Aufstand in New York vor 50 Jahren Am Anfang des Regenbogens

Vor der New Yorker Bar „Stonewall Inn“ demonstrieren Schwule und Lesben für Gleichberechtigung. Foto: AP

Im „Stonewall Inn“ in New York nahm die Protestbewegung von Schwulen und Lesben ihren Anfang. Die Aufstände vor 50 Jahren waren ein Wendepunkt im Kampf um Gleichberechtigung

New York - Es sind noch zwei Tage bis zur großen Party, und das Greenwich Village in New York rund um die Christopher Street hat sich schon herausgeputzt. Überall hängen Regenbogen-Fahnen, vor den Kneipen, in den Schaufenstern, rund um die Parkanlagen und die U-Bahn-Eingänge. Restaurants haben Tafeln vor die Tür gestellt, in denen „Pride“-Specials beworben werden. An der Ecke „Gay Street“ ist das braune städtische Straßenschild um bunte Tafeln mit den Begriffen „Transgender Street“, „Queer Street“, „Lesbian Street“ und „Intersex Street“ ergänzt worden – eine Marketing Aktion eines Finanzdienstleisters, der sich mit der großen Feier sexueller und Gender-Vielfalt solidarisch zeigen will.

 

Am Sheridan Square, einem kleinen Park unmittelbar vor dem Stonewall Inn, wo vor genau 50 Jahren der offene Kampf für Schwulen-Rechte mit einem Aufstand gegen Polizeigewalt begann, herrscht ein Betrieb wie am Times Square. Touristen lichten sich gegenseitig vor dem Denkmal für die Schwulenbewegung ab, das die Stadt vor sieben Jahren hier errichtet hat und das US-Präsident Barack Obama in seinen letzten Amtstagen zum nationalen Monument erklärt hat. Danach geht es dann ins „Stonewall Inn“ selbst, das sich heute kaum von einer anderen Kneipe in Downtown Manhattan unterscheidet.

Selbst im ultraliberalen New York mussten Homosexuelle lange um ihre Rechte kämpfen

Jay Blotcher gefällt dieses Treiben, das sich zu einem gigantischen Zirkus steigern wird. Viereinhalb Millionen Besucher erwartet die Stadt für das Wochenende, das am Sonntag mit einer lärmenden, tobenden Parade in einen überschäumenden Karneval münden wird. „Es ist mir alle Mal lieber, wenn sich jeder an uns dranhängen will, als dass keiner mit uns etwas zu tun haben will“, sagt Blotcher, der heute zu einer Gedenkveranstaltung im Stonewall Inn gekommen ist.

Blotcher, der mit seinem Ehemann in einem idyllischen Vorort im Hudsontal lebt, kann sich noch gut daran erinnern, wie das war, als noch nicht jeder Konzern und jeder Politiker seinen Namen an Gay Pride – den selbstbewussten Umgang mit der eigenen sexuellen Identität – heften wollte. Als Homosexuelle selbst im ultraliberalen New York, um das Recht kämpfen mussten, eine Wohnung zu mieten und sich um einen Job zu bewerben und darum, einfach nicht verhaftet zu werden.

Dem Mut der Verstoßenen, sich zu wehren, hat die spätere Generation vieles zu verdanken

Dabei hatte Blotcher, der heute Mitte 50 ist, bessere Bedingungen als seine Vorgänger, die die Stonewall-Aufstände angezettelt hatten. „Als ich 1982 nach New York kam“, so Blotcher, „konnte ich als offen schwuler Mann arbeiten und leben“, erzählt er. Er hätte sich zwar nicht als Homosexueller auf dem Mainstream-Arbeitsmarkt bewerben können, bei einer Bank oder einer Werbeagentur. Doch als Reporter für die „Christopher Street News“, die Szenezeitung in Greenwich Village, konnte er einer Beschäftigung nachgehen, von der er überzeugt war, ohne sich dabei zu verleugnen.

15 Jahre früher war es den Stonewall Kids noch anders ergangen. „In den meisten Fällen waren das Homo- oder Transsexuelle, die von ihren Familien verstoßen waren“, sagt Blotcher. Die Christopher Street war ihre Heimat geworden, das „Stonewall Inn“ ihr Wohnzimmer. Sie schlugen sich durch, in dem sie sich prostituierten, hatten oft keinen festen Wohnsitz, mieteten sie sich zu sechst Hotelzimmer oder schliefen auf den verfallenen Piers am Fluss.

Dem Mut dieser Verstoßenen, sich zu wehren, so Blotcher, hat er es zu verdanken, dass er in den frühen 80er Jahren nach New York kommen konnte und als schwuler Mann eine würdevolle und sinnhafte Existenz zu führen. „Wir haben auf ihren Schultern gestanden.“

Aids wurde zu Beginn als „schwuler Krebs“ bezeichnet

Doch Jays Generation hatte ihren eigenen Kampf auszufechten. Schon als Jay vom College nach New York kam, machte eine mysteriöse Krankheit die Runde, die damals viele noch als „schwulen Krebs“ bezeichneten. „Die ganze Community war damals in Panik“, so erinnert sich Jay. Man wusste nicht genau, was es ist oder wie es übertragen wird. „Aber jeder kannte jemanden, der krank wurde und starb.“ Es war der Anfang der Aids-Krise und es war Jay Blotchers politisches Erwachen. „Ich habe mir damals überlegt, was ich tun kann“, sagt er, „weil man etwas tun musste.“ Die meisten in der Schwulenszene von New York haben damals Erkrankte gepflegt und ihnen bis zum Tod Beistand geleistet. „Ich hatte dazu nicht die Kraft.“ Stattdessen trat der Journalist der Organisation ACT UP als Kommunikations-Direktor bei. ACT UP war eine militante Gruppe, die durch spektakuläre Aktionen versucht hat, den Staat zu zwingen, etwas zu tun. „Wir waren damals nicht dazu da, uns Freunde zu machen“, so Blotcher.

ACT UP hatte nicht vor, leise zu treten. Als sich der Bischof von New York gegen Aids-Aufklärung in der Schule ausgesprochen hat, haben sie die St. Patrick’s Kathedrale besetzt. Sie haben die New Yorker Börse lahm gelegt um gegen die hohen Preise für HIV-Medikamente zu protestieren. Sie haben in Washington die Arzneimittelbehörde besetzt um gegen die Verschleppung klinischer Tests zu protestieren. Und sie haben die Redaktion der Zeitschrift „Cosmopolitan“ besetzt, als diese behauptete, Heteros könnten sich mit Aids nicht infizieren. Im Nachhinein, so Jay Blotcher heute, sei die Aids-Krise auf eine gewisse Art das Beste gewesen, was der Bewegung passieren konnte. „Es hat alle aus dem Schatten herausgeholt und politisiert.“ Zum ersten Mal seit Stonewall habe es eine breite Koalition aus Schwulen, Lesben, Transsexuellen und heterosexuellen Alliierten gegeben.

Nach diesen Jahren des Kampfes war Jay Blotcher erschöpft. Er zog weg aus der Stadt, nahm einen Job bei einer unpolitischen Organisation an und heiratete. Jay glaubt, dass er seinen Kampfgeist nie eingebüßt hat, dass er etwa durch sein Eintreten für die Schwulenehe weiterhin der Bewegung dient. Einige seiner Mitstreiter sehen das jedoch anders.

Im Zeitalter von Donald Trump fordern viele einen Ruck in der Bewegung

Sarah Schulman, die mit Blotcher gemeinsam in den 80er Jahren für die Christopher Street News gearbeitet hat und sich bei ACT UP Aktionen mit Blotcher hat verhaften lassen, fühlt sich von Leuten wie ihn verraten. „Die Bewegung ist nach Aids zerfallen“, sagt die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin. „Ich habe das Gefühl, es ging danach nur noch um Anpassung.“ Für Leute wie Schulman, die einer wachsenden Fraktion innerhalb der Bewegung Lesbian, Gay, Bisexual an Transgender Organisation (LGBTO) angehört, ist der Kampf für die Schwulenehe, für den sich Blotcher engagiert hat, ein falscher Kampf. „Schwule wollen ins Militär und eine traditionelle Familie. Das ist eine Form der Beschwichtigung des Mainstreams. Man will zeigen, dass wir harmlos sind. Es ist ein Rückzug ins Private.“

Sarah Schulman will aber nicht harmlos und salonfähig werden. Sie will gefährlich bleiben. „Wenn wir uns in den 80er Jahren in dem privaten Rahmen der Kleinfamilie zurückgezogen hätten, hätten wir nichts erreicht. Gar nichts. Nur indem wir in politisierten Gemeinschaften gelebt haben, konnten wir gegenüber den Machtstrukturen wirksam auftreten.“

Schulman und ihre Gefährtinnen schieben den Rückzug auf das Thema der Schwulenehe darauf, dass die Bewegung von Anfang an von männlichen Homosexuellen dominiert war. Das männliche Schwulenpaar hatte bis zu den 90er Jahren im amerikanischen Mainstream Akzeptanz erlangt. Es gab das Medienbild des beruflich erfolgreichen, patriotischen Homo-Paares, das heute etwa vom Präsidentschaftskandidaten Pete Buttigieg verkörpert wird. „Homo-Nationalisten“, nennt Schulman solche Leute. Dabei seien all jene auf der Strecke geblieben, für die der Kampf noch lange nicht zu Ende ist. Homosexuelle Frauen, Transsexuelle, farbige Schwule, Latino-Schwule, sozial benachteiligte Schwule, deren Krankenversicherung noch immer keine Aids-Therapie bezahlt.

Im Zeitalter von Donald Trump müsse ein Ruck durch die Bewegung gehen, so wie in den 80er Jahren. Alle müssten aus der gemütlichen Nische herauskommen und sich wieder politisieren: „Heute sind wir alle unter Beschuss“. Jay Blotcher ahnt auch, dass die bequemen Zeiten vorbei sind. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir um 30 Jahre zurückgeworfen werden.“

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