Architekturgeschichte in Stuttgart Requiem für einen Bahnhof

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Der Bonatz-Bahnhof war als letzter Hauptbau der Moderne in Stuttgart gänzlich intakt. Mit dem Abriss des Südflügels verabschiedet sich die Stadt von ihrer Baugeschichte. 

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Stuttgart - Drei Schlüsselwerke der klassischen Architekturmoderne im deutschen Südwesten hat Stuttgart besessen: die 1927 unter Federführung von Ludwig Mies van der Rohe als Bauausstellung des Deutschen Werkbunds errichtete Weißenhofsiedlung , Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken aus dem Jahr 1928 und den bereits 1911 begonnenen, doch erst 1928 voll­endeten Hauptbahnhof von Paul Bonatz und Friedrich Scholer. Jedes dieser Bauwerke und Ensembles stand und steht exemplarisch für die verschiedenen Facetten des Neuen Bauens, mit dem Deutschland nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs ästhetisch und weltanschaulich zu neuen Ufern aufbrach.

Der Weißenhof ist gebautes Manifest einer „linken“ Avantgarde mit dem internationalen Aushängeschild Le Corbusier , die in dieser Mustersiedlung zum Ausdruck bringen wollte, wie sie sich die Zukunft vorstellte – des Wohnens, der Gesellschaft, des Menschen und überhaupt. Mendelsohns Kaufhaus für die Warenhauskette der jüdischen Unternehmer Salman und Simon Schocken brachte mit seinem gläsernen Treppenhaus­zylinder und den dynamisch geschwungenen Fassaden einen Hauch von Berliner Drive in die damals noch beschauliche Stuttgarter Altstadt. Der Bonatz-Bahnhof schließlich verkörpert die Moderne, die zwischen Traditionalismus und neuer Sachlichkeit zu vermitteln suchte: ein komplexes Raumgefüge mit langen Vertikalen, monumentalen Kuben und einem aus der Mittelachse gerückten Turm – „unschwäbisch heroisch“, befindet der Bauhistoriker Wolfgang Pehnt in seinem Buch über die „Deutsche Architektur seit 1900“, „aber auch malerisch in den Überschneidungen der asymmetrischen Teile“.

Kosmopolitisch und offen für verschiedene Stile

Zusammen prägten diese Bauwerke das Bild einer Stadt, die ihre Provinzialität ­abstreifte und, sich ihrer wachsenden industriellen und damit auch kulturellen Bedeutung bewusst, zu Großem nicht nur entschlossen war, sondern es für dieses eine Mal auch erreichte (und dann erst sechzig Jahre später wieder mit James Stirlings Staatsgalerie). Kosmopolitisch, undogmatisch, offen für verschiedene, zum Teil rivalisierende Einflüsse und Stilrichtungen, so war Stuttgart, als die Moderne losging.

Was ist von dieser Trias geblieben? Die Weißenhofsiedlung wurde im Krieg um die Hälfte dezimiert. Anstelle der zerstörten Häuser von Gropius, Poelzig, Döcker, Hilberseimer, der Taut-Brüder entstanden in den fünfziger Jahren und stehen bis heute banale Neubauten. Als hätte die Stadt im Bombenhagel ihr Gedächtnis verloren, vergaß sie diese einst von ihr selbst gegen starke Widerstände durchgesetzte Ikone des Neuen Bauens, und das gerade als Westdeutschland nach Nazibombast und Blut-und-Boden-Tümelei wieder an die Moderne der zwanziger Jahre anzuknüpfen versuchte. Schwacher Trost: im 2006 eröffneten Weißenhof-Museum im Corbusier-Haus kann man sich angucken, wie ­alles einmal war.