Aufbruchstimmung beim MDR Intendantenwahl geht in die zweite Runde

Kaum ist die Kritik an der Tschetschenienreise des MDR-Fernsehballetts abgeebbt, hat der „Spiegel“ auch schon die nächsten Ungereimtheiten bei dem Sender aufgedeckt. Foto: dpa-Zentralbild 3 Bilder
Kaum ist die Kritik an der Tschetschenienreise des MDR-Fernsehballetts abgeebbt, hat der „Spiegel“ auch schon die nächsten Ungereimtheiten bei dem Sender aufgedeckt. Foto: dpa-Zentralbild

Der MDR wählt am Sonntag den Nachfolger des Gründungschefs Udo Reiter. Wer immer es werden mag: die Liste der Skandale wird immer länger.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Leipzig - Beim Leipziger MDR herrscht Aufbruchstimmung. Dass der Rundfunkrat bei der Intendantenwahl vor knapp vier Wochen Bernd Hilder durchfallen ließ, hat das Selbstbewusstsein der Mitarbeiter enorm gesteigert. Wo sich angesichts des von der Politik vorgegebenen Kandidaten schon Resignation breit gemacht hatte, weil offenbar alles so weitergehen würde wie bisher, ist nun ein regelrechter Ruck durch den Sender gegangen. "Diese Personalie wäre auch dem eigenen Lebenslauf nicht zumutbar gewesen", heißt es aus dem Umfeld des Gremiums, das dem Favoriten der CDU-geführten sächsischen Staatskanzlei die Mehrheit der Stimmen versagte.

Schon im Verwaltungsrat hatte Hilder die gleichfalls notwendige Zweidrittelmehrheit der sieben Mitglieder erst im vierten Wahlgang erreicht. In diesem Gremium lag zunächst Karola Wille vorn. Die leitende Justiziarin des Senders galt ohnehin als Favoritin vieler MDR-Mitarbeiter. Nun deutet alles darauf hin, dass die Chemnitzerin ihr Ziel bei der  Wahl am Sonntag im zweiten Anlauf erreichen wird; die Blöße eines erneuten Scheiterns wird sich der Rundfunkrat nicht geben wollen.

Mit Wille verknüpft man beim MDR zudem die Hoffnung, dass nach zwanzig Jahren voller undurchsichtiger Geschäfte, diverser Skandale und einer gewissen Selbstherrlichkeit endlich eine neue Zeitrechnung beginnt. Karola Wille (52) könnte dafür die richtige Frau sein; sie wäre nach Dagmar Reim (RBB) und Monika Piel (WDR) die dritte Intendantin der ARD.

Die 52-jährige Chemnitzerin Wille arbeitet seit 1991 in der juristischen Direktion des Senders: erst als Referentin, später als Stellvertreterin des Direktors. Seit 1996 leitet sie die Direktion, 2003 kürte Gründungsintendant Udo Reiter sie zu seiner Stellvertreterin. Wille ist zudem Honorarprofessorin für Medienrecht an der Leipziger Uni.

Wille gehört seit 15 Jahren zum leitenden Personal. Die Juristin, die auch innerhalb der ARD großen Respekt genießt, bringt also einerseits den im Haus so dringend gewünschten Stallgeruch mit sich. Andererseits wird sie aber auch in Sippenhaft genommen, weil die Führungsetage des Senders bei den Skandalen nicht eingeschritten ist, obwohl es schon vor Jahren die ersten Hinweise gegeben hat. Dieser Vorwurf trifft jedoch vor allem Reiter.

Die Geschichte des MDR war zwei Jahrzehnte lang untrennbar mit dem Bayern verbunden. Im Frühjahr hat Reiter überraschend seinen Rücktritt angekündigt. Noch vor einem Jahr hätte er triumphal Abschied nehmen können: Es gab zwar gelegentliche Ungereimtheiten, weil unter anderem ein Sportchef in die eigene Tasche wirtschaftete, doch im Großen und Ganzen präsentierte sich die Dreiländeranstalt ordentlich.

Mietpreis-Skandal

Seit vierzehn Jahren ist das MDR-Fernsehen das erfolgreichste dritte Programm der ARD. Aber schon die Betrugsaffäre beim Kinderkanal wurde zumindest zu Teilen der MDR-Führung angelastet. Spätestens die seltsamen Geldbeschaffungsmethoden des Unterhaltungschefs Udo Foht, der Produktionen wohl über Bande finanzieren ließ, verdeutlichte erneut, dass es beim MDR speziell zugeht.

Und kürzlich deckte der "Spiegel" einen weiteren Skandal auf, der "den Verdacht systemischen Kontrollversagens" nahelege: Anscheinend hat der MDR die Gelder für die Gründungsfinanzierung nicht in Rundfunktechnik und Gebäude, sondern in teilweise dubios anmutende Finanzgeschäfte investiert.

Dem MDR gehöre allein die Leipziger Zentrale, die Filialen etwa in Halle oder Magdeburg seien angemietet. Das führe unter anderem dazu, dass der beim MDR in Erfurt angesiedelte Kika als Untermieter für seine Räumlichkeiten einen Mietpreis zahlen müsse, der über hundert Prozent über der ortsüblichen Miete liegt.




Unsere Empfehlung für Sie