Art Karlsruhe Der Mensch geht, steht und telefoniert

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Die Stimmung auf der am Mittwoch eröffneten Art Karlsruhe ist gut, die Kunst präsentiert sich freundlich – sie muss ja nicht immer wehtun. Sie kann den Betrachter zwar rütteln und schütteln, ihn fordern oder foppen, doch auch gefallen darf sie allemal.

Ein käufliches Exponat in Karlsruhe. Foto: Veranstalter
Ein käufliches Exponat in Karlsruhe. Foto: Veranstalter

Karlsruhe - Kunst muss nicht wehtun. Sie kann den Betrachter rütteln und schütteln, ihn fordern oder foppen. Manchmal aber kommt sie auch ganz bescheiden daher und will nicht mehr, als das Vertraute möglichst ansehnlich zu spiegeln. Bei der diesjährigen Kunstmesse Art Karlsruhe muss man keine Furcht haben vor radikalen Positionen, vor experimentellen, schroffen Werken, an denen man sich die Zähne ausbeißen könnte. So viel eingängige und liebliche Malerei wie in diesen Tagen in den Karlsruher Messehallen hat man selten auf einmal gesehen.

Am Mittwoch ist die inzwischen elfte Art Karlsruhe eröffnet worden. Menschenmassen schoben sich durch die vier Ausstellungshallen. 220 Aussteller aus 13 Ländern präsentieren sich bis Sonntag. Es werden Preise verliehen und dringliche Themen zum Marktgeschehen diskutiert, es gibt Sonderausstellungen wie zur russischen Kunstsammlung von Henri Nannen. Es gibt VIP-Shuttles und Meetings, es werden 50 000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Keine Frage: die Art Karlsruhe ist ein Erfolgsmodell.

Entsprechend sieht man schon bei der Eröffnung einige Käufer, die sich ihre in Folie gewickelten Errungenschaften direkt unter den Arm geklemmt haben. Die   baden-württembergischen Sammler kommen selbstverständlich, aber man hört viele Sprachen, ob Koreanisch oder Spanisch, Französisch oder Pfälzisch.

Mit Steinen gefüllte Stahlkästen

Dabei findet man in den lichten und liebevoll mit Tulpen geschmückten Hallen keineswegs das, was das aktuelle und internationale Kunstgeschehen ausmacht: Die Mainzer Galeristin Dorothea van der Koelen hat sich immerhin die Mühe gemacht, die „Videoskulptur“ (1989) von Fabrizio Plessi mitzubringen, vier mit Steinen gefüllte Stahlkästen mit Monitoren, auf denen Wasser zu sehen ist, in das Steine geworfen werden. 36 000 Euro soll das Werk kosten.

Ansonsten aber sucht man Videokunst und -installationen vergeblich. Computerkunst findet so wenig statt wie Konzeptkunst oder Arbeiten, die sozial intervenieren. Michael Schultz aus Berlin hat zumindest einen alten Buick aus Fiberglas anliefern lassen, den der chinesische Künstler Ma Jun im Stil alten Porzellans bemalt hat – und den er vermutlich nach Messeschluss am Sonntag doch wieder mit nach Berlin nehmen wird, weil sich so etwas in Karlsruhe kaum verkaufen lässt.

Deshalb wird vor allem das angeboten, was eine Chance hat, beim breiteren Publikum anzukommen – und was sich an die Wand hängen lässt. Die aktuelle Malergeneration findet ihre Themen häufig vor der eigenen Haustür: auf der Straße und in Cafés, auf Plätzen und am Strand. Es ist auffällig, wie die Figur derzeit dominiert. Allüberall trifft man Menschen wie du und ich. Kirsten van den Bogaards zeigt bei der Kölner Art Galerie 7 Rückenansichten. Sie malt Passanten auf der Straße, die telefonieren, fotografieren, filmen. Alltägliche Gestalten finden sich auch bei Sabine Liebchen, aus dem Kontext herausgeschälte Figuren auf grauem Nichts. Alireza Varzandeh skizziert menschliche Rückseiten dagegen mit grobem Strich. Überall trifft man diese Nullachtfünfzehn-Figuren, als habe die Demokratie jetzt endgültig auch in der Kunst Einzug gehalten. Alles und jedes ist bildwürdig.

Kunst darf auch gefallen

Kunst muss nicht wehtun, sondern darf auch gefallen – wie die Arbeiten von Andreas Lutherer, der Glasscheiben mit Wiesenblumen und Tieren, Hahn oder Kuh zeichnet und effektvoll schichtet. Ramon Surinyac malt in fotografischer Schärfe Seestücke, auf denen die Gischt frisch schäumt. 3200 Euro kostet das klassische Motiv. Auch Natur und Landschaft sind hoch im Kurs, selbst wenn man die Blumen bei Konrad Winter kaum mehr erkennen kann. Er malt mit Autolack und erzeugt interessante Oberflächen mit scharf konturierten Flächen. Die Bilder gibt es zum Messe-Schnäppchenpreis – 1980 statt 2200 Euro.

Viele Galeristen haben sich entschieden, nur einen Künstler zu präsentieren. Das habe sich bewährt, erzählt die Stuttgarter Galeristin Anja Rumig, die diesmal die abstrakten Kompositionen der Berliner Künstlerin Jessica Buhlmann dabeihat. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass solche Einzelpräsentationen helfen, einen Künstler durchzusetzen. „Man kann mit einer One-Artist-Show eben doch etwas ausrichten“, sagt sie.

Der Messe bekommt es in jedem Fall gut, dass es nur wenige Gemischtwarenläden gibt. Gelungen ist auch wieder das Wechselspiel zwischen Kojen und Skulpturenplätzen, Zeitgenossen und Klassischer Moderne, Kunst und Cafés. Ob die diesjährige Art Karlsruhe aber auch für die Händler eine gute Messe wird? Michael Schultz hat noch vor der Eröffnung drei Arbeiten verkaufen können, darunter ein Bild von Norbert Bisky für 55 000 Euro. Er ist von Anfang an mit dabei – und kam auch diesmal, obwohl er in den vergangenen drei Jahren überhaupt keinen Umsatz gemacht hatte. Aber die Art Karlsruhe hat inzwischen eben doch einen guten Namen und weckt Hoffnung auf solide Gewinne bei moderaten Standmieten.

Werke im sechsstelligen Bereich

Die Klassische Moderne ist gut vertreten mit Galerien wie Schlichtenmaier oder Henze & Ketterer. Es gibt Kirchners Holzschnitt „Kopf Ludwig Schames“ (1918) zu 150 000 Euro oder eine Aktzeichnung von Georg Grosz zu 29 000 Euro und vereinzelt Werke im sechsstelligen Bereich. Aber die Art Karlsruhe bleibt eine Messe mit Kunst für den Hausgebrauch und für junge Sammler. Das Gros kostet zwischen 2000 und 10 000 Euro.

Und wem das Angebot dann doch etwas zu traditionell und artig ist, der kann beim Stand des ZKM vorbeischauen und über Hightech staunen. Hier können Besucher nicht nur ihren Körper einscannen und von einem 3-D-Drucker als Figur ausdrucken lassen, sondern es wachsen auch Zimmerpflanzen von der Decke. Berührt man die Blätter, werden Geräusche erzeugt – allein durch elektrische Impulse, die der Mensch auf die Pflanze überträgt und die der Computer übersetzt.




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