Es ist nicht das erste Mal, dass ein Schriftsteller attackiert wird, was an sich schon schlimm genug wäre. Aber das besonders Furchtbare an dem Mordanschlag auf Salman Rushdie ist, dass man glauben könnte, Taten wie diese lägen in der Luft einer Welt, die an so vielen Stellen dabei ist, in radikale, unversöhnliche Gegensätze auseinanderzubrechen. Niemand hat diesen Kampf so eindrücklich beschrieben wie der britische Schriftsteller mit indischen Wurzeln, der gehofft hat, im amerikanischen Exil vor den Dämonen sicher zu sein, die ihn nun, mehr als 30 Jahre nach der berüchtigten Todesfatwa Ajatollah Chomeinis, gefunden haben.
Vogelfreier Autor
Im Sterben liegend hatte der iranische Revolutionsführer „das stolze muslimischen Volk der Welt“ aufgerufen, den Autor der „Satanischen Verse“ nebst allen an der Verbreitung des Buchs Beteiligten hinzurichten, wo immer diese auch sein mögen. All das wegen eines Buchs, in dem es eigentlich um nichts gehen sollte als um die Frage, wie sich eine von Migration geprägte Welt zusammenfügt, in der alles auf dem Spiel steht: Identität, Persönlichkeit, Kultur und Glaube. Eines Buchs, das ausgerechnet die Realität vieler jener Menschen widerspiegelt, die dagegen protestierten.
Zunächst ist eine Fatwa nichts anderes als ein religiöses Gutachten, das zu allen möglichen Fragen eingeholt werden kann. Mehrere, sogar gegensätzliche Fatwas können nebeneinander bestehen. Was den Fall Rushdie so außerordentlich macht, ist der Umstand, dass er von einer exponierten Autorität gleichsam für vogelfrei erklärt wurde und dass Chomeinis Nachfolger Chamenei das Todesurteil erneuerte. Bis heute ist es in Kraft, auch wenn sich das Interesse gelegt zu haben schien, es wirklich zu vollstrecken. Noch 2015 genügte allerdings ein Auftritt Rushdies bei der Frankfurter Buchmesse, um den Iran seine Teilnahme brüsk absagen zu lassen. Und hoffte man nach dem Abschluss des Atomabkommens noch auf eine zaghafte Annäherung an den Westen, so brachten die Hardliner ihre Truppen sogleich wieder in Stellung, indem sie das Kopfgeld auf den Schriftsteller erhöhten.
Bändigung durch Geschichten
Noch ist unklar, welche Motive genau den mutmaßlichen Attentäter Hadi M. zu seiner Tat gebracht haben: Sein Pflichtverteidiger plädierte bei einem Gerichtstermin auf nicht schuldig. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes zweiten Grades, ein besonderer Tatbestand des US-Rechts, der im Bundesstaat New York mit jahrelangen Haftstrafen belegt werden kann. Wie der Sender NBC mitteilte, soll Hadi M. schiitischem Extremismus nahegestanden und mit den iranischen Revolutionsgarden sympathisiert haben, direkte Kontakte seien nicht festgestellt worden. Erst kürzlich sei er aus Kalifornien nach New Jersey umgezogen, seine Eltern stammen laut Behördenangaben aus dem Libanon. Augenzeugen schildern, der Täter habe wie rasend auf Rushdie eingestochen, nur durch das beherzte Eingreifen von Sicherheitsleuten und Zuschauern habe er überwältigt werden können.
Als Kind träumte Rushdie davon, mit Geschichten mörderische Tyrannen zivilisieren zu können wie in Tausendundeiner Nacht. Der Erwachsene musste das Gegenteil erfahren – dass Literatur Tyrannen erst so richtig aufpeitscht. Und doch hielt er daran fest, dass der Mensch, das Geschichten erzählende Wesen, die Freiheit haben muss, dies auch zu tun. Den japanischen Übersetzer hat der Bannspruch über die „Satanischen Verse“ bereits das Leben gekostet. Was für Rushdie selbst daraus folgte, hat er in seiner Romanautobiografie „Joseph Anton“ dargestellt: vier zerbrochene Ehen, dafür eine stabile Liaison mit einem Überwachungsteam der Polizei, ständig wechselnde Wohnsitze, Anfeindungen aller Art.
Seherische Gaben
Nun ist die traurige Geschichte seines Lebens um ein weiteres tragisches Kapitel erweitert worden, von dem es kurzzeitig so aussah, als könnte es das letzte gewesen sein. Wie es scheint, hat der 75-jährige Autor nach stundenlangen Operationen seine schweren Verletzungen überlebt, einen Durchstich der Leber, wohl den Verlust eines Auges.
Liest man unter dem Schock der Ereignisse noch einmal den schon vor einigen Jahren erschienenen Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“, ist man geradezu frappiert über die seherische Kraft, in der darin eine Realität antizipiert wird, die aufgehört hat, nach rationalen Gesetzen zu funktionieren. Das Klima spielt verrückt, das Finanzsystem kollabiert, durchgeknallte paramilitärische Dschinns fahren in Panzern durch Osteuropa. Die USA stehen vor einem Krieg gegen China und Russland.
Von Ibn Ruschd, wie der arabische Name des im Andalusien des 12. Jahrhunderts wirkenden Aristoteles-Übersetzers Averroes lautet, hat Rushdies Vater einst den Familiennamen übernommen. Er steht für Vernunft, Logik, Fortschritt, vor allem aber für die Befreiung der Philosophie aus den Fesseln der Religion. Man könnte das Ganze nun für die Erfüllung eines Fluchs halten, ausgestoßen von hasserfüllten schmallippigen Wesen gegen alles, was die Freiheit des Denkens und das Spiel der Ideen gegen Dogmen, Traditionen und Glaubenssätze in Anschlag bringt. Doch es bedarf keiner Anmutung numinoser dunkler Kräfte, nüchterne Sozialpsychologie führt vermutlich weiter: die Anmaßung namenloser Irrläufer, sich als Vollstrecker irgendeiner Idee oder Mission aufzuwerfen, wofür es nichts bedarf außer destruktiver Gewalt. Und das weist über den islamistischen Phänomenbereich hinaus.
Sosehr sich Rushdie zuletzt in den USA sicher gefühlt hat, so sehr beobachtete er die politische Entwicklung mit größter Sorge. In seinem Roman „Golden House“ haben sich die Feinde der Vernunft die Mittel der Fiktion angeeignet, nicht um hoffnungsvoll über das Bestehende hinaus zu denken, sondern um es zu zerstören. Er handelt von der anhebenden Präsidentschaft eines Politikers, der nach seiner Abwahl alles dafür getan hat und weiterhin tut, einen Mob aufzuwiegeln, mit Folgen, die sich so wenig kalkulieren lassen wie die einer Fatwa. Auch das gehört zum Entsetzlichen dieses Attentats.