Architektur to go: Schindeln, Holzverzierung, Erker, Türmchen – pittoreske Villen im Landhaus- und Schweizerhausstil mitten in Stuttgart sind auf der Route unseres Stadtspazierganges zwischen Karlshöhe und Bopser zu entdecken.
Die Städter träumen vom idyllischen „authentischen“ Landleben mit frischer Luft, „ehrlichen“ Materialien wie Holz und Lehm und guter Aussicht. Fließend Wasser und warme Füße im Winter möchten sie aber schon haben. Heute ist das so, damals war das auch schon so.
Mit damals ist die Jahrhundertwende gemeint, als Architekten sich stilistisch von anderen Epochen inspirieren ließen (der damals sich etablierende neue Jugendstil setzte sich in Stuttgart nur mäßig durch).
Sie orientierten sich dabei zuweilen an Häusern auf dem Land – oder an einer romantischen Idee davon, wie es auf dem Land aussehen könnte, mit wirklicher alpiner Architektur hatte das zuweilen nur noch gefühlt zu tun.
Prächtige, auch putzig kleine, romantisch verschnörkelt wirkende Villen im Landhaus-, Schweizer und Chaletstil für Ingenieure und Fabrikanten entstanden mitten in der Stadt und auf den Halbhöhen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich eine Schweiz- und allgemein gesagt Alpenbegeisterung, auch die Romantik mit ihrer kunstgeadelten Naturliebe hatte diesen Stil beliebt gemacht – der überdies eine Art Gegenbewegung zur zunehmenden Technisierung der Welt und zur Industrialisierung mit ihren rasant wachsenden Städten darstellte. Zu diesen Bauten führt dieser Architekturspaziergang, die teilweise wirklich aussehen, als stünden sie im Schwarzwald.
Architekturspaziergang zu Landhaus-Stil-Häusern. Foto: Yann Lange/Infografik
Während die Architektinnen und Architekten sich heute in Sachen regionales Bauen oft an Gebäudetypen wie Eindachhäusern und Scheunen orientieren, sind es einst eher ornamentale Aspekte gewesen, die zum Einsatz kamen – Schindeln, Holzverzierungen an Gauben und Erkern.
Backsteinvilla in der Hasenbergsteige
Jeder, der schon einmal den „Blauen Weg“ entlang gewandert ist, kennt die Hasenbergsteige und hier geht’s los, allerdings recht weit unten bei der Hausnummer 27.
Villa in der Hasenbergsteige. Foto: NG
Ein roter Backsteinbau aus dem Jahr 1878 von Georg Betz mit verziertem Dach und Bäumen, Büschen, einem großen Garten mit Kinderrutsche und einem Wintergarten mit hölzernen Ornamenten, in dem man gut Szenen aus Tschechows „Kirschgarten“-Drama nachspielen könnte. Schön, das in diesem herrschaftlichen Backsteinhaus Menschen leben und nicht nur wie so oft Büros residieren.
Doppelvilla in der Hohenzollernstraße
Die Hasenbergsteige geht’s hinunter, jetzt rechts in die Hohenzollernstraße und da taucht ein besonderes Beispiel für den Schweizerhausstil auf – ein Doppelhaus. Jüngst wurden ja von Architektenjurys einige Doppelhäuser im Stuttgarter Süden ebenso wie in Stuttgart-Gablenberg prämiert: wenn schon Einfamilienhaus, das ja viel Fläche für wenig Menschen versiegelt, dann zumindest für zwei Familien, ist das Credo der Bauherren und Architekten gewesen.
Auch vor über hundert Jahren wurde schon zusammengelegt, wie in dem Doppelhaus aus den Jahren 1904 bis 1906 zu sehen ist. André Lambert und Eduard Stahl sind die Architekten. Sie haben auch das Theater Rampe gestaltet – und einige Meter weiter einen kleinen Palais, in dem eine kirchliche Einrichtung logiert (Villa Andresen, Hohenzollernstraße 11).
Doppelhaus mit Efeu in der Hohenzollernstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Sie entwarfen direkt an der Biegung, die dann rechts Richtung Schickhardtstraße führt, auf dem Hang thronend ein Doppelhaus im Stil des „Schweizerhauses“, mit Einflüssen englischer Villenbauten, wie das Denkmalschutzamt auflistet. Dass die Architekten auch Bauten im Neobarock und in Neorenaissance konnten, haben sie zudem mit den Nachbarvillen in der Hohenzollernstraße 16, 26 und 28 demonstriert.
Auffällige Gauben, eine zum Teil mit Efeu umrankte Fassade und das Türmchen – das Haus wirkt, als bewerbe es sich für eine Agatha-Christie-Krimi-Verfilmung, etwas geheimnisvoll Düsteres hat es jedenfalls an sich.
Villa Eitel in der Humboldtstraße
In der Hohenzollernstraße finden sich an den Klingelschildern wie in der Hasenbergsteige ebenfalls keine Firmennamen, das sieht man, wenn man die Stufen zur nächsten Adresse hinaufspaziert – zur Humboldtstraße. Wer jetzt schon Lust auf eine Pause hat, geht nach links hinauf zur Karlshöhe zu Tschechen & Söhne, genießt zur Limonade die Aussicht. Alle anderen gehen weiter hinunter zur Hausnummer 8.
Villa Eitel in der Humboldtstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski
Der Stuttgarter Architekt Albert Eitel hat das von 1899 bis 1903 entstandene Haus – und andere – für seinen Vater Emil Eitel geplant, der als Portefeuillefabrikant sehr reich geworden war und offenbar zeigen wollte, was er hat. Opulentes Fachwerk, Erker, Schnitzereien, der Sohnemann konnte in die Vollen gehen, dabei Neo-Renaissance-Elemente unterbringen wie an der aufwändig gestalteten Fassade zu sehen ist.
Romantische Polizeistation
Von der Humboldtstraße aus führt der Spazierweg bergab in die Mörikestraße, da kommt man an dem von Eitel geplanten Adelspalais der Villa Gemmingen in der Mörikestraße vorbei und geht links Richtung Silberburgstraße bis zur Tübinger Straße.
Bau von 1891 in der Tübinger Straße 45-61. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Da findet sich an der Ecke eine vor einigen Jahren schön renovierte Polizeistation im „Schweizerhausstil“ 1891 von Stadtbaurat Emil Mayer fürs Hochbauamt Stuttgart, ein zweigeschossiger Bau aus ockerfarbenen und roten Ziegeln mit Ziergliedern und Zinnengiebeln, der 1901 um ein Straßenreinigungsamt erweitert wurde.
Eis und Brezeln für den Aufstieg
Von hier aus am besten nach links zur tollen Eismanufaktur Claus. Von da gilt es, am Österreichischen Platz irgendwie über die Stadtautobahn zu kommen und in der Weißenburgstraße links in die Heusteigstraße abzubiegen, bei der Bäckerei Weible an der Ecke gibt’s hervorragende Brezeln und Gebäck, auch Getränke für den Aufstieg.
Man kann freilich auch über die Römerstraße hinaufsteigen, am Fangelsbachfriedhof vorbei, dann kommt man an der ersten Station des Jugendstilspaziergangs vorbei – der Markuskirche – und dort biegt man in der Filderstraße nach links zum nächsten Gebäude. Kulinariker merken sich für den Rückweg die Restaurant-Adresse Schweizers in der Olgastraße 133.
Kleine Villa in der Olgastraße
Ein Backsteinbau findet sich in der Olgastraße 105, er ist verhältnismäßig klein im Vergleich zu den mächtigen Historismus-Mehrfamilienhäusern.
Villa in der Olgastraße 105. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Ehemalige Villa Wildemuth heißt das Häuschen aus dem Jahr 1884 bis 1885 von Wilhelm Brenner, bei dem der Schweizerhausstil vor allem an dem vorkragenden Dach und den verhaltenen ländlichen Ornamenten zu erkennen ist.
Spickt man links in den Hof, sieht man eine nach hinten gelegene mit schönen Holzbalken verzierte Veranda, schon damals hat offenbar die Verkehrslage eher dazu geraten, Balkone nach hinten zu verlegen. Vor dem weiteren Aufstieg lohnt ein Halt im Café Justus.
Kinderprachtbau der Etzelstraße
Die nächste Adresse ist bei einem Spaziergang im Winter womöglich noch eindrucksvoller, denn die Villa in der Etzelstraße versteckt sich sommers hinter mächtigen Bäumen.
Villa hinter Bäumen in der Etzelstraße 27. Foto: NG
Geplant wurde dieses Landhaus wiederum von Albert Eitel, der rund 70 Villen und Wohnbauten konzipiert hat, von denen Dutzende heute noch unter Denkmalschutz stehen. Der Prachtbau entstand um 1900 für den Kommerzienrat Paul Bauer, heute beherbergt die Villa mit dem reichen Fachwerk eine private Kindertagesstätte. Junges Leben im alten Bau – eine ideale Weiternutzung des denkmalgeschützten Gebäudes.
Der Schwarzwald ruft – Villa Müller-Burk
Die steile Straße bergauf bis zur Kreuzung Hohenheimer Straße zum Bopser hinauf immer entlang der langen Bopserwaldstraße.
Villa in der Bopserwaldstraße 56. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Es sind da auch schon andere imposante Gebäude, doch kommt man am Haus mit der Nummer 56 vorbei, riecht man geradezu frische Schwarzwaldluft, auch wenn man in Wirklichkeit nicht auf lauter Bäume schaut von dem Haus aus, sondern auf den Stuttgarter Kessel.
Schindeln, Holzbalkone, Erker – alle Gestaltungselemente,die das Landhausstilherz begehrt, sind an der Villa Müller-Burk aus dem Jahr 1910 von dem Stuttgarter Architekten Richard Dollinger zu entdecken.
Teehaus im Weißenburgpark. Foto: Lichtgut/Lichtgut/Julian Rettig
Danach aber heißt es wirklich – geschafft! Zur Erholung und für kühle oder heiße Getränke empfiehlt sich eine Location in einer Jugendstil-Preziose, gemeint ist das Teehaus im Weißenburgpark ganz in der Nähe.
Info
Länge Der Spaziergang ist 3,1 Kilometer lang.
An- und Abfahrt Mit dem Bus 42 geht es zur Haltestelle Schwab/Reinsburgstraße oder mit dem Bus 44 zur Senefelderstraße. Nach dem Spaziergang fahren an der Haltestelle Bopser mehrere Stadtbahnen in Richtung Innenstadt und Hauptbahnhof.
Einkehrmöglichkeiten Biergarten Karlshöhe (Humboldtstraße 44), Claus Eismanufaktur (Tübinger Straße 41), Bäckerei Weible (Heusteigstraße 51), Restaurant Schweizers (Olgastraße 133), Café Justus (Olgastraße 118), Teehaus im Weißenburgpark (Hohenheimer Str. 119).
Geeignet für Menschen, die angesichts von Fachwerkbauten und mit Schindeln verzierten Bauernhöfen ins Schwärmen geraten und für alle, die Märchen mögen, in denen Menschen lange Zöpfe von Türmchen herabbaumeln lassen.