Armut in Stuttgart Mehr Alleinerziehende leben im Sozialhotel

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Alleinstehende mit Kindern sind die am stärksten von Armut betroffene Gruppe in Stuttgart. Das geht aus dem Sozialdatenatlas hervor. Auch die Wohnungsnot zeigt sich: Die Zahl der Frauen mit Kind, die in Sozialhotels leben, steigt.

Besonders alleinerziehende Mütter sind häufig von Armut betroffen. Foto: dpa
Besonders alleinerziehende Mütter sind häufig von Armut betroffen. Foto: dpa

Stuttgart - Wenn Anna H. (Name geändert) frühmorgens die Wohnung verlässt, ist der Frühstückstisch für ihren elfjährigen Sohn gedeckt. Sie ruft ihn von ihrem Putzjob aus an, wenn es Zeit ist, aufzustehen. Dann macht sich der Junge alleine fertig und ist bis zum Nachmittag in der Schule. Die 28-Jährige hat inzwischen einen zweiten Job im Verkauf angenommen, ist aber immer noch auf aufstockende Hilfen angewiesen. Weil sie zwischenzeitlich wohnungslos geworden war, lebt sie seit einem Jahr mit ihrem Sohn in einer betreuten Wohnanlage der Evangelischen Gesellschaft (eva) im Stuttgarter Osten.

Frau H. sei sehr bemüht, sie versuche, ihr Leben in die Hand zu nehmen, sagt Christa Musch, die Bereichsleiterin für die Anlage. Doch als Alleinerziehende hat man es nicht nur in Stuttgart besonders schwer, der Armut zu entkommen. Laut dem jüngst erschienenen Sozialdatenatlas ist keine andere Gruppe in Stuttgart so stark von Armut betroffen wie die der Alleinerziehenden: 35,7 Prozent beziehen Transferleistungen wie Arbeitslosengeld II – bei allen Einwohnern liegt de Wert bei 12 Prozent.

Fast 70 Prozent haben keine Ausbildung

„Es ist langsam ein chronisches Problem, aber wir haben die Alleinerziehenden besonders im Fokus“, versichert Sozialamtsleiter Stefan Spatz. Das gelte sowohl für sein Amt als auch für das Jobcenter. Die Teilhabe am Arbeitsleben sei essenziell, so Spatz. Denn fast 70 Prozent der Alleinerziehenden seien ohne Berufsausbildung. Auch Anna H. hat keinen Beruf erlernt, sie war bereits schwanger, als sie ihren Hauptschulabschluss machte.

Das Jobcenter setzt deshalb vor allem auf die Teilzeitausbildung, die seit 2005 möglich ist, um Frauen wie Anna H. zu qualifizieren (siehe „Träger übernehmen Qualifizierung“). „Das wird genutzt, aber wir würden es begrüßen, wenn sich noch mehr Arbeitgeber beteiligten“, sagt Christopher Haag, der Sprecher des Jobcenters. Christa Musch von der eva kennt mehrere Frauen, die eine Teilzeitausbildung ergriffen haben, es habe sich aber durchweg um unter 25-Jährige gehandelt, die Anspruch auf Ausbildungsförderung haben. Für die Älteren sei es schwer, diese Zeit zu finanzieren – und sehr kompliziert, es müssten viele Anträge gestellt werden.

Situation soll angespannt sein

Die Wohnanlage, in der Anna H. lebt, ist eine von zwei Unterkünften mit insgesamt 19 Wohnungen in Stuttgart für Alleinerziehende aus der Wohnungsnotfallhilfe. Zunehmend muss die Stadt aber auch auf Sozialhotels zurückgreifen, um Alleinerziehende vor Wohnungslosigkeit zu bewahren. Wenn es schnell gehen muss und kein Anspruch auf eine Fürsorgeunterkunft besteht, bleibt nur das Sozialhotel. In den 23 Sozialpensionen lebten laut dem Sozialamt 2014 insgesamt 101 Alleinerziehende – eine Steigerung von 27 Prozent. „Wir hören, dass die Sozialhotels überbelegt sind, Plätze sind kaum noch zu bekommen, das ist eine sehr angespannte Situation“, sagt Christa Musch. Es fehle einfach an Sozialwohnungen in Stuttgart.

55 Alleinerziehende sind aktuell im Sozialhotel untergebracht, außerdem 44 Familien und 13 Schwangere. Das hat schon die Politik auf den Plan gerufen. In einem gemeinsamen Antrag sorgen sich Vertreter der Fraktionen CDU, SPD, Grüne, Freie Wähler und SÖS-Linke-Plus um die Einhaltung des Kinderschutzes in den Sozialhotels – und insgesamt um die Situation.

262 Tage leben die Menschen im Schnitt im Sozialhotel

„Unter diesen Bedingungen hätte man Frauen vor zehn Jahren noch nicht untergebracht“, sagt Christa Reuschle-Grundmann vom Sozialdienst Katholischer Frauen. Es handele sich um einfachste Unterkünfte mit Gemeinschaftssanitäranlagen auf den Fluren und teils ohne Kochmöglichkeit. „Das hat sich extrem zugespitzt, es gibt keinen bezahlbaren Wohnraum mehr“, mein Christa Reuschle-Grundmann.

„Wir verlegen niemanden in unzumutbare Räumlichkeiten“, versichert hingegen Stefan Spatz. Kochmöglichkeiten seien vorhanden, nur nicht in den Zimmern, sie würden gemeinsam genutzt. Durchschnittlich 262 Tage seien die Menschen im Sozialhotel untergebracht, das sei eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, als es noch 385 Tage gewesen seien..

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