Auch der Vorstand muss abtreten Trottwar-Chef Schmid freigestellt – Sebastian Huber übernimmt

Sebastian Huber will Trottwar wieder in ruhiges Fahrwasser bringen. Foto: Trottwar

Vergiftete Stimmung im Betrieb und skandalöse Kommentare: Helmut Schmid wurde als Geschäftsführer abgesetzt. Sein Nachfolger versprüht Aufbruchstimmung.

Der Vorstand des Vereins Trottwar, der die gleichnamige Straßenzeitung in Stuttgart und in der Region herausgibt, hat nun doch die Konsequenzen aus den jahrelangen internen Querelen gezogen und sich von seinem langjährigen Geschäftsführer Helmut Schmid getrennt. Am vergangenen Mittwochabend beschloss der dreiköpfige Vorstand, Schmid bis zum Renteneintritt im nächsten Jahr freizustellen – wohl oder übel bei vollen Bezügen.

 

Schmid war Anfang des Jahres durch Veröffentlichungen in unserer Zeitung wegen der Klagen von Mitarbeitern und Sponsoren sowie wegen sexistischer und als antisemitisch wahrgenommener Äußerungen in einen Radiointerview in die Kritik geraten. Ein erheblicher Einbruch des Spendenaufkommens und ein Rückgang der verkauften Auflage der Straßenzeitung waren die Folge. Die Liquiditätsprobleme sind kürzlich während eines Gütetermins vor dem Arbeitsgericht angedeutet worden. Ein festangestellter Künstler klagt dort gegen eine betriebsbedingte Kündigung, ein zweiter Betroffener behält sich diesen Schritt noch vor.

Schmid hatte Rücktritt angeboten

Helmut Schmid, der für sich in Anspruch nimmt, Trottwar mitgegründet zu haben und für sein Engagement im Verein mit der Staufermedaille des Landes ausgezeichnet wurde, hatte im Frühjahr seinen Rücktritt angeboten. Das lehnte der Vorstand aber mit der Begründung ab, es müsse erst ein Nachfolger gefunden werden. Dem Trio wird vor allem von ehemaligen Beschäftigten vorgeworfen, stets nach der Pfeife des Geschäftsführers getanzt und sich teils persönlich in eine große Abhängigkeit begeben zu haben.

Zuletzt brach die Phalanx aber auf: Vorstandsmitglied Wolfgang Bonz hatte sich in der Zentrale über längere Zeit ein Bild von der Arbeitsweise Schmids gemacht. Bei einer Vorstandssitzung am Mittwoch wurden dann auch die Vorstände Bernd Röhl und Axel Mauthe überzeugt, dass Trottwar mit Schmid keine Zukunft habe – und auch keine Alternativbeschäftigung in Esslingen für den Verein Bürger für Berber, mit dem eine Fusion ansteht, in Frage komme.

Vorstand tritt nicht mehr zur Wahl an

Aber auch der Vorstand selbst wurde gezwungen, die Konsequenzen aus der negativen Entwicklung zu ziehen. In einer Pressemitteilung heißt es nun, der Vorstand bleibe nur noch bis zur Neuwahl im Mai kommenden Jahres im Amt. Er werde nicht erneut kandidieren.

Mitentscheidend für den radikalen Schnitt ist, dass seit 1. Oktober  mit  Sebastian Huber ein neuer Geschäftsführer im Amt ist. Damit sei „der Grundstein für notwendige strukturelle Veränderungen in unserem Sozialunternehmen gelegt“. Die Freistellung Schmids, so schwer es  dem Sozialverein auch fallen dürfte, dessen hohe Bezüge weiter zu finanzieren und dies öffentlich zu rechtfertigen, sei „ein weiterer bedeutsamer Schritt für die Zukunft und den Neuanfang des Vereins Trottwar und seiner Esslinger Dependance, dem ehemaligen Verein Bürger für Berber“.

Die letzte Vernissage für Schmid

Schmids letzter Beitrag ist eine Vernissage in der vereinseigenen Galerie Trottart am 21. Oktober, bei der Erstlingswerke von sozial benachteiligten Menschen ausgestellt werden, gefertigt beim zweiwöchigen Workshop in Fleinheim auf der Schwäbischen Alb. Es ist eine Abwechslung vom tristen Alltag für die Hobby-Künstler, vor allem war es aber ein All-inclusive-Urlaub unter Leitung von Schmid, bei dem sogar die Zigaretten bezahlt wurden. Der Betrieb der Galerie wird von Trottwar-Kennern schon lange als kostenträchtiges Hobby des Kunsthistorikers Schmid betrachtet, das er nach Renteneintritt hätte weiter betreiben wollen.

Huber soll nun das Porzellan kitten, das Schmid bei Sponsoren und der Politik zerschlagen hat. Nach ersten Gesprächen sind Mitarbeiter und Partner voll des Lobes über das Engagement und die Empathie des 34-Jährigen, der bisher ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit tätig ist – und Trottwar privat finanziell unterstützt hat. Huber, der aus einer sozial engagierten Familie stammt, hat in der Hotelbranche gearbeitet und war zuletzt bei einer Unternehmensberatung als Servicemanager beschäftigt.

Huber bietet offenen Austausch an

„Niedrigschwellige Hilfe, transparente Spendenverwendung und demokratische Mitbestimmung“ seien seine Ziele, so Huber. Er muss sich nun einen Überblick über die finanzielle Lage verschaffen. Er bietet einen „offenen Austausch“ an und lädt ab 6. November an jedem ersten Montag im Monat zum niederschwelligen Dialog ein. Es lässt tief blicken, dass es der Trottwar-Chef für nötig hält, sich von „jeder Art der Diskriminierung“ zu distanzieren.

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