Ein Reporter mit Jägern auf Treibjagd Der harte Trieb zur Jagd

Knochenarbeit bei der Jagd: Eine Treiberin zieht ein Reh aus dem Wald, wenig später wird der Böblinger Kreisjägermeister Claus Kissel das Tier zum Sammelplatz bringen. Foto: Fnoxx/Arnulf Hettrich

Die Zeit der Treibjagden ist in vollem Gang. Jetzt oder nie kam man in großem Maßstab auf Wildschweine und Rehe gehen. Mehr als 70 Treiber und Jäger kämpften sich am Wochenende durch den Schönbuch – und ein Reporter ist mittendrin.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Wer essen will, muss töten. So einfach ist es an diesem trüben Novembermorgen auf einem Parkplatz im Ehninger Industriegebiet. Ein Feuerkorb wirft Licht auf die etwa 70 Jäger und Treiber. Daneben wirbeln Bilder aus zweiter Hand durch meinen Kopf, geschaffen von Fernsehen, Film und Vorurteilen: von der Diplomatenjagd, adligem Vorrecht, von erzkonservativen Honoratioren in Lodengrün. Nichts von alledem sieht man hier bei der Treibjagd von Claus Kissel, dem Böblinger Kreisjägermeister, der mit der ganzen Familie auf die Jagd geht, wie die meisten anderen Jäger auch: Ehefrauen, Töchter, Söhne, ohne familiäre Verstärkung geht es nicht.

 

Annie ist auch da. Die gemütliche Amerikanerin, deren Mann für die US-Regierung arbeitet, ist Teil eines deutsch-amerikanischen Kulturaustausches, wenn man so will. Die Army hat auf ihrem Übungsgelände in Böblingen ebenfalls eine Jagd eingerichtet und Annie möchte das Jagen nach deutschem Brauch kennenlernen, trägt Gummistiefel, Filzhut und eine olivgrüne Jacke.

Sinnverwirrendes Diagramm

Briefing am frühen Morgen: Claus Kissel hat ein sinnverwirrendes Diagramm erstellt, das aussieht wie ein Manöverplan. Vier Treibergruppen stoßen aus mindestens fünf Himmelsrichtungen auf ovale Flächen vor, in denen Kissel die Sauen vermutet. Da ich meist schon mit einer Himmelsrichtung überfordert bin, sehe ich mir an, wer sonst noch da ist: zum Beispiel Christian Baudisch, der Chef des deutschen Fleischermuseums in Böblingen. Er hat gerade eine Ausstellung unter dem Titel „die Wilde Jagd“ kuratiert und wollte das Waidwerk selbst einmal erleben. Der Wald ist hier an der Nordseite des Maurener Tals nur einen Steinwurf weit weg. Die Jäger haben gute Laune, freuen sich, ihre Bekannten wieder zu treffen. Sie tragen orangene Signal-Tarnjacken, das klingt wie ein Widerspruch, aber Rehe sind farbenblind. Ich hoffe, die Jäger sind es nicht.

„Laut sein, langsam sein, nicht erschossen werden!“, so benennt der Jagdfotograf Arnulf Hettrich die goldenen Regeln für die Treiber. Claus Kissel verliest inzwischen die Jagdregeln, die Jagdhornbläser setzen an. Es geht los, endlich!

„Annie get your gun!“

„Annie get your gun“, zitiere ich den Titel eines amerikanischen Musicals und Annie quittiert den Witz mit einem breiten Lachen, bevor sie sich auf die Suche nach ihrem Auto macht. Die Wagen der Marken Mercedes, Mitsubishi und Lada setzen sich in Bewegung. Die Autos sind alle geländegängig, weswegen ein Fahrer sich nicht erst die Zeit zum Ausparken nimmt, sondern direkt über die Böschung auf die Straße fährt. Die Autos biegen in die Waldwege ein, die Jäger verteilen sich auf die Hochsitze, die Claus Kissel mit seiner Familie für sie aufgebaut hat. Der Himmel zieht eine graue Spur über die kahlen Bäume.

Vor uns eine Bewegung. Der Jogger hat Ohrstöpsel drin und hört uns vielleicht nicht, läuft vor unserem Auto her wie ein Hase im Lichtkegel. An einer Kreuzung halten wir ihn an. Ob er die Absperrung nicht gesehen habe, fragt Claus Kissel. „Da war nichts abgesperrt!“, schreit er vorwurfsvoll, als seien die Jäger schuld, dass er die Absperrung missachtet oder übersehen hat. „Sie sind wirklich in Gefahr“, versuche ich dem Mann beizubringen, blonder Bart, noch nicht ganz dreißig. Doch der wird laut – vielleicht auch, weil er meint, die Musik überbrüllen zu müssen, die doch nur er hören kann. Er läuft weiter.

Das Schweigen der Wälder ist greifbar. Wer genau hinhört, der nimmt ein paar Vögel war und die Autobahn, deren Rauschen um die Stämme flutet. Die Jäger binden ihren Hunden orangene Westen um und schließen GPS-Sender an. Jetzt flüstern wir nur noch, Claus Kissel nimmt über Funk Kontakt mit den Jägern auf, lässt sich auf dem Handy anzeigen, wo die Hunde sind.

Das Schweigen wird greifbar

Ein Schuss – „Nachbarrevier“, sagt Claus Kissel. Dann lädt er seinen Revolver, andere haben lange Jagdmesser dabei, ein Treiber, Jochen, geht mit einem Speer durch das Unterholz, den man Saufeder nennt. Wenn die Hunde eine Sau gehetzt haben und niederhalten, dann töten sie mit diesen archaischen Waffen, weil die Gefahr besteht, dass sie mit Schüssen ihren Hund verletzen. Kissels Hund jault und zittert, aber nicht vor Kälte oder Angst. Vor Jagdfieber.

Auf einem Waldweg nehmen wir Aufstellung. Die Sonne kommt durch, legt Lichtspeere ins Unterholz. Vor mir eine grüne Mauer – Augen zu und durch, immerhin weiß ich jetzt, wie sich eine Wildsau fühlt. Aber welchen Treiber-Ruf soll ich wählen? „Hosss -sssa!“, schreit Jochen. „Jiiiha!“, brüllt eine Jägerin, ein Ruf, wie aus einem Cowboyfilm. „Hoopa, Hoopa!“, höre ich.

Ich tauche unter den Ästen durch

Die Dornen halten mich, die Äste sperren mich. Ich schlage mit einem Haselnussstecken die Ranken nieder und steige drüber, die Dornen bohren sich in meinen Rotkreuz-Parka und die Holzfällerhose, ich gehe in die Hocke und tauche unter den Ästen durch, drehe mich um, wenn die Dornen den Augen gefährlich nahe kommen, „Hoop, hoop!“, brülle ich.

Wir pflügen durch den Wald. Sechs Treiber im Abstand von 30 Metern, orange angezogen, in der Gruppe und doch allein. Bedingt sind Unterhaltungen möglich. „Da muss irgendwo ein Keiler sein“, sagt ein jüngerer Mann mit Vollbart. „Warum?“ fragt Jochen, „hier riecht es nach Sau!“, sagt sein Partner und grinst.

Stimmen überschlagen sich

Wie eine Kanonenkugel sprengt ein Hund an mir vorbei, dann noch einer. Ich höre es brüllen, Menschengebrüll, die Hunde werden lauter und lauter, ich gehe durch einen Brei von Schreien, unwillkürlich falle ich in das Gebrüll ein: „Hoop, Hooop!“ Stimmen überschlagen sich, die Treiber um mich herum beginnen zu rennen, auf ein Tannendickicht zu. Ich weiß nicht, was los ist und renne mit. Da brechen die Sauen heraus, keine zehn Meter vor mir entfernt, instinktiv halte ich den Stock wie eine Lanze. Sieben Sauen rennen jetzt um ihr Leben den Abhang hoch und verschwinden im Wald. Ein trockener Schuss knallt.

„Sechs Sauen“ sagt ein Treiber genauso trocken, dann knallt noch ein Schuss, „fünf“.

Ihr Tun sieht keiner der Jäger hier als Sport. Es geht für Claus Kissel um die Niederhaltung des Bestands, um die Fleischgewinnung und um die kulturelle Tradition des Jagens, dazu gehören Kleidung, Musik und jagdliches Verhalten. Die Jagd, das älteste Handwerk der Menschheit, viel älter als der Ackerbau. Später wird Christian Baudisch sagen, dass die Jäger auch die ersten Metzger waren, denn sie mussten nach der Jagd das Wild aufbrechen und zerlegen. Vielleicht spielt auch ein archaischer Jagdinstinkt mit, den etwa auch ein Reporter hat, wenn er auf die Jagd nach Informationen geht und nach einer guten Geschichte. Und natürlich die Lust, auf den Busch zu klopfen.

In den Schattenstellen liegt noch Schnee

„Hau mal da drauf“, sagt Jochen, der Mann mit der Saufeder. Ich stochere mit meinem Haselnussstecken in einer umgestürzten Fichte: ein sogenannter Mahlbaum. Die Sauen reiben sich so lange an Bäumen, bis die Rinde abgeht. Bricht der Baum dann geschwächt zusammen, können sie ihn als Versteck nutzen.

Es bleibt diesig, auf den Schattenstellen liegt noch Schnee. Ich bohre mich weiter durch den Wald, spucke Holzstücke aus, wenn mir Äste ins Gesicht schlagen.

Der Weg wird anstrengend, zäh. Ich springe mit dem Stock über Gräben und Radspuren. Tellergroße Pilzköpfe drängen das Laub beiseite, manche halbkreisförmig in sogenannten Hexenringen. Ich renne die Schluchten runter, um Schwung zu holen für den Gegenhang. „Hier sieht man, wie sich der Wald verjüngt“, sagt Claus Kissel über einen Teppich von kaum fingerhohen Fichten. Ich bin zu müde zum Ausweichen, jetzt verjüngt sich der Wald halt etwas langsamer. Die Treiberkette ist weit auseinandergezogen, wir ändern die Richtung, kommen einer zweiten Treibergruppe ins Gehege und stellen uns neu auf. Wir gehen über die Wege und die Rückegassen der Holzfäller, Schneisen, die mit dichtem Kraut und Moos bewachsen sind. Wo immer es geht, sammeln wir uns. Ich begreife, dass unsere Rufe nicht nur das Wild aufscheuchen sollen, sondern den Jägern die Position der Treiber anzeigen. Am Ende der Jagd dienen die Rufe dazu, uns gegenseitig anzufeuern. Noch einen Hang, noch eine Schonung mit Douglasien, noch ein paar Schritte weiter.

Kurz nach Mittag sind wir des Treibens müde, wir halten, alle haben genug.

Des Treibens müde

Claus Kissel sammelt die Jäger ein und das Jagdwild. Wer etwas erlegt hat, den erkennt man von Weitem am stolzen Lächeln. Drei Wildschweine und fünf Rehe laden Männer und Frauen mit vereinten Kräften auf Claus Kissels Anhänger, dann steuern wir wieder den Sammelplatz an. Die Jäger sind guter Dinge, tauschen ihre orangenen Tarnjacken mit grünen Joppen, sie haben genug auf ihren Ansitzen gefroren.

Beim Abladen läuft einem Reh das Blut in Strömen aus dem Maul, ein Hund leckt die Blutflecken auf. In der Halle werden die Tiere ausgenommen und aufgehängt. Doch nicht nur Metzger sind dabei, auch ein Tierarzt – selbst Jäger – falls sich ein Hund verletzt.

Die Jäger ehren das Wild, das sie erlegt haben, und legen eine sogenannte Strecke. Eine Sau und ein Reh liegen gebettet auf Tannenreisen. Die erfolgreichen Schützen bekommen einen Tannenzweig, den sie sich hinter das Hutband klemmen. Die Bläser setzen ein und blasen die Jagd ab. Annie lauscht andächtig den Musikern, die sich im Halbkreis aufgestellt haben, ergriffen von der Würde, die diese Zeremonie ausstrahlt.

Wer essen will, muss töten, so einfach ist das und so kompliziert. Am Ende des Tages sitzen alle im Aufenthaltsraum von Claus Kissels Heizungsfirma und sprechen über die Jagd oder vertiefen ihre Freundschaften. Es gibt Kraut, Knödel und Rehgulasch.

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