Artensterben Immer weniger heimische Fische im Neckar

Wildkarpfen werden ausgesetzt und sollen eingewanderte Arten fressen. Foto: J. Eberhardt

Die Bestände gehen seit Jahren zurück. Experten beklagen einen „desolaten Zustand“ des Flusses und suchen Wege zur Abhilfe.

Heidelberg - Betagte Angler erinnern sich mit Schaudern an Zeiten, in denen der Neckar regelmäßig mit Schaumkronen in allen Farben aufwartete. Industrieabwässer, Schadstoffe und Kühlwasser aus Kraftwerken erwärmten das Wasser und verursachten Sauerstoffnot. Dank Betriebsschließungen und dem Bau neuer Kläranlagen ist der Fluss seit den 1970er Jahren zwar sichtbar sauberer geworden. Trotzdem schwinden seit Jahren die Fischbestände. „Wo wir im Verein vor zehn Jahren in ein paar Stunden noch 70, 80 oder 90 Kilo herausgeholt haben, bekommen wir jetzt noch einen oder zwei Fische“, sagt Wolfgang Reuther, der Ex-Präsident des Landesfischereiverbands, der in Edingen (Rhein-Neckar-Kreis) zu Hause ist. „Es ist wirklich ganz schlimm“, sagt er.

 

Dies bestätigen die Behörden. Bis 2008 habe man Rotaugen, die klassischen kurpfälzischen Backfische, noch regelmäßig in den Fängen gehabt, die Population habe sich selbstständig erhalten. Seit drei, vier Jahren sei die Art so gut wie verschwunden„Der Neckar ist in einem desolaten Zustand, es ist ein Artensterben vor der eigenen Haustür“, erklärt Frank Hartmann, der beim Regierungspräsidium Karlsruhe für das Fischereiwesen am Unteren Neckar bis zur Mündung in den Rhein bei Mannheim zuständig ist. Angler sieht man dort immer seltener. Um fast 70 Prozent sind die Erträge auf der Strecke des 362 Kilometer langen Flusses nach Auskunft des Regierungspräsidiums Stuttgart in den vergangenen 20 Jahren zurückgegangen.

13 Arten im Neckar gelten als unmittelbar gefährdet

Im Neckar leide der Fischbestand „unter erheblichen Defiziten“, heißt es dort. In den meisten Bereichen gebe es nur noch „geringe Artenzahlen“ und „eine sehr geringe Individuendichte“. 13 der im Neckar natürlich beheimateten Arten – 34 Prozent des gesamten Artenspektrums – gelten als „unmittelbar gefährdet“, teilte die Behörde mit.

Hauptverantwortlich, da sind sich alle einig, ist der Ausbau des Neckars für die Schifffahrt, der vor hundert Jahren begonnen hat. Mit der Kanalisierung, dem Bau von Staustufen und der Stromgewinnung wurde der natürlich wilde Fluss in Korsett mit Spundwänden gezwängt, Lebensräume für Fische sind verschwunden, ihre Wandermöglichkeiten massiv eingeschränkt.

Die Wassertemperaturen steigen tendenziell an

Trotz entsprechenden Plänen fehlen Fischtreppen, dringend nötige Laichplätze, natürliche Ufer, ruhige Seitenarme und Flachwasserzonen für junge Fische. Dazu kommt eine nach wie vor hohe Nährstoffbelastung etwa durch Phosphor aus Kläranlagen und Landwirtschaft und tendenziell steigende Wassertemperaturen, sowie das massenhafte Auftreten invasiver Arten.

Neue Muschelarten etwa aus Asien und zugewanderte Welse haben die Bedingungen im Fluss stark verändert. Heimischen Fischen fehlt die Nahrung. Mit Untersuchungsprojekten, die die Karlsruher Fischereibehörde begonnen hat, wollen Biologen bis Ende 2023 auch prüfen, wie die zugewanderten Arten die Flussfauna verändern. Ende 2021 wurden bei Ladenburg 2000 Wildkarpfen ausgesetzt. Sie sollen mit ihren starken Schlundzähnen die Quagga- und Zebramuscheln auf dem Grund des Neckars dezimieren und so dafür sorgen, dass wieder mehr Futter für Fische übrig bleibt.

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