Architekturpreis Beispielhaftes Bauen Das sind die 24 besten Bauten und Wohnhäuser in Stuttgart

Signalrot, dynamisch, hell: Die Jugendverkehrsschule im Stuttgarter Westen, entworfen von asp Architekten. Alle weiteren Preisträger in der Bildergalerie. Foto: Zooey Braun/Beispielhaftes Bauen

Die Architektenkammer zeichnet die besten neuen Gebäude und Umbauten in Stuttgart aus. Welche Bibliotheken, Schulen und Einfamilienhäuser wurden als beispielhaft prämiert, welches Architekturbüro hat beim Wettbewerb abgeräumt? Ein Überblick.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Glückliches Salz, das in so einem Speicher lagern kann, und glückliche Bewohner des Stuttgarter Stadtteils Vogelsang, die täglich an dem Holzbau-Betriebshof der Stadt Stuttgart vorbeigehen können, zumindest, wenn sie im Industriegebiet unterwegs sind: Das Architekturbüro asp hat den Bau entworfen und dafür einen der 24 Preise „Beispielhaftes Bauen 2019 – 2023 in Stuttgart“ der Architektenkammer Baden-Württemberg erhalten.

 

Das Stuttgarter Architekturbüro hat kürzlich erst einen Städtebaupreis für seinen Rahmenplan zum neu entstehenden Rosensteinviertel erhalten und ist bei dem Wettbewerb „Beispielhaftes Bauen“ jetzt auch der große Gewinner.

Drei Projekte von asp Architekten

Unter dem Vorsitz von Stephan Weber, Freier Architekt in Heidelberg und Vizepräsident der Architektenkammer, hat die siebenköpfige Fachjury, darunter Tomo Pavlovic, Redakteur dieser Zeitung, neben dem Salzspeicher außerdem zwei weitere Projekte des Büros asp für beispielhaft erachtet: die schnittig geformte Jugendverkehrsschule unter dem Birkenkopf und das begrünte Parkhaus in Bad Cannstatt, das zugleich als Energiezentrale fürs Quartier funktionieren wird.

94 Arbeiten sind für den Preis „Beispielhaftes Bauen“ bei der Architektenkammer eingereicht worden, 24 Auszeichnungen wurden vergeben, die als gut gestaltete Architektur weitere positive Impulse für die Entwicklung der Baukultur in der Landeshauptstadt geben könnten. „Das Auszeichnungsverfahren hat insgesamt ein sehr gutes Bild von der Baukultur in der Landeshauptstadt Stuttgart ergeben“, registrierte die Architektenkammer.

Zwei Projekte eines anderen bekannten Stuttgarter Büros – LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei Architekten – konnten überzeugen: Der Erweiterungsbau der Landesbibliothek Stuttgart an der Stadtautobahn B14 sowie das Motel One Hotel in der Kriegsbergstraße nahe dem Hauptbahnhof.

Die Jury lobt: „Die Außenfassade bildet zusammen mit dem angrenzenden Bestandsbürogebäude eine konsistente und gediegene Einheit. Alt und neu bilden durch Ästhetik und Material einen beispielhaften Stadtblock.“

Ebenfalls eine Übernachtungsmöglichkeit bietet das ausgezeichnete Emilu. Das von Wolf Architekten/ Ingenieure und Blocher Partners in ein Designhotel mit Restaurant-Café und Bar umgebaute Gebäude hat sich auch hinsichtlich der Stadtentwicklung und Belebung der Innenstadt längst als vorbildlich erwiesen.

Ein neuer Innenstadtbelebender Stadtbaustein ist der viel bestaunte,begrünte Bau in der Calwer Straße vom Büro des Architektenbüros Ingenhoven associates, der ebenfalls zu den Gewinnern zählte.

Stark im Fokus ist das Thema Holzbau und besonders das Bauen im Bestand, weil hier viel Graue Energie und CO2 gebunden bleiben und es als zukunftsweisend auch hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz gilt. Neben dem Emilu und dem LRO-Hotelumbau sind erfreuliche fünf weitere Projekte, also fast ein Drittel der Sieger, Umbauten.

Viel Umbau im Bestand

Nur was komplett recyclierbares Bauen und Bauen mit Recycle-Material betrifft, was schon wegen der Beschaffung von Baustoffen kompliziert ist, schwächeln Bauherren- und Architektenschaft noch – sieht man von der von Lanz + Schwager Architekten geplanten Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim ab, bei dem Recycling-Beton zum Einsatz kam.

Unter den Umbauten im Bestand ist wenig überraschend die glückreiche Sanierung des Stuttgarter Traditionsschwimmstätte Bad Berg durch 4a Architekten, das Büro von und für andOffice Blatter Ertel Probst, das auch schon Innenarchitekturpreise erhalten hat, sowie eine Erweiterung des Kindergartens Pistoriuspflege in Stuttgart-Ost durch Krimmel Architekten.

Umbau im Denkmal ist anspruchsvoll, kann aber gelingen wie Egger Kolb Architekten zeigen, sie haben im historischen Psalmistenhaus in Rotenberg einen Kiosk geplant. „Dabei ordnet sich der gastronomische Betrieb herausragend in den historischen Bestand ein, ohne sein modernes Antlitz zu verlieren“, lobt die Jury.

Und – heikles Thema: ein sonst – wegen Flächenverbrauch – so gescholtenes Einfamilienhaus hat es unter die Gewinner geschafft. Das Büro Holzerarchitekten hat in Degerloch mit dem Umbau eines verwohntes Hauses „mit einfachen, reduzierten Mitteln“ die Jury beeindruckt.

Unter die Rubrik smarte Nachverdichtung in der Stadt fallen zwei weitere Doppelhäuser, die jeweils auf schwer bebaubaren Restgrundstücken entstanden sind: Und ein höchst elegantes Haus, bewohnt von den Architekten, entstand im Osten auf einem lange nicht genutzten Grundstück in extremer Hanglage von HIIIS Harder Stumpfl Schramm mit Sebastian Wockenfuss.

Ein Haus für zwei Familien steht in Stuttgart Süd, geplant von VonM Architekten. „Der Clou“,so die Jury, „ist die Wandlungsfähigkeit der Innenräume: Eingelassene Holzschienen ermöglichen eine künftige Versetzung der Wände. Auf eine Weise, dass es problemlos in ein Mehrfamilienhaus, eine Wohngemeinschaft oder ein Workspace umgebaut werden kann.“

Wohnen auf wenig Platz

Weil in der Stadt aber vor allem auch bezahlbarer Wohnraum und Wohnen auf wenig Quadratmetern dringend benötigt wird, sind diese Auszeichnungen nachvollziehbar: Das Wohn- und Geschäftshaus der Baugemeinschaft „Baulöwen“ in der Breitscheidstraße (geplant von LEHENdrei Architektur Stadtplanung Feketics, Schuster) sei, so die Jury, „ein gelungenes Beispiel für zukunftsfähigen und bezahlbaren Wohnraum.“

Beim Projekt „Mono DESIGN“ in Untertürkheim ist der Name Programm – lauter kleine Wohneinheiten, die Wohnraum für jene bieten, die nur temporär in der Stadt leben, entstanden am Stuttgarter Stadtrand an der Grenze zwischen Wohnen und Gewerbe.

„Die Herausforderung, Wohnraum sowohl für den kürzeren als auch den längeren Aufenthalt zu schaffen, gelingt hervorragend“, urteilt die Jury. „Trotz der hybriden Anforderung entsteht ein gelungener Innenraum, dessen Qualitäten sich noch in den Hof erweitern dürfen.“

Brotladen und Kunst am Bau

Manche Gebäude werden nur von Privatleuten oder Büroangestellten – so wie das von Wulf Architekten mit hochwertigen Materialien gestaltete Bürogebäude in der Stiftstraße – genutzt. Es sind allerdings neben den Hotels und Landesbibliothek einige weitere Projekte von allen Stuttgarterinnen und Stuttgartern außen und innen zu begutachten.

Neben den Hotels und dem Kiosk freuen sich architekturaffine Kulinariker also über das Restaurant Wiesenauerläuten mit Kunst am Bau von Tobias Rehberger im Industriegebiet von Stuttgart-Wangen von Lamott.Lamott Architekten und Wörner Architekten. Besuchenswert ist auch der kleine Laden Brotfreunde Grau, gestaltet von SOMAA Architekten bei der Markthalle.

Info

Der Preis
Die 24 Auszeichnungen „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer Baden-Württemberg gehen jeweils gleichermaßen an Bauherrinnen und Bauherren sowie an Architektinnen und Architekten. Bei der Entscheidungsfindung legte die Jury folgende Kriterien zugrunde. Äußere Gestaltung, Maß und Proportion des Baukörpers; innere Raumbildung, Zuordnung der Räume und Zweckmäßigkeit; Angemessenheit der Mittel und Materialien, konstruktive Ehrlichkeit; Einfügung und Umgang mit dem städtebaulichen Kontext und der Umwelt; Nachhaltigkeit (ökologisch, ökonomisch, sozial).

Preisverleihung
Die Urkunden und Plaketten werden den Siegern am 23. November 2023 im Rathaus Stuttgart ausgehändigt, sie werden überdies mit einer Ausstellung, Broschüre, im Internet sowie in der App Architekturführer Baden-Württemberg der Öffentlichkeit vorgestellt.

Weitere Themen