Auf 4000 Quadratmetern Pionierarbeit in der KI Neues Zentrum geplant: Zukunftsmusik soll in Böblingen spielen

Hand in Hand in Richtung Zukunft: Böblingen will dem KI-Projekt AI Transform den rasanten Wandel in der IT-Branche mitgestalten. Foto: pa/obs VMware/shutterstock

Böblingen will beim Thema Künstliche Intelligenz ganz vorne mit dabei sein. Zusammen mit dem Softwarezentrum Böblingen Sindelfingen (SBS) plant die Stadt mit AI Transform auf der Hulb ein Firmengebäude, in dem Pioniere und kommende Player dieser Zukunftstechnologie sich frei entfalten können.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Beim Stichwort Transformation denkt man vielleicht zunächst an die Umstellung vom Verbrenner auf den Elektroantrieb in der Autoindustrie. Dabei passiert gerade in der IT-Branche mit der rasanten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) ein Wandel von womöglich noch viel größerer Tragweite. Was vor Kurzem noch wie Zukunftsmusik klang, ist mit der Einführung von ChatGPT im November 2022 Realität geworden: Das KI-Sprachmodell textet in seiner neuesten Version in Sekunden alles vom Arztbrief bis zum Schüleraufsatz, schreibt Computerprogramme, komponiert Klaviersonaten oder erschafft auf Befehl fotorealistische Bilder.

 

Böblingen will bei dieser digitalen Revolution ganz vorne mit dabei sein. Mit dem Projekt AI Transform soll eine Startrampe für Unternehmensgründer entstehen, die mit dieser Zukunftstechnologie nach den Sternen greifen wollen. „Hier ist der traditionsreichste IT-Standort in ganz Deutschland“, verweist Hans-Ulrich Schmid auf Erfolgsgeschichten, die in Böblingen mit Namen wie IBM oder Hewlett Packard verbunden sind. Schmid ist Geschäftsführer des Softwarzentrums Böblingen/Sindelfingen (SBS), das Mitte der 90er-Jahre als Gemeinschaftsprojekt der beiden Nachbarstädte sowie der Industrie- und Handelskammer im Gewerbegebiet Hulb gegründet wurde.

Softwarezentrum schreibt Erfolgsgeschichten

Auch das SBS schreibt Erfolgsgeschichten: Mit 12 000 Quadratmetern an Büroflächen und rund 110 dort angesiedelten Unternehmen gehört es zu den größten branchenbezogenen Technologiezentren in Europa. Als Keimzelle für die Gründerszene sind aus dem SBS national und international agierende Unternehmen wie Spirit 21, Levigo oder OneWord hervorgegangen.

Mit dem AI xpress in den ehemaligen Hallen des insolventen Anlagenbauers Eisenmann im Röhrer Weg hat das SBS einen neuen Standort für weitere Büro- und Veranstaltungsflächen dazubekommen. Der Schwerpunkt liegt hier auf Künstlicher Intelligenz (auf Englisch: Artificial Intelligence oder AI). Seit der Eröffnung im Oktober 2021 haben hier rund 150 Veranstaltungen mit insgesamt mehr als 10 000 Gästen stattgefunden, darunter ein viel beachteter Vortrag von Tech-Blogger Sascha Lobo im letzen Juni.

Genau wie das Softwarezentrum wächst der auch mit großem Engagent des Landkreises gegründete AI xpress mit enormer Geschwindigkeit. „Wir platzen aus allen Nähten“, sagt Hans-Ulrich Schmid, der das Projekt AI xpress zusammen mit Harald Grumser (Gründer Compart AG) und Wolfgang Vogt (Vorstandsmitglied bei Senioren der Wirtschaft und ehemaliger IBM-Marketing-Direktor) initiiert hat. Mit nunmehr 20 Start-ups, die sich dort eingemietet haben, stoße man jetzt an die Kapazitätsgrenzen.

Abhilfe soll AI Transform schaffen. Das auf dem SBS-Areal geplante Bauwerk soll auf einer Fläche von voraussichtlich rund 4000 Quadratmetern Arbeitsräume für KI-Pioniere und Player aus dem In- und Ausland bieten. Im Erdgeschoss ist eine Event- und Erprobungsfläche geplant, wo beispielsweise Testläufe für neue Technologien stattfinden könnten. Darüber sollen Büroräume entstehen. Wahrscheinlich drei oder vier Stockwerke hoch soll es werden, so Hans-Ulrich Schmid.

Zahlreiche Interessenten für Büroflächen stehen schon bereit

Schon jetzt habe er zahlreiche Interessenten auf der Matte stehen, darunter zum Beispiel die von Florian Kopp, Nikias Hess und Clemens Rieth gegründete Celekohr GmbH. „Das sind Böblinger Jungs“, sagt Schmid über das junge Start-up, das zweidimensionale Baupläne mittels Künstlicher Intelligenz in 3D-Modelle umwandelt. „Die starten durch, da bin ich überzeugt“, sagt der SBS-Chef. „Warum sollen die später nicht mit 20 Leuten da reingehen?“

Neben der schieren Notwendigkeit, ausreichend Platz für die neue Generation von IT-Unternehmern zu schaffen, soll AI Transform auch dazu beitragen, die atemberaubend schnelle Transformation in der IT-Branche aktiv zu begleiten. Genau deshalb setzt man hier auf die Gründerszene: „Das sind keine Tanker, das sind Schnellbote“, sagt Hans-Ulrich Schmid über die anpassungsfähigen jungen IT-Firmen.

Mit Blick auf die hohe Dichte von Softwareunternehmen zwischen Ehingen und Vaihingen spricht Schmid scherzhaft von der „Silicon Älley“ (mit Ä wie in der „The Länd“-Imagekampagne der Landesregierung). Allein in Böblingen liege man mit 200 IT-Firmen und im Vergleich fünf mal so vielen Softwareentwicklern- und Ingenieuren weit über dem Bundesdurchschnitt.

Diese schlauen Köpfe zusammenzubringen, sie mit einander zu vernetzen – darum soll es bei AI Transform gehen. Das Projekt ist die zweite von insgesamt drei Stufen jenes KI-Konzepts, mit dem Böblingen sich vor drei Jahren beim Standortwettbewerb für den KI Innovationspark Baden-Württemberg beworben hatte. Der Zuschlag ging nach an Heilbronn, „aber die Stimmen in Richtung Landespolitik waren laut“, blickt Oberbürgermeister Stefan Belz zurück. „Schließlich wollen wir, dass hier die Musik spielt und auch die Wertschöpfung weiter bei uns stattfindet“, so das Stadtoberhaupt.

„Als nächsten Schritt stellen wir jetzt den Förderantrag bei der Region Stuttgart“, sagt Böblingens Wirtschaftsförderer Dominic Schaudt. In etwa zwei Jahren soll der klimaneutrale Bau in Hybrid-Holzbauweise, mit PV-Anlage auf dem Dach und Ladestationen für E-Mobile auf der Hulb Eröffnung feiern.

KI-Allianz Baden-Württemberg und AI Transform

Die Vorgeschichte
 Im Jahr 2021 hatten Böblingen und weitere Städte im Land im Wettbewerb um den Standort für einen Innovationspark KI (Ipai) gegenüber Heilbronn den Kürzeren gezogen. Als Reaktion darauf formten die Regionen Karlsruhe, Stuttgart, Neckar-Alb, Freiburg, Nordschwarzwald und Ostalbkreis die KI-Allianz Baden-Württemberg. Ziel dieser Genossenschaft mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung ist es, landesweit Knotenpunkte für KI-Technologie aufzubauen.

Böblinger Leuchtturm
Im Juli entschied der Verband Region Stuttgart 11,6 Millionen Euro Fördergerleder für drei KI- Projekte freizugeben. Eines davon ist AI Transform, mit dem Böblingen die zentralen Punkte seiner Ipai-Bewerbung am Standort des Softzwarezentrums Böblingen/Sindelfingen auf der Hulb umsetzen will. Mit fünf Millionen Euro will die Region Stuttgart hier ein klimagerechtes Gebäude mitfinanzieren, das Produktivflächen, Büroräume und Kommunikationszonen für junge Unternehmen und nationale und internationale Firmen mit KI-Schwerpunkt bieten soll. 

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