Aufgelassener Steinbruch im Wald Die Hochdorfer „Steinzeit“ endete 1963

Auf diesem Bild aus der Ortschronik sieht man Arbeiter des früheren Hochdorfer Steinbruchs Ende der 1920er-Jahre. Foto: oh

So manch ein altes Gebäude im Ort zeugt noch heute von einer früheren Baukultur: In Hochdorf wurde bis vor wenigen Jahrzehnten Sandstein abgebaut. Der Steinbruch ist mittlerweile gut versteckt im Wald. Wir verraten, wo er sich befindet.

Fährt man von der Bundesstraße 10 oder von Plochingen kommend auf der Landesstraße in Richtung Hochdorf, so erhebt sich kurz nach der Querspange rechter Hand ein bewaldeter Hügel. Tief im Grün des Waldes liegt ein spannendes Stück Hochdorfer Geschichte verborgen. Wer den richtigen Weg kennt, gelangt nach einem kleinen Fußmarsch abseits des befestigten Waldwegs zu einem Naturdenkmal: dem 1963 stillgelegten Steinbruch. Noch heute türmen sich die mit Moos bewachsenen Schichten des Angulaten-Sandsteins auf, Spaziergänger können das frühere Ausmaß des Steinbruchs erahnen. Im Schutzgebietsverzeichnis der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg ist die insgesamt 1,3 Hektar große Fläche als „flächendeckendes Naturdenkmal“ vermerkt.

 

Zunächst nur für den Eigenbedarf der Hochdorfer Bürger

In der 1989 erschienenen Hochdorfer Ortschronik, verfasst vom früheren, bereits verstorbenen Esslinger Kreisarchivar Christoph J. Drüppel, ist dem Steinbruch ein ganzes Kapitel gewidmet. Dort ist zu lesen, dass auf Hochdorfer Gemarkung zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlicher Stelle Steine gebrochen wurden, vorwiegend aber in jenem größten Steinbruch im Gewann Talbach. In der ersten Katasteraufnahme aus dem Jahr 1823 waren auf dem noch unbewaldeten Hügel „drei bis vier halbkreisförmige Geländestufen“ zu erkennen, die „mehr auf eine Terrassierung, als auf einen Steinbruch“ hindeuteten. Dieser wurde 1850 in der Karte zunächst nachgetragen und elf Jahre später auch erwähnt. Erst ab 1902 erreichte der Steinbruch dann „seine gewaltigen Ausmaße“, schrieb der Kreisarchivar. Den Sandstein brachen die Hochdorfer für ihre Zwecke zunächst selbst. Das erste gewerbliche Unternehmen startete 1927 der Steinbruchpächter Fischer. Die Vereinbarung mit der Gemeinde besagte, dass er nur den vorderen Bereich des Steinbruchs gewerblich nutzen durfte, der hintere Teil blieb vorerst den Bürgern für deren Eigenbedarf vorbehalten.

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Während der Sprengungen suchten die Arbeiter Schutz in einem kleinen Unterstand. Noch heute findet man diesen im Wald, wenngleich auch nicht mehr mit seiner ursprünglichen Tiefe. In kurzen Zeitabständen von jeweils nur wenigen Jahren wechselten die Pächter des Steinbruchs, von 1934 bis Ende 1938 übernahm schließlich der Hochdorfer Landwirt Karl Weible die Leitung. Die technische Ausstattung bestand laut Chronik seinerzeit aus „hundertdrei laufenden Metern Rollgleise, zwei Rollwagen, einer Drehscheibe, einer Steinwinde und vier Hebeeisen.“

Auch das Köhlerbachbrückle besteht aus Hochdorfer Sandstein

Karl Weibles gleichnamiger Neffe steht heute gemeinsam mit Hans Bruntner, Helmut Unrath und Werner Halm vor der bemoosten Steinwand, die sein Patenonkel in den 1930er-Jahren bearbeitete. Die Gruppe kennt sich gut aus mit der Ortshistorie, bis auf Werner Halm, den Vorsitzenden des Vereins Historische Gebäude und Ortsgeschichte Hochdorf, sind alle im Ort aufgewachsen.

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„Der Angulaten-Sandstein hat hier in der Gegend eine besonders gute Qualität, vor allem dessen untere, dichtere Schichten. Verwendet wurden diese Steine beim Hausbau zum Beispiel für das Fundament und Kellergewölbe, jene mit geringerer Qualität etwa für die Gartenwege“, sagt Hans Bruntner. Im Ort erkenne man den Angulaten-Sandstein noch an mehreren alten Häusern, „auch für den Bau des denkmalgeschützten Köhlerbachbrückles, der letzten noch vorhandenen Steinbogenbrücke im Ort, wurde der widerstandsfähige Sandstein verwendet“, ergänzt Werner Halm. „Nach der Reichsgründung 1871 gab es einen Bauboom, auch in Hochdorf wurde damals viel gebaut“, berichtet Hans Bruntner. Sein Vater habe später für den Bau des eigenen Kellergewölbes Steine beim damaligen Steinbruch-Pächter Gustav Unger (1939) bestellt, „die musste man dann noch zuschlagen, wir hatten einen Steinmetz in der Familie.“ Karl Weible kann dagegen berichten, dass sein gleichnamiger Onkel, der Pächter-Vorgänger von Gustav Unger, die Steine seinen Kunden bereits fertig bearbeitet angeboten hat: „Die Technik hatte er sich selbst angeeignet.“

Während des Zweiten Weltkriegs ruhte der Betrieb

Als Gustav Unger 1939 zur Wehrmacht einberufen wurde, ruhte der Betrieb im Hochdorfer Steinbruch bis zum Kriegsende 1945 und wurde im August desselben Jahres wieder angemeldet. Erst 1951 aber übernahm die Firma Joh. Keller Bau KG aus Süßen, erstmals wurde das Sandsteinwerk von da an mit Elektrizität versorgt. Eine deutliche Verbesserung dank nun einsetzbarer Maschinen, bis zum Frühjahr 1951 war noch nicht einmal eine Toilette im Steinbruch vorhanden. Nach weiteren Pächter-Wechseln wurde der Betrieb 1963 eingestellt, die letzten verbliebenen brauchbaren Steine konnten sich die Hochdorfer Bürger selbst abholen.

Für die Kinder war der Steinbruch ein Abenteuerspielplatz

Helmut Unrath, Hans Bruntner und Karl Weible erinnern sich noch gut an die eigene Kindheit, in der der Steinbruch ein wahrer Abenteuerspielplatz gewesen sei. „Man hat dort nach Steinen mit Kristallablagerung gesucht, die waren ein richtiger Schatz, denn das glitzerte so schön“, erzählt Bruntner. Helmut Unrath erinnert sich zudem, dass in den 50er- und 60er-Jahren die damals noch nicht bewaldeten Abraumhalden – das sind Aufschüttungen des nicht brauchbaren Materials – des Steinbruchs vom damaligen Hochdorfer Motorsportclub für Fahrten genutzt wurde, „vergleichbar mit dem heutigen Motocross.“

Filstal-Marmor aus Hochdorf

Qualität
Der Angulaten-Sandstein ist ein im Albvorland vorkommender feinkristalliner Naturstein in heller, gelbbrauner Färbung, teils durchzogen von dunklen Eisenadern, was ihm eine effektvolle Musterung verleiht.

Nutzen
Eingesetzt wurde der Angulaten-Sandstein des „Sandsteinwerks Hochdorf“ zum Beispiel für den Hausbau, für Gartenanlagen, Einfriedungen, Friedhofsanlagen, für Schaufensterverkleidungen, Wintergartengestaltung oder auch offene Kamine. Der gesägte Sandstein aus Hochdorf war in den 1950er-Jahren als Filstal-Marmor bekannt.

Steinbruch
Von 1927 bis 1963 (mit Unterbrechung in Kriegszeiten) wurde der Hochdorfer Steinbruch gewerblich betrieben. Zu den Kunden zählten ab den 1950er-Jahren auch die umliegenden Städte und Gemeinden sowie Baugenossenschaften. So wurde der Hochdorfer Sandstein 1954 beim Bau der Nürtinger Ersbergschule verwendet.

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