Aufsiedelung Rosensteinquartier Bäume müssen Eidechsen weichen

Unterhalb der Löwentorstraße entsteht auf einer Fläche von insgesamt 11 100 Quadratmetern das erste von zwei Ersatzhabitaten für Mauereidechsen. Die Rodungsarbeiten sind abgeschlossen. Foto: Uli Nagel

Die Rodung von rund 100 Bäumen auf den Ersatzhabitaten in Bad Cannstatt und Münster ist abgeschlossen. Rund 20 Kleingärtnern war gekündigt worden.

In den vergangenen Jahren ist bei Bauvorhaben aller Art bundesweit der Artenschutz – sowohl für Tiere wie auch Pflanzen – in den Vordergrund gerückt. Das gilt nicht nur für Großprojekte wie etwa Stuttgart 21 oder die Aufsiedelung des 22 Hektar großen, ehemaligen Güterbahnhof-Areals. Auch Maßnahmen wie etwa der Neubau des AWS-Betriebshofs in der Burgholzstraße in Münster oder unlängst die Umgestaltung des Neckarufers im Untertürkheimer Lindenschulviertel sind davon betroffen. Hier gab und gibt es wegen der mittlerweile stadtbekannten Eidechsenvergrämung eine Bauverzögerung von gut einem Jahr.

 

Stadt investiert 200 Millionen Euro

Die gleiche Prozedur hat die Stadtverwaltung nun auch für den ersten Baustein der städtebaulichen Entwicklung „Stuttgart Rosenstein“ – der sogenannten Maker City auf dem Areal C1 – auf der Agenda. Das Gelände liegt in Stuttgart-Nord zwischen den Wagenhallen, dem Pragfriedhof sowie den Gleisanlagen in Richtung Nordbahnhofstraße. Hier plant die Stadt Stuttgart für insgesamt gut 200 Millionen Euro ein „gemischt genutztes, experimentelles Stadtquartier“, in dessen Zentrum der Interimsbau des Staatstheaters während der Opernsanierung liegt. Mit diesem städtebaulich richtungsweisenden Bauvorhaben haben die Stadtplaner es sogar auf die Liste der IBA-Projekte geschafft. Die Stadtverwaltung schätzt, dass zwischen 100 und 500 Mauereidechsen derzeit hinter den Wagenhallen in Stuttgart-Nord leben.

Baugelände muss bis 2023 frei sein

Bevor die Tiere jedoch umgesiedelt werden, musste die Stadt geeignete Habitate für sie finden. Das Problem: „Das Baugelände in Stuttgart-Nord muss 2023 freigeräumt sein – sonst wird es nichts mit der IBA-Präsentation 2027“, sagte Kilian Bezold, als er vor gut einem Jahr in den betroffenen Stadtbezirken erklärte, welche Ersatzflächen geplant sind. Die erste liegt an der Löwentorstraße, die zweite in der „Drei-Stadtbezirke-Ecke“ (Münster, Mühlhausen, Zuffenhausen) im Tapachtal, Eulenbühl und Oberen Freienstein. Die Pläne riefen – vor allem in Münster – großen Ärger und Verdruss hervor. Denn rund 20 Pächter von Kleingartenanlagen hatten deshalb noch in diesem Jahr die Kündigung ihrer oftmals liebevoll gepflegten „Grünoasen“ erhalten.

Proteste ohne Erfolg

Doch sämtliche Protestbriefe, Alternativvorschläge und Begehungen blieben ohne Erfolg. „Bei der Auswahl der Flächen ist die Stadt nicht frei“, sagt Baubürgermeister Peter Pätzold. Bereiche, in die Mauereidechsen umgesiedelt werden müssen, sind vom Regierungspräsidium aus fachlichen Gründen stark eingeschränkt worden. Zudem müssen weitere ökologische Aspekte berücksichtigt werden. „Insgesamt 260 Flurstücke wurden von unseren Fachämtern geprüft“, sagt Pätzold. Das Ergebnis: Nur die Flurstücke unterhalb der Löwentorstraße in Bad Cannstatt sowie Flurstücke im Bereich Freienstein seien besonders gut geeignet. „Insofern ist die Flächenauswahl im Hinblick auf den engen Zeitplan alternativlos.“ Der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik hat den Maßnahmen damals zugestimmt und nahm auch jetzt den Bericht zum Stand der ersten Arbeiten zustimmend zur Kenntnis. Wichtig ist, dass der neue Lebensraum die gleiche Größe und Qualität hat wie der alte. „Es mag dabei viele verwundert haben, warum wir gut 100 kleinere Bäume fällen müssen, um Mauereidechsen in Sicherheit zu bringen“, erläuterte Baubürgermeister Pätzold. Die Maßnahme sei aber verhältnismäßig und vor allem erforderlich, denn die Stadt sei damit im Einklang mit den rechtlichen Vorgaben.

Vergrämung kostet rund 2,6 Millionen Euro

Die Stadt stellt die Habitate in mehreren Bauabschnitten her, wobei die Rodungen abgeschlossen sind. Die gefällten Bäume muss die Stadt rein rechtlich nicht ersetzen, da sie sich außerhalb der Baumschutzsatzung innerhalb eines Landschaftsschutzgebietes befanden und nicht mehr als 80 Zentimeter Durchmesser hatten. Doch da diese Satzung erweitert werden soll, hat die Verwaltung beschlossen, freiwillig 16 Bäume entlang der Löwentorstraße zu pflanzen. Für die Vergrämung, den Bau der Habitate sowie die Ersatzpflanzungen investiert die Stadt rund 2,6 Millionen Euro.

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