Artemis-Quartett in Stuttgart Neustart, Mahnung, Kunst und Gebet
Mit einem nachgeholten Konzert des Artemis-Quartetts startet in der Stuttgarter Liederhalle die Klassik-Saison.
Mit einem nachgeholten Konzert des Artemis-Quartetts startet in der Stuttgarter Liederhalle die Klassik-Saison.
Stuttgart - Der Anfang ist hoch emotional, und das Ende ist es auch. Nachdem sich knapp 200 Besucher in weiten Abständen auf den 750 Sitzen des Mozartsaals verteilt haben, tritt zunächst der Konzertveranstalter Michael Russ auf die Bühne, dankt dem Publikum für Treue und Loyalität. „Wir wollen heute zeigen, dass es geht“, sagt der 75-Jährige, appelliert an die Politik, nicht nur in Fußballstadien, sondern auch in Konzertsälen künftig mehr Besucher zuzulassen, und seine Stimme bleibt dabei nicht ruhig. Danach betritt ein Ensemble die Bühne, das man für diesen Neustart nicht besser hätte aussuchen können: Zwar war dieser Auftritt, ein Nachholkonzert, schon lange geplant, aber nach etlichen Umbesetzungen präsentiert sich auch das Artemis-Quartett personell rundumerneuert.
Bleibt die DNA eines Streichquartetts erhalten, wenn kein Gründungsmitglied mehr dabei ist? Aber ja – das beweist zumindest das Artemis-Quartett am späten Sonntagnachmittag in Stuttgart. Dass die vier Streicher für das erste Stück ihres Programms, eine anonyme Quintett-Bearbeitung von Beethovens „Kreutzer-Sonate“, ausgerechnet den Gründungs-Cellisten Eckard Runge als Gast verpflichteten, steht für das Bewusstsein, in einer gut dreißigjährigen Tradition zu stehen. Entscheidender aber ist die Art, wie die Musiker miteinander kommunizieren. Das Filigrane, dabei ungemein Dringliche, die sehr dichte Kommunikation, die Balance zwischen Unmittelbarkeit und kunstvoll Erarbeitetem: Das ist alles immer noch da, und der Umbruch im Artemis-Quartetts ist ja auch nicht abrupt, sondern stufenweise erfolgt, es gab immer Lernende und Lehrende, Altes und Erneuerung. Am deutlichsten geändert haben sich der Grundton des Quartetts, der nach Gregor Sigls Wechsel von der zweiten Geige an die Bratsche 2016 eine Spur heller geworden ist, und die Grundhaltung der Offenheit und Wandelbarkeit, die der Wechsel der zwei Geigerinnen an der ersten Position jetzt zusätzlich verstärkt.
Runge als zweiter Cellist neben der lebendigen Harriet Krijgh färbt den Klang bei Beethoven nun wieder eine Spur dunkler, aber das ist gut so, denn zu hören ist eine Bearbeitung, bei der grundsätzlich die Primaria (hier: Suyoen Kim) den Violinpart der Sonate übernimmt, während alle anderen den Klavierpart unter sich aufteilen. Ein interessanter Perspektivwechsel. Das Beste indes kommt zum Schluss. Das junge, zurzeit (zurecht!) hochgelobte Vision String Quartet hat auf seiner Debüt-CD gerade mit Mendelssohns sechstem Quartett geglänzt – nun beweisen die Artemis-Musiker, bei denen die Nachwuchshoffnungen Unterricht nahmen, warum und wie ihr Spiel den Jüngeren Vorbild ist.
Hat man Mendelssohns zweites Quartett mit seinen zahlreichen Verneigungen vor Beethoven schon einmal so intensiv gehört? Den Schluss des langsamen Satzes so ätherisch? Den Streicherklang im Adagio so gebündelt, so konzentriert, als käme er aus einem einzigen, sonoren Instrument? Die erste Geige im Intermezzo so frei schwebend über dem Pizzikato-Teppich der anderen, den Ton im Trio-Teil so federleicht? Im Finale formuliert die Primaria Vineta Sareika ihre ungewöhnliche Solo-Kadenz wie ein Gebet, und das Publikum, verstreut, aber hingerissen, hält den Atem an. Berührender und zwingender als hier hätte man nicht beweisen können, was Live-Musik auslöst und bedeuten kann.