Architekturauszeichnung „Kleiner Hugo“ 17 innovative Bauten aus Stuttgart und der Region

Die Stuttgarter Wagenhallen wurden vom Atelier Brückner für eine ganz neue Nutzung umgebaut und durften doch ihren alten Geist behalten. Dafür gab es einen Kleinen Hugo. Foto: Atelier Brückner

Von leimfrei bis luftspringerisch: Siebzehn innovative Bauten starten für Stuttgart und die Region ins Rennen um den Hugo-Häring-Preis.

Stuttgart - Richtung Himmel ist meist noch Platz, sogar in Stuttgart. Warum also nicht aufstocken, um in Zeiten knapper werdender Bauflächen neue Wohn- und Arbeitsräume zu schaffen? Genau das dachte sich das Büro g2o auch. Mit ihrem Nachverdichtungsprojekt OS66.1 erhöhten die Stuttgarter Architekten ein Stadthaus aus den frühen 30er Jahren um zwei Etagen. Der Umbau beweist, welches Potenzial in verschlafenen urbanen Ecken schlummert. Nach der Sanierungsmetamorphose entpuppte sich das vormals hässliche Hinterhofentchen als stolzer Architekturschwan. Eine stählerne Außentreppe und das vieleckig angeschnittene Dachgeschoss strahlen technologische Coolness aus.

 

Damit könnte es der lichtgraue Monolith aus dem Heusteigviertel noch weit bringen. Beim Hugo-Häring-Preis jedenfalls haben die Planer Michele Grazzini und Stephan Obermaier erfolgreich die erste Hürde genommen. Benannt nach dem in Biberach/Riß geborenen Architekten Hugo Häring, gilt der Wettbewerb als bedeutendster seiner Art im Südwesten.

Elegant und klimaneutral

Alle drei Jahre startet der baden-württembergische Landesverband des Bundes Deutscher Architekten (BDA) das zweistufige Verfahren. Aufs Siegertreppchen darf nur, wer sich zuvor in einer der fünfzehn BDA-Kreisgruppen des Bundeslandes durchgesetzt hat. In den jeweiligen Regionen trifft man mit der Hugo-Häring-Auszeichnung eine Vorauswahl. Nun hat der BDA Stuttgart/Mittlerer Neckar bekannt gegeben, wer sich in diesem Jahr über die Ehrungen, die umgangssprachlich auch „Kleine Hugos“ genannt werden, freut. Beworben hatten sich 108 Architekten beziehungsweise Bauherren. Neben dem Haus von g2o schickt die Jury nun sechzehn weitere Bauprojekte aus der Region ins Rennen um den Hugo-Häring-Landespreis 2021, den „Großen Hugo“.

Alle Nominierten eint, dass sie in einer angespannten Zeit innovativ auf architektonische Herausforderungen reagiert haben. Wie etwa die Architekturagentur mit ihrem Mehrfamilienhaus der Stuttgarter Eigentümergemeinschaft MaxAcht. Das bereits an anderer Stelle prämierte Gebäude punktet ästhetisch durch rustikale Eleganz, ökologisch durch klimaneutralen Materialeinsatz. Überwiegend unbehandelte Fichtenlatten wurden für die vier Etagen verwendet. Das leimfreie Stecksystem ermöglicht den komplikationslosen und recyclingfähigen Rückbau.

Ein höflicher Knicks

Holzarchitektur ist auch sonst im Kommen. Dass sie weder an Kuhstall noch an Westernstadt erinnern muss, belegen Matthias Siegert und Dennis Mueller vom Büro Von M mit dem Hotel in der Ludwigsburger Bauhofstraße. Von außen ahnt keiner, wie viel natürlicher Rohstoff sich unter der modernistisch neutralen Eternithaut verbirgt. Krönung des Ganzen ist ein gekapptes Mansarddach als höflicher Knicks vor der barocken Tradition des schwäbischen Residenzstädtchens.

Historisches Einfühlungsvermögen besaß auch das Team vom Atelier Brückner, das die Wagenhallen im ursprünglichen Geist saniert hat. Durch die wiedergefundene Erinnerungskraft von Backstein, Klinker und Satteldach verbindet sich hier die Quirligkeit eines zeitgenössischen Künstlerquartiers mit dem industriellen Ambiente der Lokomotivremise aus dem 19. Jahrhundert.

Luftspringerisch leicht

Eine weitere Ikone des Stuttgarter Kulturlebens, der Neubau der John Cranko Schule, darf ebenfalls auf höhere Weihen hoffen. Wie es sich für eine renommierte Tanzinstitution gehört, bewältigt der Entwurf der Münchner Architekten Burger Rudacs den hiesigen hanglagenbedingten Höhenunterschied mit luftspringerischer Leichtigkeit.

Für jedes Grundstück gibt es eine passende Lösung. Nach dieser Devise handelte auch das Atelier Kaiser Shen. Auf einem schmalen Grünstreifen zwischen zwei Fahrbahnen in Ludwigsburg entstand mit dem experimentellen Mikrohofhaus ein Statement gegen die Wohnflächengefräßigkeit gut betuchter Singlehaushalte. Eingekeilt zwischen Asphalt, breitet sich auf 7,3 Quadratmetern ein beispielhaft verdichteter Lebensraum aus. Die Wohn-, Koch- und Schlafgelegenheit mit Bad und Miniaturgarten zeigt: In puncto Nachverdichtung geht noch einiges.

Info: Alle Ausgezeichneten

Die oft als Bausündenbabel geschmähte Landeshauptstadt hat viele preisgekrönte Gebäude: die AEB Headquarters (Riehle+Assoziierte), die John Cranko Schule (Burger Rudacs), die Kita im Park (Birk Heilmeyer und Frenzel), die Wagenhallen (Atelier Brückner), die Erweiterung der Landesbibliothek (LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei), das Spirituelle Zentrum St.Fidelis (Schleicher.Ragaller), St. Peter Gemeindezentrum und Kindertagesstätte Bad Cannstatt (Kamm Architekten), das Büro- und Geschäftshaus Stiftstrasse 3 (Wulf), das OS66.1 (g2o) und das MaxAcht (Architekturagentur).

Die Gegend um Stuttgart hat allerdings ebenfalls viel Preiswürdiges zu bieten: die Gemeinschaftsschule Gäufelden (Gerhard Lieb), das Hotel Bauhofstraße, Ludwigsburg (Von M), die Trumpf Betriebskindertagesstätte, Ditzingen (Barkow Leibinger), der Um- und Erweiterungsbau des Kinder- und Familienzentrums Neckarweihingen (Bernd Zimmermann), das Mikrohofhaus, Ludwigsburg (Kaiser Shen), die Alte Kelter, Kirchheim am Neckar (Holger Lohrmann), und 16 Stationen, ein Projekt der Remstal Gartenschau 2019 (Jórunn Ragnarsdóttir).

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Wagenhallen