Aufsichtspflicht in Kitas Verband schlägt Alarm wegen Personalmangel

Spielen in der Kita – nicht immer ist die nötige Aufsicht garantiert. Foto: dpa/Uwe Anspach
Spielen in der Kita – nicht immer ist die nötige Aufsicht garantiert. Foto: dpa/Uwe Anspach

In den Kindertagesstätten des Landes fehlt mittlerweile so viel Personal, dass nicht einmal die Aufsichtspflicht konstant gewährleistet werden kann. Das ergibt sich aus einer Umfrage, an der 2200 Kitaleiterinnen aus Baden-Württemberg teilgenommen haben.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)
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Stuttgart - Verletzte Aufsichtspflichten, zu viele Kinder für zu wenige Betreuerinnen, Managementaufgaben, die von den Kitaleiterinnen in ihrer Freizeit erledigt werden müssen – nach eineinhalb Jahren mit Corona ergibt sich für Gerhard Brand, den Vorsitzenden des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), ein ganz klarer Befund: Der Personalmangel an den rund 9300 Kindertagesstätten Baden-Württembergs hat sich massiv verschärft, und die Betreuung ist deutlich schlechter geworden.

Mit seinen Aussagen stützt der Verbandschef sich auf eine neue bundesweite Umfrage mit landesspezifischer Auswertung. Allein aus Baden-Württemberg haben sich 2200 Kitaleitungen beteiligt, und ihre Aussagen sind in einigen Bereichen alarmierend.

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Aufsichtspflicht wegen Personalmangel verletzt

90 Prozent der Kindertagesstätten im Land hatten laut den Ergebnissen der Befragung in den vergangenen zwölf Monaten so wenig Personal, dass nicht einmal die Aufsichtspflicht durchgängig und ausreichend gewährleistet werden konnte. In jeder vierten Kindertagesstätte waren die gesetzlichen Vorgaben mindestens an einem Tag in der Woche unterschritten. 18 Prozent der Befragten berichteten von solchen Zuständen sogar an zwei Tagen pro Woche. „Auf Baden-Württemberg hochgerechnet heißt das, dass in 1670 Einrichtungen in fünf von zwölf Monaten nicht einmal die Minimalbesetzung an Personal anwesend ist, um der Aufsichtspflicht angemessen nachkommen zu können“, sagte Brand. „Für 750 Kitas ist das sogar in sieben von zwölf Monaten der Fall.“

In sieben von zehn Kindertagesstätten sind nach Brands Angaben außerdem die wissenschaftlich empfohlenen Betreuungsrelationen unterschritten. In jeder vierten Einrichtung (27 Prozent) kommen sechs Kinder unter drei Jahren auf eine Betreuerin – die Bildungsforschung empfiehlt drei Kinder je Fachkraft. In mehr als einem Drittel der Kitas (37 Prozent) muss laut der Befragung jede Fachkraft zwölf und mehr Kinder über drei Jahren betreuen, während die Wissenschaft für diese Altersgruppe eine Relation von 1 zu 7,5 vorschlägt. „Die Bildungs- und Betreuungsqualität der Kitas leidet unter dem Personalmangel massiv“, klagt Brand. „Die Politik setzt sehenden Auges die Sicherheit unserer Kinder aufs Spiel, wenn Aufsichtspflichten nicht mehr erfüllt werden können.“

Mehrarbeit und Stress wegen Corona

Dass Corona zusätzliche Belastungen mit sich gebracht hat, hat die Umfrage ebenfalls bestätigt: 80 Prozent der Kitachefinnen berichten von erheblicher Mehrarbeit. Ebenfalls 80 Prozent der Befragten klagten über ständig wechselnde und unklare Verordnungen wegen der Pandemie. Als Ding der Unmöglichkeit betrachtet es Verbandschef Brand, bei der Vielzahl von Coronaverordnungen stets auf dem neuesten Stand zu sein. Ein Viertel der Befragten kritisiert, dass Eltern sich nicht an die Vorgaben halten.

„Am Anfang der Pandemie gab es eine Zusammenarbeit zwischen Kitas, Eltern und Politik“, erklärt Brandt. „Doch das Verständnis ist gebröckelt, die Einzelinteressen der Eltern dominieren, und die Politik ist auch dünnhäutiger geworden. Man kann es mittlerweile niemandem recht machen, und unsere Kitamitarbeiter vertragen nicht mehr viel, weil die Nerven dünn geworden sind.“

Der VBE fordert wegen dieser Situation einen deutlichen Personalausbau. Um zusätzliche Fachkräfte gewinnen zu können, müssten Quereinsteigerprogramme einschließlich Weiterbildungsmaßnahmen entwickelt und unbürokratische Anerkennungsverfahren von europäischen Berufsabschlüssen entwickelt werden. Außerdem brauchten die Kitaleitungen für die ausufernden Managementaufgaben vertraglich fest verankerte Leitungszeiten.

Kultusministerium sieht Handlungsbedarf

Für das Kultusministerium räumte Staatssekretär Volker Schebesta (CDU) „Handlungsbedarf “ ein und verwies zugleich auf erreichte Verbesserungen, wie die Förderung der Ausbildung von pädagogischen Fachkräften. „Das ist ein Thema, das wir in Baden-Württemberg mit Nachdruck angehen. Hier investiert das Land bereits gezielt“, erklärte Schebesta und verwies darauf, dass sich die Zahl derjenigen Schulabgänger, die eine Erzieherausbildung beginnen, seit 2008 fast verdoppelt habe. Damals hätten 2855 Jugendliche eine Ausbildung an einer Fachschule begonnen, 2020/2021 seien es 5425 Personen gewesen.

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Der FDP-Landtagsabgeordnete Dennis Birnstock sprach von einer dramatischen Verschärfung der Personalsituation durch Corona. „Wir Freien Demokraten fordern bereits seit Langem, zur Behebung des Personalmangels die pädagogischen Fachkräfte von Verwaltungsaufgaben zu entlasten, die Leitungszeit vertraglich festzuschreiben sowie Quereinsteigern und ausländischen Fachkräften den Berufseinstieg unbürokratisch und zügig zu ermöglichen“, betonte er.

In Baden-Württemberg werden Nach Zahlen des Statistischen Landesamts rund 454 000 Kinder in rund 9300 Kindertagesstätten betreut. Die Zahl der Beschäftigten wurde im März 2020 auf 112 500 beziffert; davon arbeiteten etwa 100 000 als pädagogisches Personal.

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