Arezoo Shoaleh und die Iran-Proteste Damit der Aufschrei nicht verhallt

„Ich würde mich schämen, wenn ich nichts tun würde“, sagt Arezoo Shoaleh. Foto: Simon Granville

Arezoo Shoaleh ist Sozialpädagogin, Dolmetscherin, Grünen-Stadträtin in Ludwigsburg – und Iranerin. Warum es ihr derzeit fast das Herz zerreißt und wie sie helfen will, die Aufmerksamkeit für ihre mutigen Landsleute hoch zu halten.

Wenn sie durch Ludwigsburg geht und junge Leute sieht – auf den Plätzen, in den Straßen, lachend, unbeschwert – , dann hat Arezoo Shoaleh jetzt immer die jungen Leute im Iran vor Augen. Leute wie ihren Neffen, die jetzt auf den Straßen ihr Leben riskieren – sein Freund hat es bei den Protesten bereits verloren. „Es geht nicht mehr ums Kopftuch. Es geht um ein freies, selbstbestimmtes Leben.“

 

Auf ihre Familie angesprochen, sagt sie: „Natürlich mache ich mir Sorgen. Aber nicht nur wegen meiner Verwandten dort. Für mich fühlt es sich gerade so an, als ob das ganze Land meine Familie wäre.“ Viele Emotionen branden in ihr derzeit auf angesichts des mutigen Aufstands der Iranerinnen und Iraner, aber auch angesichts der grenzenlosen Gewalt des Regimes gegen seine eigene Bevölkerung: „Wut, Ohnmacht, Verzweiflung, Hoffnung, Stolz. Es ist ein Wechselbad.“

Was im Iran gerade passiert, hat die Ludwigsburgerin, die seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt, ins Mark getroffen und sie dazu veranlasst, selbst aktiv zu werden: Auf der Zugfahrt zu der rund 80 000 Teilnehmer zählenden Groß-Demo in Berlin gegen das iranische Regime am 22. Oktober lernte sie andere Iranerinnen und Iraner kennen, vernetzte sich und initiierte selbst eine Kundgebung, die nun nächsten Samstag stattfindet.

„Todesurteile? Es gibt ja nicht einmal Gerichtsverhandlungen“

„In einer Stadt wie Ludwigsburg muss es auch ein öffentliches Signal der Unterstützung geben“, sagt Shoaleh. „Dieses Regime im Iran muss fallen, aber die Menschen dort alleine schaffen das aus eigener Kraft nicht. Das Ausland muss sich solidarisieren, vor allem müssen wir sofort aufhören, mit dem Iran Geschäfte zu machen“, fordert sie. Während das iranische Regime sogar Jugendliche und Kinder niederknüppele und Protestierende hinrichte – „Todesurteile? Es gibt ja nicht einmal Verhandlungen, es wird willkürlich entschieden, wer sterben muss“ –, vergnügten sich Sprösslinge iranischer Mullahs in Europa in aller Freizügigkeit. Über ein paar halbherzige Sanktiönchen, sagt Shoaleh, „lachen die Mullahs sich schlapp“.

Arezoo Shoaleh selbst ist ein Beispiel dafür, wie die repressive islamische Republik nach dem Sturz des Schahs im Jahr 1979 systematisch hoffnungsvolle und erfolgreiche junge Menschen aus dem Land trieb: Nach ihrem Studium der Soziologie und Sozialwissenschaften in Teheran verließ sie das totalitäre Land, um in Deutschland weiterzustudieren – was mit großen Schwierigkeiten verbunden war. „Wären nicht schon Verwandte in Deutschland gewesen, hätte ich die Möglichkeit nicht gehabt“, sagt sie. Mit keinem Wort Deutsch kam sie an einem Mittwoch in Saarbrücken an – und am Donnerstag begann sie bereits einen Job im Saarbrücker Philosophencafé, um sich das Studentenwohnheim und das Lernen zu finanzieren. Sie sog das freiheitliche Leben, die Ungezwungenheit zwischen den Geschlechtern auf – für sie eine neue Welt. In ihrem Land waren Mädchen und Jungen streng getrennt unterrichtet worden. Zwanglose Freundschaften waren schon gleich gar nicht möglich. Das Saarbrücker Studentenleben elektrisierte sie: „Ich wollte unbedingt mit diesen jungen Leuten eins sein, mit ihnen sprechen, lernen und feiern.“

Ihrer jetzigen Heimat gibt Arezoo Shoaleh viel zurück

Weil ihre iranischen Abschlüsse nicht anerkannt wurden, paukte sie wie besessen Deutsch, holte das deutsche Abitur nach, besuchte das Studienkolleg, fand Freunde und fühlte sich willkommen. Ihren Erfolg verdankt sie nicht zuletzt ihrem Deutschlehrer, der ihr Potenzial sah, sie förderte und mit dem sie immer noch in Kontakt ist. Dann bekam sie einen Studienplatz für Soziale Arbeit in Esslingen, machte ihr Diplom und ist heute Pädagogische Leiterin beim Ludwigsburger Verein Frauen für Frauen, den sie während eines Praktikums kennengelernt hatte. Ihrer neuen Heimat, die sie so schätzt, gibt Arezoo Shoaleh viel zurück: In Ludwigsburg gestaltet die 51-Jährige als Grünen-Stadträtin das Kommunalgeschehen mit, auch engagiert sie sich zum Beispiel im Integrationsbeirat und übersetzt als staatlich geprüfte, beeidigte Persisch-Dolmetscherin.

„Von meinen Freundinnen von früher“, sagt Shoaleh, „ist keine mehr im Iran. Alle wollten raus aus der brutalen Unterdrückung.“ Die Frauen leben mittlerweile in den USA, in Kanada, in England oder Schweden – symptomatische Wege für eine ganze Generation, die es im eigenen Land nicht mehr aushielt. Im Iran leben hingegen noch enge Familienangehörige von Arezoo Shoaleh. Derzeit ist fast kein Kontakt möglich. Dass sie nun in Deutschland für die iranische Protestbewegung an die Öffentlichkeit geht, ist für Arezoo Shoaleh keine Frage. „Ich war nie eine große Aktivistin, aber ich würde mich schämen, wenn ich nichts tun würde“, sagt sie. „Im Iran riskieren die Menschen ihr Leben, hier genießen wir die Freiheit. Für mich ist jetzt nicht die Zeit, Angst zu haben.“

Öffentlichkeit für die Menschen im Iran

Gehör schenken
Die Kundgebung für die protestierenden Menschen im Iran findet am Samstag, 12. November, auf dem Marktplatz in Ludwigsburg statt. Von 15 Uhr an gibt es einige Reden: Neben Arezoo Shoaleh spricht der Ludwigsburger Oberbürgermeister Matthias Knecht, auch Ludwigsburger Bundestagsabgeordnete wie Sandra Detzer (Grüne) und Steffen Bilger (CDU) haben zugesagt. Es wird eine künstlerische Performance zu dem Lied „Baraye“ von Shervin Hajipour geben, das zur Hymne der Protestierenden im Iran geworden ist. Die Kundgebung unterstützen Exiliranerinnen, Exiliranern und der Verein Frauen für Frauen.

Blicke fangen
Auch im Straßenverkehr wird die Solidarität mit den Frauen im Iran in den nächsten Wochen zu sehen sein: Zwei Busse der Ludwigsburger Verkehrslinien zeigen das Konferfei von Mahsa Amini, der jungen Kurdin, die Mitte September in einem Teheraner Gefängnis unter ungeklärten Umständen starb. Mahsa Amini war von der iranischen Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch, das für Frauen dort in der Öffentlichkeit Pflicht ist, angeblich nicht korrekt getragen hatte. Die LVL-Jäger-Busse tragen unter anderem die Aufschrift „Frauenrechte sind Menschenrechte“.

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