Die 30. Stuttgarter Vesperkirche ist am Samstag zu Ende gegangen. Sie hat Armut gelindert, doch verschwunden ist diese damit nicht. Die Organisatoren wollen die Aufmerksamkeit für das Thema hochhalten. Gerade jetzt vor der Kommunalwahl.
Alles hat seine Zeit, auch die Vesperkirche. Die Zeit der 30. Vesperkirche in der Leonhardskirche ist am Samstag nach sieben Wochen zu Ende gegangen. Die Vesperkirchenkerze mit dem diesjährigen Motto „Alles was ihr tut, geschehe in Liebe“ war schon einen Tag zuvor erloschen. Der „Kerzendoktor“ aus dem benachbarten Kerzenfachgeschäft musste ran. Beim Abschlussgottesdienst am Samstagnachmittag brannte sie dann heller als in den Wochen davor.
„Die Zeit verging wie im Flug“, sagt Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann. Wie viele andere Aktive auch war sie in den vergangenen sieben Wochen im Dauereinsatz für Menschen, die in ganz unterschiedlicher Weise bedürftig sind. Anders als die Vesperkirchenkerze ist ihr Elan nicht erloschen. Ehrmann wirkt auch nicht ausgebrannt, obwohl die Aufgabe ihr erneut vieles abverlangt hat. „Wir haben es zusammen hingebracht. Ein riesiges Dankeschön an alle Helferinnen und Helfer und auch an alle Gäste, die gekommen sind“, sagt sie zum Abschluss in der voll besetzten Leonhardskirche. Ein Dankeschön richtet sie auch nach oben dafür, „dass wir bewahrt geblieben sind“.
In 49 Tagen 10 000 Ehrenamtsstunden geleistet
Der Abschluss der diesjährigen Vesperkirchensaison fällt fröhlich-feierlich aus – mit Tanzeinlagen der Salamaleque Dance Company von Heidi Rehse und dem Vesperkirchenchor rahmenlos & frei von Patrick Bopp, der frei nach Udo Jürgens immer wieder die Sonne aufgehen lässt. Anschließend verteilt Gabriele Ehrmann rote Herzen aus dem BHZ-Kreativatelier in Feuerbach an die vielen Menschen, die die Vesperkirche auch in diesem Jahr zu einem einladenden Ort gemacht haben: „Liebe hat uns verbunden sieben Wochen lang“, sagt die Pfarrerin – erschöpft, aber zufrieden.
Die Bilanz der 30. Vesperkirchensaison liest sich in Stichworten so: 36 000 im Rudolph-Sophien-Stift zubereitete und in der Leonhardskirche sowie bei der Evangelischen Gesellschaft, der Caritas, bei St. Maria und der Arbeiterwohlfahrt ausgegebene Essen. Dazu kommen 15 000 Vespertüten. Mitgeholfen habe insgesamt 800 Ehrenamtliche, die seit dem 14. Januar 10 000 Arbeitsstunden geleistet haben. Ungezählt sind die lauten und die leisen „Dankes“, die ihnen dafür entgegengebracht wurden.
Grußwort der Schirmherrin: G Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Addiert man das zu den Zahlen aus den vorausgegangenen 29 Vesperkirchensaisons, ergibt das nach der Berechnung von Gabriele Ehrmann die eindrucksvolle Bilanz von 800 000 Essen, 400 000 Vespertüten, 25 000 Kilo Käse, 25 000 Terminen bei Ärzten, die in der Vesperkirche mithelfen, 4000 Haarschnitten von ehrenamtlichen Friseuren sowie 2000 Tierimpfungen. Nicht zu vergessen 33 000 Klopapierrollen und Hunderte Brillen von edlen Spendern. Die Summe der Ehrenamtsstunden summiert sich auf bisher 400 000.
„Wir könnten nach diesen Erfahrungen zusammen ein Hotel betreiben“, sagt Ehrmann: „In Wahrheit ist Vesperkirche jedoch so viel mehr.“ Es geht auch um seelische Verpflegung. Zusammenkommen, sich austauschen, einander zuhören, versuchen zu verstehen. Das und vieles mehr macht ihrer Ansicht nach die Vesperkirche aus. Es wird auch gestritten. „Manchmal liegen die Nerven blank“, sagt Ehrmann: „Man muss hier nichts schönreden.“ Doch am Ende siegt der Respekt. Die Diakoniepfarrerin nennt die Vesperkirche „eine Gemeinschaft der Würde“. Dazu passt, dass sie ein Kulturprogramm und eine Straßen-Universität anbietet und sich in diesem Jahr dem Bündnis „Gemeinsam gegen Armut in Stuttgart“ angeschlossen hat, dem auch die Ambulante Hilfe, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Katholische Betriebsseelsorge, die Schwäbische Tafel und das Sozialunternehmen Neue Arbeit angehören. Gemeinsam wollen sie das Thema Armut vor der Kommunalwahl am 9. Juni stärker in die Öffentlichkeit tragen.
„Das gesellschaftliche Klima ändert sich zum Positiven, wenn Menschen für andere Verantwortung übernehmen“, erklärt die Diakoniepfarrerin und findet: „Die 30. Vesperkirchensaison ist ein großartiges Beispiel dafür.“ Dazu haben wiederum auch etliche Prominente beigetragen: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir, Wissenschafts- und Kunstministerin Petra Olschowski, Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Oberbürgermeister Frank Nopper und Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann waren stundenweise dabei. Außerdem mehrere Stadträte und ein 35 Mann starkes Team des VfB Stuttgart, angeführt von Präsident Claus Vogt und den Spielern Waldemar Anton, Pascal Stenzel und Fabian Bredlow. Am letzten Tag kam auch Gerlinde Kretschmann, die Frau des Ministerpräsidenten und Vesperkirchen-Schirmherrin. In ihrem Grußwort stellte sie den „Wert von Gemeinschaft“ heraus und verriet, dass sie persönlich es „furchtbar“ findet, alleine zu essen, weil der Terminkalender ihres Mannes gemeinsame Mahlzeiten oft nicht zulässt.