ARD-Themenabend zum Münchner Oktoberfest-Attentat Verdrängt, vertuscht, verschleiert

Hartnäckiger Journalist:  Benno Fürmann als Ulrich Chaussy  in  dem Spielfilm  „Der blinde Fleck“ Foto: WDR 8 Bilder
Hartnäckiger Journalist: Benno Fürmann als Ulrich Chaussy in dem Spielfilm „Der blinde Fleck“ Foto: WDR

Es war der schwerste Anschlag der Nachkriegsgeschichte: An diesem Mittwoch zeigt die ARD einen Themenabend zum Oktoberfest-Attentat von 1980. Mit dabei: der Spielfilm „Der blinde Fleck“, basierend auf den Recherchen von Ulrich Chaussy.

Kultur und Gesellschaft: Ulrike Frenkel
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Stuttgart - Dieser Spielfilm hat eine lange Vorgeschichte. Über einen Zeitraum von dreißig Jahren recherchierte der Hörfunkjournalist und Autor Ulrich Chaussy für den Bayerischen Rundfunk zu den Hintergründen des Münchner Oktoberfestattentats. Bei dem bisher schwersten Terroranschlag der bundesrepublikanischen Geschichte waren 1980 dreizehn Menschen ums Leben gekommen und mehr als zweihundert teils sehr schwer verletzt worden, die Schuld hatte man schnell dem Studenten Gundolf Köhler als Alleintäter angelastet.

Der so ruhig wie entschieden auftretende Chaussy aber brachte, gemeinsam mit dem Opferanwalt Werner Dietrich, in „oft wirklich anödender“ Kleinarbeit zahlreiche Widersprüche zu dem offiziellen Ermittlungsergebnis ans Licht. Er wurde für seine Hartnäckigkeit bewundert, gelegentlich aber auch als Verschwörungstheoretiker gescholten, warf er den Behörden doch Manipulation der Erkenntnisse aus politischem Kalkül vor. Er fand heraus, dass die damalige Regierung von Franz Josef Strauß und der damalige Staatsschutzchef Hans Langemann im bayerischen Innenministerium kurz vor der Bundestagswahl am 5. Oktober 1980 den rechtsradikalen Hintergrund, also Zusammenhänge mit der in Bayern aktiven Wehrsportgruppe Hoffmann, vertuscht hatten, um Versäumnisse bei der Bekämpfung der neofaschistischen Szene zu decken – und den angestrebten Sieg der CDU/CSU gegen Kanzler Schmidt nicht zu gefährden.

Die Macht der Kunst

Bewegung kam in die Frage, wer denn am 26. September auf der Münchner Theresienwiese außer Köhler noch aktiv gewesen war, erst 2013, als der Münchner Filmemacher Daniel Harrich auf der Grundlage von Chaussys Recherchen den Politthriller „Der blinde Fleck“ in die Kinos brachte. Mit Benno Fürmann in der Hauptrolle erzählt er, leicht dramatisiert, aber authentisch, die Geschichte des BR-Reporters nach, der bis heute der Überzeugung ist, dass eine rechtsextreme Gruppierung bei der Tat die Fäden gezogen hat – und dass man bei den Ermittlungen die Zeugen nicht angehört, sondern eingeschüchtert und mundtot gemacht hat. Als Reaktion auf den „Blinden Fleck“ kündigte unlängst die Generalbundesanwaltschaft die Wiederaufnahme der Ermittlungen an. Und die ARD zeigt den erschütternden und spannenden Spielfilm nun am heutigen Mittwoch bei einem Themenabend, zu dem auch die Dokumentation „Attentäter – Einzeltäter“ gehört.

Kommt das überraschend für Ulrich Chaussy? „Ein Spielfilm bewirkt offenbar mehr als dokumentarische Formate, die ich in den drei Jahrzehnten meines Berufslebens gemacht habe“, sagt er beim Gespräch im Münchner Literaturhaus: „Die Wiederaufnahme der Ermittlungen ist auch der Versuch der Behörden, Vertrauen zurückzugewinnen, das finde ich gut.“ Das neue Interesse am Oktoberfest-Attentat, das nicht zuletzt auch durch die NSU-Prozesse geweckt worden sei, führe dazu, dass die Behörden sich stark unter Beobachtung fühlten. Und aufzuarbeiten gebe es in der Wiesn-Sache genug: „Dieser Angriff auf das Hochamt des Eskapismus ist in der Stadt München lange Zeit einer außergewöhnlich starken Verdrängung unterlegen“, sagt der 1952 in Karlsruhe geborene Chaussy. Neben den Ungereimtheiten und dem Gedanken, dass der Rechtsfrieden nicht hergestellt sei, solange die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen würden, habe ihn bei seiner Wühlarbeit immer „der vollständige Mangel an Empathie für die Opfer“ seitens der Ermittler angetrieben.

Chaussy und Schorlau: eine Win-win-Situation

Und was hält Chaussy davon, dass der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau seine Rechercheergebnisse in dem Dengler-Krimi „Das München-Komplott“ verarbeitet hat? „Es ist völlig in Ordnung, dass Schorlau da was Literarisches draus gemacht hat, ich habe das Buch ja in München gemeinsam mit ihm vorgestellt. Mir gefällt, dass ein Krimi nicht genuin an Politik interessierte Menschen in so ein Thema reinziehen kann. Nachdem Schorlaus Roman 2009 erschienen ist, waren die antiquarischen Exemplare meines Sachbuchs ,Oktoberfest. Das Attentat’ jedenfalls sofort ausverkauft“, sagt Chaussy. Im vergangenen Jahr konnte er es im Windschatten des Spielfilms mit dem Untertitel „Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“ in einer erweiterten Fassung herausbringen. Die Möglichkeit, die Ermittlungen zum Attentat weiterzuführen, gebe es jetzt allerdings vor allem deswegen, „weil wir im Film etwas anderes gemacht haben als Schorlau im Roman. Er löst den Fall am Ende aus einer bestimmten Perspektive, wir tun das nicht, eben weil der Anschlag bis heute nicht geklärt ist. Gerade deshalb, glaube ich, haben wir viele neue Zeugenmeldungen bekommen. Die Zuschauer haben gemerkt: Da gibt es noch viele offene Enden.“




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