ARD-Talk „Hart aber fair“ Europa-Schelte auf bescheidenem Niveau

Frank Plasberg stellt Europa an den Talkshow-Pranger. Foto: obs/ARD Das Erste
Frank Plasberg stellt Europa an den Talkshow-Pranger. Foto: obs/ARD Das Erste

Welche Verantwortung trägt die EU für das Impfstoff-Desaster? Beim ARD-Talk „Hart aber fair“ wird nach der Antwort nicht ernsthaft geforscht, das Urteil steht quasi von Beginn an fest. Was viel mit der Auswahl der Gäste zu tun hat – und dem Gastgeber.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Das alte Schreckgespenst ist wieder da: Europa. Auf eine unsolidarische, überbürokratisierte und schlecht geführte EU hat sich schon immer gut draufhauen lassen. Die Flüchtlingskrise ist noch nicht ausgestanden, da wird Brüssel auch noch für das Impfdesaster verantwortlich gemacht. Ist sie das? Wer die Frage stellt: „Taugt Europa als Krisenmanager?“, wie der „Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg, der weiß schon die Antwort. Bei entsprechender Gästeauswahl liegt sogleich auf der Hand, welchen Gesamteindruck der ARD-Talk nur hinterlassen kann.

Journalisten eignen sich besonders gut für Europa-Schelte – selbst oder gerade wenn es sich um profilierte (frühere) Brüssel-Berichterstatter wie Rolf-Dieter Krause handelt. Der Ex-Korrespondent bemängelt beispielsweise, dass seitens der EU Spitzenleute über die Impfstoffbeschaffung verhandelt haben, „die mit der Pharmaindustrie keinerlei Erfahrung haben“. Seiner Meinung nach hätte man „dynamische Verträge machen können“ – wobei letztlich nicht klar wird, was er damit meint. Und erst recht gibt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in seinen Augen „kein gutes Bild ab“, weil sie mit einem „kleinen Küchenkabinett“ arbeite und andere nicht einbeziehe. Mittlerweile sei EU-Kommissar Thierry Breton der Meinungsführer, nicht die Deutsche. Krönung seiner Einlassungen ist später seine Frage, warum es nicht möglich sei, die Zugänge zu den Altenheimen besser zu kontrollieren, wo die alten Menschen „sterben wie die Fliegen“, wie Krause meint. „Da hätte man Bundeswehrsoldaten hinstellen können.“

Rolle der Europa-Anwälte schwach besetzt

Da tut sich selbst die Brexit-Befürworterin Gisela Stuart, die in Bayern zur Welt kam und heute dem britischen Oberhaus angehört, schwer, eine pointierte Brüssel-Kritik draufzusetzen – zumal sie erst einmal eine „rationale Diskussion“ anmahnt.

Europa-Bashing ist von vornherein Trumpf – da hilft es auch nicht, dass Plasberg zwei überzeugte Europäer eingeladen hat: Linn Selle, Präsidentin der Europäischen Bewegung Deutschland, und Daniel Caspary, den Vorsitzenden der CDU/CSU-Gruppe (EVP) im europäischen Parlament. Sie beziehen zwar die einzig logische Gegenposition, dass „nationale Alleingänge keinen Sinn machen“ und dass Deutschland nur dann aus der Pandemie „rauskommen wird, wenn alle Nachbarländer rauskommen“.

Als Anwälte Europas machen sie aber eine schwache Figur. Er sei ja nicht der Sprecher der EU-Kommission, bemerkt der CDU-Politiker halbherzig. „Man kann manches kritisieren, aber so schlecht wie dargestellt läuft es nicht.“ Die „Riesenerwartungshaltung“ zu Beginn mit dem Versprechen, binnen vier Wochen seien alle durchgeimpft, sei von Anfang an irreal gewesen. Dass diese vier Wochen offenkundig aus der Luft gegriffen sind, fällt sogar dem Moderator sofort auf.

Der Landrat mit der gefestigten Meinung

So passt sich Caspary dem Stammtischniveau an, ohne mit dem Redeschwall seiner Mitdiskutanten mithalten zu können – insbesondere nicht mit dem Landrat des Kreises Heinsberg, Stephan Pusch. Der CDU-Kommunalpolitiker war vor einem Jahr ein gefragter Mann, weil die dortigen Karnevalisten zu den Corona-Pionieren in Deutschland gehörten und die Pandemie von dort aus ihren Verlauf nahm. Die zwölf Monate in bundesweiter Aufmerksamkeit haben Pusch offenbar geprägt.

Nun hat er zu allem eine gesicherte Meinung. So habe die EU-Kommission die Impfstoffverträge „naiv und blauäugig“ verhandelt, moniert er. Und die Suche nach den Verantwortlichen sei ihm vorgekommen wie ein Hütchenspiel: „Wo ist der Schuldige?“ Ein erfahrener Kommunalpolitiker erkennt da rasch: Jetzt sei „echte Krisenkommunikation“ angebracht – nach dem Motto: Das war gut gemeint, ist aber schief gelaufen. „Da muss man sich ehrlich machen.“

Die konfuse Debatte wabert noch zu den unterschiedlichen Lockerungen in Italien, Tschechien und – ganz aktuell – Österreich. Caspary findet das alle „unverantwortlich“, weil es zu Grenztourismus führen werde und dann „die Zahlen bei uns wieder hoch gehen“ – weshalb er ein „abgestimmtes Gesundheitsmanagement“ mit den Nachbarländern verlangt.

Alte Klamotte aus der Kiste geholt

Zur Abrundung des populistischen Scheibenschießens holt Plasberg die Europawahlen von 2019 aus der Kiste. Damals trat Ursula von der Leyen zwar nicht als Spitzenkandidatin an, wurde aber trotzdem später an die Spitze der Kommission gewählt. Krause beurteilt dies heute als „tollen Schachzug von Macron“, weil der französische Präsident auf diese Weise keinen Deutschen an der Spitze der Europäischen Zentralbank akzeptieren musste. Und der Moderator fragt: „Kann sich Europa noch mal einen solchen Sündenfall leisten?“ Die Antwort ist ihm nicht wirklich wichtig. Hauptsache, es wurde mal wieder – ohne Erkenntnisgewinn freilich – kräftig über die EU hergezogen.




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