwaiste Schule in der Jägerstraße
Den Start macht eines der letzten Projekte des in Erlangen geborenen Architekten Rolf Gutbier – einem der prägenden Protagonisten der Stuttgarter Nachkriegsmoderne (fertiggestellt wurde es 1971). Der ein bisschen wie ein Mehrfamilienhaus ausschauende Bau findet sich in der Jägerstraße hinter dem Krankenhaushospital.
Womöglich vom Abriss bedroht: Die Verwaltungsschule in der Jägerstraße 58. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Lange Zeit war die staatliche Verwaltungsschule in der Jägerstraße 58 mit ihrer Terrassenlandschaft das Zuhause der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), die hier sowohl ihre Verwaltungs- als auch ihre Hörsaalgebäude hatte.
Im Jahr 2021 schloss die Hochschule hier ihre Türen – und überließ diese oftmals übersehene Architekturperle einer ungewissen Zukunft. Was mit dem brutalistischen Gebäude passiert? Bisher gibt es darauf noch keine klare Antwort. Besichtigen kann man es aber gut. Besonders schön dabei: der skulpturale Terrassenbau mit seinen sechs Betonetagen, der sich den Hang hinaufzieht.
Universität Stuttgart – Kollegiengebäude I und II
Nur ein paar Schritte weiter ragen die nächsten beiden Beispiele Gutbier’scher Architektur in die Höhe: die beiden Kollegiengebäude I und II in der Keplerstraße 7.
Universität Stuttgart in der Keplerstraße. Foto: Leif Piechowski/Lichtgut
Anfang der 60er Jahre realisierte Rolf Gutbier die Zwillingstürme gemeinsam mit seinen Kollegen Günter Wilhelm und Curt Siegel. Heute läuft man auf dem Weg in die Stuttgarter Innenstadt schnell einmal durch die Flucht zwischen den beiden Gebäuden hindurch.
Doch auch, wenn man sich am Fuß der Hochhäuser oft erschreckend winzig fühlt: gerne einmal verweilen und nach oben schauen. In einigen der scheinbar zahllosen Fenster brennt sicher noch Licht, irgendwo weht ein Vorhang oder ein an die Scheibe geklebtes Plakat zeigt deutlich, wer hier sein Büro hat. Heute sind die beiden Riesen nämlich das Zuhause zahlreicher Fakultäten der Stuttgarter Universität – auch die angehenden Architektinnen und Architekten haben hier ihre Seminarräume und Vorlesungssäle. Der mit dem Leibniz-Preis gekrönte Architekturprofessor Achim Menges forscht in den obersten Stockwerken des K I.
St. Josef – katholischer Betonbau in Heslach
Weiter geht es in den Stuttgarter Süden: Über den Marienplatz, wo man ja neben einigen Jugendstilperlen in der Filderstraße von der Pizzeria bis zur Eisdiele jede Menge Einkehrmöglichkeiten findet, führt dieser Spaziergang bis nach Heslach.
In der Finkenstraße 34/36 versteckt sich das katholische Gemeindezentrum St. Josef. Besonders spannend: Der kantige Betonbau der Architekten Rainer Zinsmeister und Giselher Scheffler liegt mitten in einem Wohnviertel aus dem 18. Jahrhundert und bildet so einen herrlich radikalen Kontrast zu seiner Gründerzeitumgebung.
Gemeindezentrum St. Josef in der Finkenstraße 34/36. Foto: Sabine Fischer
Auf die Idee, dass man hier vor einer Kirche steht, kommt man erst auf den zweiten Blick – auch weil der Komplex sich als Sakralbau klar zurücknimmt und sich schier in den Hang an einer Kreuzung duckt. Zur Straße hin sind Wohnungen vorgelagert, erst über einen von Bäumen und Büschen eingerahmten Innenhof gelangt man zum Gemeindezentrum und der dazugehörigen Kirche.
Bevor von hier aus nun ein paar Höhenmeter zurückgelegt werden müssen, um das nächste Ziel zu erreichen, wäre ein guter Moment für kurze Snackpause. Ganz in der Nähe liegt zum Beispiel das Restaurant Ochsen, das in seinem Bistro auch feinen selbstgemachten Kuchen anbietet. Wer sich für ein Picknick auf der Filderebene rüsten will, könnte auch einen kurzen Stopp in der Speisekammer Süd einlegen und sich mit allerlei Leckereien versorgen.
Kantige Kirche in Sonnenberg
Jetzt geht es nach oben: Über den Stuttgarter Dornhaldenfriedhof führt dieser Spaziergang nach Stuttgart-Sonnenberg. Kleiner Tipp: Wer keine Lust auf Stäffele hat, kann alternativ auch die Seilbahn vom Südheimer Platz aus nehmen und sich so ein bisschen Strecke erschummeln.
Von Grünem umrahmt ist das Gemeindezentrum Sonnenberg mit der Sonnenbergkirche in der Johannes-Krämer-Straße 4. Foto: NG/NG
Mit seinem freistehenden Kirchturm ist das evangelische Gemeindezentrum Sonnenberg in der Johannes-Krämer-Straße 2-4 schon von Weitem sichtbar und überragt die Wohnsiedlung um sich herum deutlich. Einmal angekommen, erkennt man die Handschrift des Schweizer Architekten Ernst Gisel: Niedrige Flachbauten aus Sichtbeton sind zurückhaltend um einen flachen Innenhof gruppiert.
Das kantige Kirchengebäude aus den 1960ern bietet einen schönen Kontrast. Mit Fritz Leonhardt und Frei Otto waren in die Planung außerdem zwei international bekannte Tragwerksplaner einbezogen.
Tipp: Auch der Innenraum der Kirche ist sehenswert und kann jederzeit von außen betreten werden. Und falls die Hängematte im hinteren Gartenbereich zugänglich und frei ist – toller Erholungsort.
Brutalistisches Ensemble am Fasanenhof
Bunt in der Nutzung – grau in der Fassade: Die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche im Fasanenhof. Foto: Sabine Fischer
Weiter geht es stadtauswärts in Richtung Fasanenhof mit seinen weithin sichtbaren Hochhäusern, zwischen denen sich aber auch kleinere Mehrfamilien- und Reihenhäuser versteckt. Und dort erstreckt sich dann gleich ein ganzes Ensemble brutalistischer Bauwerke.
Die unter Denkmalschutz stehende evangelische Bonhoefferkirche im Bonhoefferweg 14 der Architekten Eberhard Holstein und Carl-Herbert Frowein sowie das gegenüberliegende Gemeindezentrum spannen zwischeneinander einen offenen Raum auf, der mit kleinteiligen, verschachtelten Gebäuden übersät ist, darunter ein im Grünen liegender Kindergarten. Auch hier sticht die rohe Materialität hervor: Sichtbeton, wohin das Auge blickt, freilich längst umsäumt von Büschen und Bäumen.
Ein Stadtteil aus Beton – Wohnanlage Asemwald
Zum Abschluss des Spaziergangs geht es in einen Stadtteil, der im Prinzip aus drei Gebäuden besteht und komplett im Zeichen des Brutalismus‘ gebaut wurde. Die Wohnanlage Asemwald 1-22 von Otto Jäger und Werner Müller zieht mit ihren markanten Wohnscheiben schon von Weitem den Blick auf sich – und auch direkt vor Ort gibt es viel zu entdecken.
Weithin sichtbar ist die Wohnstadt Asemwald. Foto: Lichtg/ut/Max Kovalenko
1143 (!)Wohneinheiten, ein eigenes Waldstück, Tennisplätze, ein Kindergarten und ein Schwimmbad gehören zu diesem Ensemble, das aus drei baugleichen Hochhäusern aus vorgefertigten Betontafeln besteht.
Während seiner Bauzeit, also in den frühen 70er Jahren, wurde das Projekt vor allem wegen seiner massiven Größe vielerorts stark kritisiert. Heute gilt das Ensemble vor allem im Bereich des Space Sharings als Vorzeigebeispiel. Und was immer man vom Brutalismus hält, die Aussicht zum Finale im Bella Vista Sky Restaurant im Asemwald ist schlicht fabelhaft.
Abstecher für den Heimweg: Wohnanlage Tapachstraße in Rot
Und jetzt gibt’s noch ein Gebäude der Extraklasse mit auf den Heimweg. Ein bisschen Ab vom Schuss, dafür aber umso sehenswerter sind die beeindruckenden Terrassenhäuser in Stuttgart-Rot.
Sonne und Terrassen für alle: Wohnhügel in Stuttgart-Rot. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Wer zum Abschluss noch Lust auf diese besonders faszinierende Architekturperle hat, kann weiter spazieren bis zur Waldau und zur Haltestelle Ruhbank und von dort mit der Stadtbahn U7 direkt in den Stuttgarter Norden bis zur Haltestelle Tapachstraße fahren (oder mit dem Bus nach Degerloch und da erst die Stadtbahn U 12 nehmen und dann am Hauptbahnhof in die U7 umsteigen), um sich in Stuttgart-Rot die fünf- bis siebengeschossigen Wohnhügel anzusehen.
Die Gebäude mit 80 Terrassenwohnungen und 19 Garten-Atriumhäusern wurden von den Architekten Peter Faller und Hermann Schröder entworfen und sind von 1969 bis 1971 entstanden. Wem sie bekannt vorkommen – Peter Faller hat auch in Stuttgart-Neugereut ein preisgekröntes Wohnhügel-Haus entworfen.
Die Wohnanlage in Stuttgart-Nord zieht sich gute 100 Meter an der Tapachstraße 75-91 entlang. Sie stehen längst unter Denkmalschutz und wurden mit dem Paul-Bonatz-Preis der Stadt Stuttgart und mit dem Hugo-Häring-Preis des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten ausgezeichnet. Heute steht die Anlage unter Denkmalschutz.
Von hier aus lässt es sich dann bequem mit der Stadtbahn (Haltestelle Tapachstraße) zurück in die Innenstadt brausen.
Info
Länge Der Spaziergang ist 15 Kilometer lang, dauert etwa 3,5 Stunden zu Fuß oder eine Stunde mit dem Fahrrad, einen Teil davon kann man mit der Seilbahn abkürzen. Los geht es in der Jägerstraße 58 vom Stuttgarter Hauptbahnhof aus oder mit dem Bus (Linie 42) ab der Haltestelle Katharinenhospital. Zurück geht es von Asemwald oder von der Haltestelle Tapachstraße.
Einkehrmöglichkeiten Restaurant Ochsen (Böcklerstraße 25), Speisekammer Süd (Taubenstraße 22), Bella Vista Sky Restaurant (Im Asemwald 54).
Geeignet für Menschen mit gutem Schuhwerk, die fit zu Fuß sind und Lust haben, die kontroverse Architektur des Brutalismus mitten im Stuttgarter Stadtbild zu entdecken.