Aus im Achtelfinale bei der EM 2021 Wie es zum bitteren Abschied von Joachim Löw kommen konnte

Nach der Gratulation an Englands Coach Gareth Southgate verlässt Joachim Löw (re.) die große Bühne. Foto: dpa/John Sibley

Mit dem 0:2 gegen England im Achtelfinale der EM 2021 endet die Ära Joachim Löw enttäuschend. Wie es dazu kam? Unsere Analyse.

Sport: Marco Seliger (sem)

London - Ein Fehlpass des englischen Starspielers Raheem Sterling, ein Traumpass des deutschen Champions-League-Siegers Kai Havertz – und für Thomas Müller die riesengroße Chance, im Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft gegen England zumindest die Verlängerung zu erzwingen.

 

Müller rannte – allein und zentral auf Jordan Pickford zu. Müller guckte – den englischen Keeper aus. Müller schoss – in die richtige Richtung. Aber eben auch am Tor vorbei. Und das Wembley-Stadion drohte abzuheben. Denn zehn Minuten vor dem Ende der Partie war damit klar: Das deutsche Team würde den Three Lions nicht schon wieder bei einem großen Turnier eine lange Nase drehen. Im Gegenteil: Der Erzfeind war mit 2:0 (Liveticker zum Nachlesen) besiegt – und am Ende restlos bedient.

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Mit leeren Blicken schlichen die deutschen Spieler nach dem Schlusspfiff vom Rasen, enttäuscht vom Ergebnis. Enttäuscht über ein Turnier, das nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 erneut ein viel zu kurzes war. Und enttäuscht darüber, dem Bundestrainer keinen adäquaten Abschied beschert zu haben. „Es war nach dem Abpfiff ein trauriges Gefühl“, sagte Kapitän Manuel Neuer, „dass es so zu Ende geht, ist schade.“

Ein letzter überraschender Personalwechsel

Nach 15 Jahren im Amt, das war längst verkündet, geht Joachim Löw nun von Bord. Und weil der letzte Eindruck immer zählt, verblasste im bitteren Moment von Wembley auch die Erinnerung an die glorreichen Zeiten bis zum WM-Triumph von Rio de Janeiro im Sommer 2014.

Joachim Löw, der Feingeist aus dem Schwarzwald, schüttelte seinem Gegenüber, Gareth Southgate, die Hand. Es folgte eine Umarmung, noch eine mit Thomas Müller, das Abklatschen mit einigen Betreuern – dann war er erst einmal verschwunden in den Katakomben des Londoner Fußballtempels. „Es ist“, sagte er wenig später mit traurigem Blick, „eine große Enttäuschung. Sie wiegt schwer.“ Vor der Partie hatte er nach einer schwierigen und durchwachsenen Vorrunde (eine Niederlage gegen Frankreich, ein Sieg gegen Portugal, ein 2:2 gegen Ungarn) personell etwas Neues versucht. Und dabei überrascht.

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Für Ilkay Gündogan, der in den vergangenen Tagen unter Schwindel litt, kam Leon Goretzka ins Team. Der Münchner bildete mit Toni Kroos zusammen ein Duo im zentralen Mittelfeld. Unerwarteter kam die Pause derweil für Serge Gnabry – für den der bislang in diesem Turnier enttäuschende Timo Werner eine Chance bekam. „Tiefe“ versprach sich der Bundestrainer vom schnellen Ex-Stuttgarter. „Geradlinig“ und „schnörkellos“ sollte England-Legionär Werner in seiner Wahlheimat agieren. Und in der 32. Minute zeigte sich, was damit gemeint war.

Vergebene Chancen, wackelige Defensive

Nach einem Pass von seinem Teamkollegen beim FC Chelsea, Kai Havertz, sprintete Timo Werner auf Jordan Pickford zu, doch der englische Keeper hielt ein Team im Spiel, das zu diesem Zeitpunkt längst das Kommando übernommen hatte.

Die Elf des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) hatte zwar den deutlich besseren Start erwischt und durch Leon Goretzka die erste gefährliche Aktion gehabt. Nach etwa einer Viertelstunde allerdings störten die Engländer vor den Augen von Prinz William und dessen Frau Kate den deutschen Spielaufbau effektiver. Die Folge: Die Offensivaktionen des DFB-Teams wurden seltener, auf der Gegenseite war dagegen Manuel Neuer gefordert und hielt stark beim Schuss von Raheem Sterling. Die Engländer waren fortan keinesfalls brillant und kreativ, blieben vor allem bei Standards gefährlich – und bei deutschen Patzern. Einen beinahe kapitalen erlaubte sich in der Nachspielzeit der ersten Hälfte Thomas Müller. Matthias Ginter und Mats Hummels retteten in höchster Not.

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Nach der Pause setzte Kai Havertz noch ein Zeichen, auch diesmal war Pickford zur Stelle – der später zu jenen gehörte, die ausgelassen eine Ehrenrunde durch das bebende Wembley-Stadion drehen durften. Warum? Weil die Deutschen auch im dritten von vier EM-Spielen viel zu wenig Torgefahr entwickelt hatten. Weil diverse DFB-Spieler erneut nicht an ihr Leistungslimit kamen. Weil dem Team ein kluger Plan fehlte. Weil die Defensive wieder wackelte. Und weil die Engländer zweimal eiskalt zuschlugen.

Löw sagt: „Es tut mir leid“

Zunächst war es Raheem Sterling, der in der 75. Minute sein 1:0 erst selbst einleitete, dann die Vorarbeit von Luke Shaw veredelte. Sechs Minuten nach Müllers vergebener Großchance war dann Harry Kane nach Flanke von Jack Grealish zur Stelle und erzielte seinen ersten Turniertreffer. Das war’s. Für England, das im Viertelfinale steht. Für Deutschland, das nach 2018 erneut früh nach Hause muss. Und für Joachim Löw. Dessen einst goldene Ära enttäuschend zu Ende geht. „Es tut mir leid, dass die Begeisterung nun dahin ist“, sagte er.

Nun übernimmt Hansi Flick – der bis zum ersten Auftritt im September auch die Frage beantworten muss, mit welchen Spielern er in die Zukunft geht.

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