ARD-Film „Es ist alles in Ordnung“ Gewalt hinter der Reihenhausfassade

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Wenn Papa mal handgreiflich wird: Mark Waschke ist in dem ARD-Fernsehspiel „Es ist alles in Ordnung“ als prügelnder Familienvater zu sehen.

Ein Vater  wird handgreiflich:  Mark Waschke und Sinje Irslinger. Foto: ARD
Ein Vater wird handgreiflich: Mark Waschke und Sinje Irslinger. Foto: ARD

Stuttgart - Ein Mann, gespielt von Mark Waschke, radelt mit einer Dreizehnjährigen, gespielt von Sinje Irslinger, am Deich entlang. Stiefvater und Stieftochter messen sich mit dem Gegenwind, die Mutter mit dem gemeinsamen Sohn Philipp begleitet die beiden strahlend im Auto. „Es ist alles in Ordnung“ heißt der Film, den die Regisseurin Nicole Weegman nach dem Drehbuch des Autorenduos Tina Ebelt und Ingo Haeb gedreht hat. Und so sehen die Bilder zunächst auch aus. Alles scheint hell, offen, weit, die Nordseeküste, wo die Familie Ferien macht, und später auch das durchgestylte Reihenhaus im Rheinland, das sich Birgit und Andreas nach ihren Traumvorstellungen von einer heilen Familie eingerichtet haben.

Man kennt solche Ansichten aus der Werbung und aus der Wirklichkeit, wo derartige Tempel, kaum bezogen und noch nicht ansatzweise abbezahlt, öfter mal zu Ruinen des Scheiterns geraten. „Den Drehbuchautoren war es wichtig, die Figuren in der Mitte der Gesellschaft anzusiedeln, so dass es nicht schwerfällt, sich zumindest streckenweise mit ihnen zu identifizieren“, sagt Waschke, der den schwierigsten Part in diesem in der ARD am Mittwoch, 15. Januar, zur Hauptsendezeit ausgestrahlten kleinen Fernsehspiel übernommen hat.

Waschke ging als Schauspieler gemeinsam mit Nina Hoss, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger und Devid Striesow aus einem Ausnahmejahrgang an der Berliner Hochschule Ernst Busch hervor; spätestens seit seiner Hauptrolle als Thomas in Heinrich Breloers Literaturverfilmung „Die Buddenbrooks“ ist er beim Publikum bekannt und beliebt. In „Es ist alles in Ordnung“ ist er zunächst als überaus zeitgenössisch ­wirkender, latent gestresster, mühsam beherrschter, in seiner Patchworkfamilie fast zwanghaft um Harmonie bemühter Ehemann und Vater zu sehen. Doch sich den anstehenden Problemen zu stellen – die Stieftochter Sarah rebelliert gegen die Eltern, ringt um ihre Identität und möchte nicht adoptiert werden – gelingt ihm ebenso wenig wie seiner Ehefrau Birgit, die mit ihren Verdrängungsmechanismen alles nur noch schlimmer macht und wegschaut, als die Situation langsam eskaliert: Andreas wandelt sich zum Prügler. Wie zeigt man so eine verstörende Entwicklung?

Opfer sind die Kinder

„Das Herausfordernde an dieser Rolle war ja gerade, jemanden zu spielen, den man nicht von der ersten Minute an verurteilt und über den dann eine schlichte, abfällige Meinung parat steht, sondern einen Menschen, mit dem man sich weitestgehend identifizieren kann“, sagt Mark Waschke. Andreas so nah wie möglich an das dem Zuschauer bekannte Lebensumfeld heranzuziehen und seine Handlungen weitestgehend nachvollziehbar zu machen, sei ihm wichtig gewesen. „Und trotzdem dreht sich einem irgendwann der Magen rum, weil man das nicht aushält, was er tut.“ Ihm sei es darum gegangen „diese dünne Schicht sichtbar zu machen, die Zivilisation heißt, und herauszuarbeiten, wie dicht darunter doch oft das Brutale, das Animalische schlummert“.

An dem Drehbuch schätze er, „dass die Figur Andreas überhaupt nicht erklärt wird. Es wird nicht versucht zu behaupten, der schlägt seine Tochter, weil das und das vorher passiert ist. Oder: der hat ein Problem mit Frauen, weil soundso. Gerade dadurch, dass einem das als Zuschauer vorenthalten wird und man nur sein Verhalten, seine Taten sieht, in einem Umfeld, das die meisten doch gut kennen, ist es möglich, dass man ihn an sich ranlässt. Würde man alles gleich erklären, könnte man das dann wieder so von sich wegrücken und sagen, na ja, solche Typen kenne ich, aber so bin ich ja zum Glück nicht.“ Machbar sei diese Atmosphäre sprachloser Intensität und latenter Gewalt allerdings nur gewesen, weil alle Beteiligten mit einer großen Leidenschaft ans Werk gingen. Mit Silke Bodenbender, die Birgit mit einer von anrührend bis schließlich bedrohlich wirkenden Schwäche und Unentschiedenheit darstellt, hat er seit Stefan Krohmers Generationenfilm „Mitte 30“ mehrfach zusammengearbeitet. Zwischen ihnen passierten beim Drehen Dinge, die man sich vorher nicht ausgedacht habe, „in kleinen Blicken, Gesten, Berührungen“. Vor den Augen des Zuschauers zeigen die beiden Ausnahmeschauspieler so ein sehr dunkles maskulin-feminines Wechselspiel, in dem am Ende keiner als Alleinschuldiger gelten kann. Opfer aber sind, wie immer, die Kinder.