ARD-Serie „Kafka“ Kafka, wie er wirklich war

Auch er war in Italien: Joel Basman als Franz Kafka. Foto: NDR/Superfilm

Das Beste was dieses Gedenkjahr bisher hervorgebracht hat: Die sechsteilige Miniserie „Kafka“ von David Schalko und Daniel Kehlmann befreit den Prager Jahrhundertdichter von verstaubten Klischees. Alle sechs Episoden sind in der ARD-Mediathek verfügbar.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Wie nur anfangen? Diese Frage steht am Beginn fast jeder der sechs Folgen, in denen das Leben und Werk Franz Kafkas filmisch beschworen wird. Beschworen? Nein, man muss anders anfangen. Denn hier entfaltet sich kein schwerblütiger Bildungszauber, werden keine düsteren Klischees nachgespielt. Schon der einleitende biografische Kurzabriss als historische Bildershow bebt nicht nur vom Retro-Gewackel kinematografischer Anfänge, sondern vom Witz und der heiteren Unrast, für das Wirken des Prager Beamten, Fabrikbesitzers und Schriftstellers Dr. Franz Kafka einen eigenen Dreh zu finden.

 

Denn mit der Aufzählung seiner Lebensstationen ist man schnell durch. Der Erzähler rattert sie daher: Die Reisen, die sechs Geliebten und eine unbekannte Zahl von Prostituierten. Bis er sich selbst ins Wort fällt. Denn natürlich kann man so nicht beginnen. Andererseits: wäre ohne diese Rahmung gleich die nun anschließende Geschichte mit jenem Koffer gekommen, in dem Kafkas Freund Max Brod, dessen Schriften vor der Vernichtung gerettet hat, würde man, was der österreichische Regisseur David Schalko nach einem Drehbuch des Schriftstellers Daniel Kehlmann realisiert hat, womöglich für ein gewöhnliches Biopic halten. Und nichts wäre verkehrter.

Diese ARD-Miniserie zählt vielleicht zum Erstaunlichsten, was die Kafka-Festspiele dieses Jahres bisher hervorgebracht haben. Der Tausendsassa Schalko hat in diversen Fernsehserien im Fach grotesker Komik Maßstäbe gesetzt. Kehlmann wiederum beherrscht wie kein zweiter die Kunst, einschüchternde Lebensgeschichten zu entschlacken.

Statt nachzubuchstabieren, nutzen die beiden die Möglichkeiten des Mediums Film für eine multiple Darstellungsweise, die der rätselhaften Fusion von Irrwitz und Realismus, Konkretion und Phantasma in Kafkas Texten auf eigenwillige Weise entspricht. Alles gleitet so überraschend wie zwingend ineinander, Zeitschichten, Werk und Wirklichkeit, ein unzuverlässiger Erzähler und Schauspieler, die ihn, wo es darauf ankommt korrigieren oder das Wort gleich direkt an den Zuschauer richten.

Manche Sequenzen wirken wie von Wes Anderson choreografiert, die Kamerafahrten durch einen Querschnitt der Kafka’schen Wohnung in Prag, nur dass die Freude am Skurrilen sich hier nicht selbst genügt. Sonst hätte der biografische Siegelbewahrer des Kafka-Kosmos, Reiner Stach, der als Berater hinzugezogen wurde, sein Placet wohl verweigert.

Was er denn in dem Koffer habe, will ein Grenzbeamter wissen, als Max Brod 1939 mit dem letzten Zug vor den großen Zeiten, die gerade in Deutschland anbrechen, aus Prag flieht. „Schon sprang ich mit ungewohnter Geschicklichkeit meinem Bekannten auf die Schultern und brachte ihn dadurch, dass ich meine Fäuste in seinen Rücken stieß in einen leichten Trab.“ Nach dieser Stichprobe, ein Satz aus dem frühen Werk „Beschreibung eines Kampfes“, ist der Grenzhüter von der Bedeutungslosigkeit des „Gekritzels“ überzeugt, „das ist wirklich nichts“, und schon ist man in einer Variation der berühmten Türhüter-Parabel angelangt: „Sie dürfen diesen Grenzübergang überschreiten, die Grenze wird jetzt geschlossen.“

Streifzug durch Cafés und Bordelle

„Ich habe noch nie was Besseres gehört“, sagt Max Brod ein halbes Menschenleben vorher, nach dem sein Freund die gleichen Zeilen vorgelesen hat. Brod steht im Mittelpunkt der ersten Folge, ein großer Erotomane, aber mittelmäßiger Autor. Man lernt die Verleger Ernst Rowohlt und Friedrich Wolff kennen, folgt dem Prager Kreis in die Cafés und Bordelle der Stadt – „ich sag‘s halt, Bordelle waren alltäglich“, flicht der Erzähler entschuldigend ein. Und irgendwann landet man im Marbacher Literaturarchiv, wo sich Max Brod ein paar kritische Fragen wegen seines eigenmächtigen Umgangs mit dem Nachlass gefallen lassen muss.

Dem briefvermittelten Hin und Her um Felice Bauer, der Familie, dem Bureau, einem Waldspaziergang mit Milena Jesenská und den letzten Tagen mit Dora Diamant sind die weiteren Folgen gewidmet. Und sie räumen gründlich mit einigen muffigen Vorstellungsbildern auf: Dieser Kafka steht im Leben, kuriert seine nächtlichen Schreibräusche mit Frühsport, wird allseits geschätzt als Autor und brillanter Versicherungsjurist, und er ist vor allem eines: abgrundkomisch.

Aber vielleicht müsste man überhaupt ganz anders anfangen, mit den Schauspielern. Den illustren Namen aus Kafkas Umfeld entsprechen bis in die Nebenrollen solche der deutschsprachigen Schauspielelite unserer Tage. Lars Eidinger raunt als Rilke; aus dem freundlichen Mittelmaß Max Brods macht David Kross ein Bravourstück. Ein solches ist auch die fulminante Wutarie, zu der sich Liv Lisa Fries als Milena Jesenská im Wiener Wald aufschwingt, weil ihr Geliebter versucht, Leidenschaften mit Zugfahrplänen zur Deckung zu bringen. Nicholas Ofczarek als Hermann Kafka ist ein Mensch gewordenes Wut-Kraftwerk, dem noch in altersbedingtem Abklingen Dampfwölkchen tiefster Verachtung entweichen, allein seine Gabelhaltung ist jede der hundert Seiten des nie abgesandten Briefs an den Vater wert.

Natürlich hätte man auch diese Reihe anders beginnen müssen: Mit wem sonst, als Kafka selbst. Wenn ihm Daniel Kehlmanns Drehbuch nicht die eigenen Worte mundgerecht serviert, knabbert er essensreformerisch 40 mal auf jedem Bissen herum, was nicht nur den Vater vollends auf die Palme treibt. Nie wieder wird man sich diese Jahrhundertgestalt anders vorstellen wollen als in der somnambulen Keckheit, der verpeilten Präzision, die ihm der Schweizer Schauspieler Joel Basman mit leicht wienerischem Einschlag verleiht. Er ist die eigentliche Sensation.

Ja, mit Kafka fängt alles an. 100 Jahre nach seinem Tod erwacht er in der klugen Respektlosigkeit dieses eigenständigen Kunstwerks wieder zum Leben.

Kafka: Alle Folgen sind in der ARD-Mediathek abrufbar.

 

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