„Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch Wo mr liaber naigoht wie naus

Von Jan Sellner 

Seit fünf Jahren trifft sich der „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch im Stuttgarter Zeppelinstüble, am Donnerstagabend bereits das 25. Mal. Und die beste Nachricht: Es geht munter so weiter!

Darauf darf man anstoßen: 25. „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch im Stuttgarter Zeppelinstüble. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Darauf darf man anstoßen: 25. „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch im Stuttgarter Zeppelinstüble. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Der Dialekt bringt viele Kostbarkeiten hervor. Etwa das Wort: „Dohoggeddiadiaemmerdohogged“ – eine landestypische Beschreibung für Schwaben mit Sitzfleisch. Treffend auch für die Zusammenkünfte Einheimischer und Reigschmeckter im Zeppelinstüble des Hotels Steigenberger Graf Zeppelin in Stuttgart. Seit fünf Jahren hocken dort Dialekt-Fans in wechselnder Besetzung am „Auf gut Schwäbisch“-Stammtischzusammen, um die Mundart zu pflegen. „Sie lached ond drenked ond hen a Freid ananander“, wie es in einem am Donnerstagabend vorgetragenen Stammtisch-Lied heißt.

Die Abende im Zeppelinstüble („wo mr liaber naigoht wie naus“) bestehen aber nicht nur aus „Hocken“. Im Gegenteil: Die Runde ist stets in Bewegung. Das liegt zum einen an den Moderationskünsten von Tom Hörner, zum anderen an den namhaften Gästen aus der Dialekt-Szene, die dort bisher aufge­treten sind – von Walter Schultheiß und Trudel Wulle über Bernd Kohlheb und Hillus Herzdropfa bis zu Wendrsonn, Alex Köberlein und Dodokay. Bei der 25. Ausgabe sind es die Schauspielerin und Autorin Monika Hirsch­le und der Bildhauer Gerold Jäggle, die das offizielle Programm des Abends ­bestreiten.

Bei Jugendlichen ist das Ur-Schwäbisch Kult

Jäggle ist das Kunststück gelungen, eine Form von Ur-Schwäbisch auf dem Videoportal Youtube populär zu machen. „Kanal Dialäkt – Schwäbisch für Fortgeschrittene und Daheimgebliebene“ nennt sich das von ihm entwickelte, sehenswerte Format, in dem er seinen oberschwäbischen Nachbarn Richard Metz über alte schwäbische Ausdrücke philosophieren lässt. Darunter sind Begriffe, die Schwäbisch-Anfängern unverständlich sind: „En Haipfl ond a Ziach muaß ma wiefla“ („Das Kopfkissen und das Betttuch müssen geflickt werden“). Ein anderer Ausdruck, über den das Original Richard Metz im Kanal Dialäkt sinniert, ist „ahlafenzig“. Da zucken selbst alteingehockte Stammtischler mit den Schultern. Die Erklärung: „In ,ahlafenzig‘ steckt ,Ahland‘, ein anderes Wort für Teufel aus der Rottenburger Fastnacht. „Ahlafenzig“ bedeutet also „teuflisch“.

Multitalent und Stimmenwunder: Monika Hirschle

In Ertingen im Landkreis Biberach, dem Heimatort von Metz und Jäggle, hat die Youtube-Reihe inzwischen Kultcharakter, besonders unter Jugendlichen. „Die Fußballer von der A-Jugend kennen jede Folge auswendig“, erzählt Jäggle. Und unterhalten sich inzwischen selbst so: „Jetzt mach mi id so ahlafenzig oh!“ Die Runde quittiert es mit Beifall. Ebenso den Auftritt von Monika Hirschle. Das Stuttgarter Multitalent und Stimmenwunder ist zurzeit im Theater der Altstadt mit dem Soloprogramm „Gell, Sie sen’s?!“ zu sehen. Im Zeppelinstüble zeigt Hirschle, warum sie vom Publikum zur beliebtesten Schauspielerin der Komödie im Marquardt gewählt worden ist. Sie stimmt ein Loblied auf die Schwäbisch-Kolumne an. Die morgendliche Lektüre der Dialektspalte lässt sie fröhlich in den Tag starten, sagt sie. Außerdem liefern ihr die „Sprüche des Tages“ jede Menge Stoff für die Bühne. Eine Kostprobe: „,Des gibt sich beim Bügla‘ – hot der Schneider gsait, wo er ’s Hosadierle ans Henterteil nagmacht hot.“

Ein besonderer Moment

Für Bewegung sorgen zudem immer auch die Stammtischbesucher selbst mit Geschichten, die die Mundart schreibt – so der Stammtischler Nils Bunjes, der sich als Ostfriese zu erkennen gibt. Bei seinem Umzug nach Stuttgart hat er vorsichtshalber einen Schwäbisch-Kurs an der Universität Tübingen besucht. Dort wurde ihm bescheinigt, dass er erstaunlich gut Deutsch spreche . . .

Unvergesslich ist der Auftritt von Aline Groß und Peter Stantscheff, zwei langjährigen Mundartautoren. Groß überreicht den „Auf gut Schwäbisch“-Machern aus der Redaktion einen reich verzierten Krug aus der elterlichen Gaststätte, dem der Fein- und Kunstgießer Stantscheff das Sahnehäubchen in Form eines „Auf gut Schwäbisch“-Zinndeckels aufgesetzt hat – da­rüber mehr in einer der nächsten Kolumnen.

Am Ende des Abends blickt man in viele fröhliche Gesichter und stellt fest: Schwäbisch belebt – und lebt vielleicht sogar fort. Hoffnung darauf machen die Jugendlichen von Ertingen und das eingangs zitierte Stammtisch-Lied, das mit den Zeilen schließt: „Ond draußa vor dr Dür stoht a ganz klois Büble ond sagt: ,Wenn i groß ben, gang i au ens Zeppelinstüble!‘“




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