Asiatischer Laubholzbock Experten zweifeln am Sinn des Kahlschlags

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Neubiberg hat hinter sich, was Hildrizhausen derzeit erduldet: den Kahlschlag wegen des Asiatischen Laubholzbocks. An dessen Sinn hegen auch Experten Zweifel.

In Hildrizhausen setzen die Arbeiter derzeit die Motorsägen an. Selbst dürres Geäst fällt ihnen zum Opfer. Foto: factum/Bach 11 Bilder
In Hildrizhausen setzen die Arbeiter derzeit die Motorsägen an. Selbst dürres Geäst fällt ihnen zum Opfer. Foto: factum/Bach

Hildrizhausen - Mathematisches Denken schadet allenfalls im Ausnahmefall: Legt ein Käferweibchen in einem Baum 30 Eier ab, entschlüpfen nach zwei Jahren 30 neue Käfer. Sie zeugen wiederum je Paar 30 Nachkommen. Dann müssten nach vier Jahren 450 Käfer umherflattern. Weitere vier Jahre später würden sich 1,5 Millionen Larven durch Baumstämme fressen. Die Katastrophe wäre perfekt.

Wieland Keinert ist Mathematiker und Aktivist der „Bürgerinitiative gegen ALB-Traum Neubiberg“. ALB steht als Kürzel für den Asiatischen Laubholzbock. Keinert hat das Katastrophenszenario errechnet und den Tatsachen gegenübergestellt. Unter dem Strich steht zahlenfrei: „Das passt vorn und hinten nicht“, sagt er. In der Gemeinde Neubiberg, gelegen direkt bei München, müssten auf jeden der gut 14 000 Einwohner mehr als drei Käfer entfallen. Keinert gibt samt seiner Rechnung zu Protokoll, dass er noch keinen gesichtet hat. Aber Experten fanden Larven und andere Spuren eines Befalls. „Über 1400 Gehölze sind deshalb niedergemacht worden“, sagt Keinert. „Das ist total überzogen.“ Nur 27 waren befallen. Rechnerisch hätten es 3500 sein müssen, mindestens.

In Hildrizhausen roden derzeit Arbeiter 200 Grundstücke

In Hildrizhausen roden derzeit Arbeiter auf 200 Grundstücken mehr als 600 Gehölze. „Da wird sich mancher umgucken, wenn sein Garten kahl ist“, sagt Keinert. „Und der wird kahl sein.“ Aber im Umkreis von 100 Meter um jeden befallenen Baum muss so gut wie alles Laubholz gefällt werden. So gebietet es die EU. Widerspruch ist verboten, der Gang vor Gericht versperrt.

Leidvolle Erfahrungen mit dem Schädling haben nordamerikanische Städte wie Boston oder Chicago. Ein Drittel aller Laubbäume gilt als befallen. Weshalb die Amerikaner ohne Gnade den Exoten auszurotten versuchen. Statt im Umkreis von 100, wird im Umkreis von 800 Meter um einen Befall gerodet. Es geht aber auch anders. Weil die Schweizer sich um EU-Erlasse nicht scheren müssen, hat die Stadt Winterthur sich vergleichsweise geräuschlos des Problems entledigt. Motorsägen fraßen sich ausschließlich durch befallene Stämme. In 448 Bäumen bohrten sich Larven durchs Holz. 484 Käfer wurden gefunden. Zum Vergleich: In Hildrizhausen wurden 15 Käfer gefangen. 18 Bäume waren befallen. Die Schweizer Methode wirkte in Rekordzeit. Nach vier Jahren meldete Winterthur, der Exot sei ausgerottet. Der amerikanische Kahlschlag führte im Schnitt nach zehn Jahren zum gleichen Erfolg.

Allerdings kostete der sanfte Käferkampf umgerechet rund drei Millionen Euro, weil Experten regelmäßig alle Bäume auf Befall absuchten. „Das ist halt teurer“, sagt Keinert. Wie viel teurer ist unklar. Die bayerische Landesregierung ließ wissen, die Kosten für das Fällen in Neubiberg seien unbekannt. Für Hildrizhausen kennt das Böblinger Landratsamts keine Summe.

Ein Experte wertet die Fällungen als „blinden Aktionismus“

Die Neubiberger Initiative fordert, künftig dem Beispiel Winterthurs zu folgen. Anders als in Hildrizhausen, wenden sich auch Gemeinderäte und der Bürgermeister Günter Heyland gegen den Kahlschlag. Selbst Experten halten das Fällen gesunder Bäume „nicht für zielführend, sondern eher für einen verzweifeltenVersuch“. So steht es in einer Stellungnahme Ernst-Gerhard Burmeisters. Der Professor leitet die Zoologische Staatssammlung in München. „Von vorsorglichen Fällungen halte ich nichts“, schrieb Joachim Schliesske den Neubibergern, dies sei „blinder Aktionismus“. Schliesske hat als Professor für Botanik an der Uni Hamburg die Ausbreitung exotischer Schädlinge erforscht. Auch die Entomologische Gesellschaft in München fordert, auf das Fällen gesunder Bäume zu verzichten. Dies sei schlicht sinnlos. Entomologen sind Insektenforscher.

Die Expertenzweifel fußen ebenfalls auf mathematischen Annahmen. Die Wissenschaftler nehmen an, dass der Exot längst viel weiter verbreitet ist als vermutet und sich dennoch nicht explosionsartig vermehrt. Üblicherweise landet er mit Paletten- oder Verpackungsholz in Europa an. Die Kontrollen in den Herkunftsländern sind lax, bei der Ankunft lückenhaft. Selbst die Befürworter der 100-Meter-Zone glauben, dass der Kahlschlag die Ausrottung nur zu 80 Prozent garantiert. Aber Protesten steht eben der Erlass der EU gegenüber. Bis in deren Schaltzentralen ist der Weg weit, aber die Neubiberger haben immerhin erreicht, dass der bayerische Landtag sich des Themas annahm – kritisch. Eine Anfrage der Grünen beantwortete der Forstwirtschaftsminister Helmut Brunner auf 40 Seiten mit knappem Fazit: Ohne vorsorgliche Fällungen sei eine Ausrottung unmöglich. Zwar enthält sogar der EU-Erlass den Passus, dass Ausnahmen zulässig sind. Aber davon, ließ Brunner wissen, „wurde bisher kein Gebrauch gemacht“.