Es war vielleicht nicht die feine englische Art, aber sie hat Erfolge erzielt. Schon länger ist bekannt, dass sich die Fahrradfahrer durch die Baustellen im Zuge des A 81-Ausbaus im Böblinger Stadtgebiet ausgebremst fühlen. Einer von ihnen, der 72-jährige Günter Popp – nach eigenen Angaben ein „Radvielfahrer“ – hat sich daraufhin mit der für den Autobahnbau verantwortlichen Projektgesellschaft Deges (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) in Verbindung gesetzt. Zu dem von der Deges vorgeschlagenen Treffen mit Vertretern der Stadtverwaltung brachte Popp kurzerhand vier befreundete Radfahrer mit – und lud die Presse ein.
Die Radfahrer ärgern mehrere Punkte: zum einen, dass der Radweg auf der Sindelfinger Straße Richtung Goldberg in Höhe der Leibnizstraße im Nichts enden würde, und dass – so Popp in seinem Anschreiben an die Deges – „lebensgefährliches Ausweichen auf die durch die Bauarbeiten verengte [...] Fahrspur unerlässlich“ sei.
Die Absperrschranke gilt auch für Radfahrer
Dem widerspricht Cornelia Hartmann, die beim Böblinger Ordnungsamt unter anderem für das Großprojekt Autobahnausbau zuständig ist. Radfahrer und Fußgänger müssten auf Höhe der Blitzersäule die Straße überqueren und könnten dann auf dem Radweg an der anderen Straßenseite entgegen des Verkehrsflusses weiterfahren. Hartmann versprach, nachzubessern. Schließlich würden viele Fußgänger und Radfahrer die Sperrung ignorieren. „Da steht eine Absperrschranke mit fünf roten Leuchten, das heißt Vollsperrung für alle Verkehrsteilnehmer“, erläutert sie. In den nächsten Tagen werde die Absperrung deutlicher und undurchlässiger gemacht werden.
Die Bitte der Radfahrer, den Radweg über die Brücke freizugeben, schlug sie aus. „Hinter dem Bauzaun geht es sechs bis acht Meter runter in die Baugrube für das Widerlager der neuen Brücke. Da kann ich nicht ruhigen Gewissens Radfahrer langfahren lassen.“ Sie sicherte allerdings zu, Radfahrern an dieser Stelle das Fahren auf der Straße zu gestatten.
Verwirrung um versprochene Behelfsbrücke
Ein zweites Ärgernis ist für die anwesenden Radler die Baustelle auf der Calwer Straße Richtung Dagersheim. Dort würden Radler zu spät auf die Umleitung durch das Gewerbegebiet Hulb hingewiesen. Für diese Stelle habe die Deges der Stadt darüber hinaus einst eine Behelfsbrücke für Radfahrer versprochen, bemerkt einer der anderen Radfahrer, Steffen Sachs, und fragt nach dem Stand der Dinge. „Da möchte ich vehement widersprechen“, meldet sich Johannes Kuhn zu Wort, der Projektleiter für den A 81-Ausbau. Das von Sachs angesprochene Bauwerk sei nur eine Treppenkonstruktion für Fußgänger mit einer Schieberinne für Fahrräder gewesen. „Die Kosten hätten bei 600 000 Euro gelegen, das habe ich nicht in meinem Budget“, so Kuhn. Zudem sei das Fußgängeraufkommen an dieser Stelle enorm niedrig, sodass man sich in Absprache mit der Stadt dagegen entschieden habe.
Eine Poller soll umgehend entfernt werden
Auch an der Calwer Straße und der Umleitung will die Stadt nachbessern. Eine Gefahrenstelle wird sofort behoben: in der ersten Kurve steht ein Poller auf dem Radweg. „Da kann man nur gegenfahren“, unkt Sachs. Dieser werde umgehend entfernt, verspricht Hartmann. Man sei dankbar für Anregungen aus der Bürgerschaft, sagt sie, sofern diese sachlich vorgetragen würden. Tatsächlich waren bei dem Treffen an der Sindelfinger Straße die Emotionen zuerst hochgekocht. „Hätten Sie ohne diese Emotionen aber etwas an der Sache geändert?“, kritisiert Sachs die Stadtverwaltung. „Ich glaube nicht.“
Bis die Absperrungen weggeräumt werden, müssen sich die Radler noch gedulden: Am Smart-Turm soll Ende des Jahres die neue Brücke in Betrieb genommen und Anfang 2024 die bisherige Brücke abgebrochen werden. Auch an der Calwer Brücke gibt’s wohl bis Ende dieses Jahres kein Durchkommen.