Ausbau der Autobahn 8 Der große Frust am Albaufstieg

Der Gruibinger Bürgermeister Roland Schweikert (rechts) und der Gewerbevereinschef Thomas Straub präsentieren ein Protestplakat. Foto: /Ines Rudel

Seit einem halben Jahrhundert warten die vom Stau geplagten Anwohner am Albaufstieg auf den sechsspurigen Ausbau der Autobahn 8 in Richtung München. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Entscheider/Institutionen : Kai Holoch (hol)

Gruibingen - Die Nerven liegen blank am Albaufstieg. Seit 1970 wird darüber diskutiert, seit mehr als 30 Jahre laufen die konkreten Planungen. Und seither warten die Menschen in Gruibingen, Bad Ditzenbach, Mühlhausen im Täle, Hohenstadt und Drackenstein, also in all jenen Gemeinden, die am Albaufstieg der Autobahn 8 in Richtung München liegen, auf den sechsspurigen Ausbau des letzten Teilstücks zwischen Mühlhausen und Hohenstadt.

 

Denn wenn es Staus gibt – und die gibt es auf diesem Streckenabschnitt sehr, sehr häufig – wälzen sich Blechlawinen durch ihre Kommunen: „An Samstagen kommt es regelmäßig vor, dass die Menschen im Ortsteil Auendorf nicht zum Einkaufen fahren können, weil sie mit ihren Autos nicht aus ihrem Hof rauskommen“, sagt Bad Ditzenbachs Bürgermeister Herbert Juhn.

Der Pfarrer kommt zu spät zum Gottesdienst

Auch der katholische Pfarrer Ralf Baumgartner – er betreut vier Gemeinden im Filstal – kann ein Lied davon singen. „Sie glauben gar nicht, wie oft ich schon im Stau gestanden habe und deshalb zu spät zu einer meiner drei Eucharistiefeiern am Sonntag gekommen bin.“ Auch wenn es um seelsorgerische Notfälle oder Krankensalbungen gehe, bei denen oft jede Minute zähle, werde er immer wieder durch Staus ausgebremst: „Das hier, das ist wirklich der Wahnsinn.“

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Das Schlimme sei, dass niemand etwas tue. „Und deshalb mobilisieren wir nun die Bürger, damit endlich Bewegung in die Sache kommt“, sagt Thomas Straub. Der 54-Jährige ist der Vorsitzende des Gruibinger Gewerbevereins. In diesen Tagen stellen er und seine Mitstreiter entlang der Gruibinger Durchfahrtsstraßen große Plakatbanner auf: „Das Verkehrsministerium fördert durch Tatenlosigkeit die Produktion von Feinstaub und CO2“, steht darauf. Oder: „Politik der leeren Worte“. Ergänzt werden die Parolen mit dem flammenden Appell „A 8 Albaufstieg – Ausbau jetzt“ und einem markanten Skelett, das verkündet: „Wir warten. Seit Jahrzehnten.“

Gruibinger protestieren für schnelleren Bau

Für Samstag, 13. November, plant der Gewerbeverein einen Bürgerprotest in der Ortsmitte. Straub rechnet mit 700 Teilnehmern. Auch Gruibingens Bürgermeister Roland Schweikert, den das Thema Albaufstieg seit seiner ersten Wahl vor 25 Jahren begleitet, wird dabei sein: „Ich habe es satt, dass sich Bund und Land die Verantwortung für die Verzögerungen immer wieder gegenseitig in die Schuhe schieben", sagt er.

Keiner mache das so wichtige Projekt zu seiner eigenen Sache. Zwar ist auch ihm klar, dass Plakate und Bürgerprotest nur schwache Mittel sind, um ein solches Mammutprojekt wie den Albaufstieg voranzubringen und auch zu vollenden. Dennoch: „Wenn Wähler aktiv werden, ist das gut. Wir Kommunen haben jedenfalls den Eindruck, dass wir von der Politik nicht ernst genommen werden.“

Zwei Tunnel, zwei Brücken

Das letzte offizielle Lebenszeichen des Projekts stammt vom Dezember 2020. Damals verkündete der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann, dass 2024 endgültig mit dem Bau der so genannten E-Trasse – einer schnurgeraden 7,6 Kilometer langen Verbindung von Mühlhausen hinauf auf die Alb durch zwei Tunnel und mit zwei Brücken über das Fils- und das Gosbachtal – zu rechnen sei.

Noch gut im Ohr haben die Anlieger, dass Hermann den Ausbau als „größtes und wichtigstes Autobahnprojekt in Baden-Württemberg“ bezeichnete und betonte, der Bund stehe zu seiner Finanzierungszusage. Immerhin werden die Baukosten mittlerweile auf 600 Millionen Euro geschätzt. Auch stellte Hermann die Fertigstellung des Projekts für das Jahr 2030 in Aussicht.

Die Autobahn-Gesellschaft ist jetzt zuständig

Das dürfte ihm nicht allzu schwer gefallen sein. Denn kurz darauf hat das Land die Verantwortung für das Projekt ab- und der neu gegründeten Autobahn GmbH des Bundes übergeben. Das Unternehmen ist seit Januar 2021 für alle Autobahnen in Deutschland zuständig. Der am Albrand gehegte Verdacht, dass das neue Großunternehmen mit mehr als 11 000 Mitarbeitern zunächst einmal mit sich selbst beschäftigt ist und zudem deutlich weniger Interesse an der Vollendung des baden-württembergischen Prestigeobjekts hat als das Verkehrsministerium, liegt also durchaus nah.

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Doch dieser Vermutung widerspricht Jan-Philipp Strobel, der Sprecher der Niederlassung Südwest der Autobahn-GmbH, vehement: „Wir treiben die vom Land bereits übernommenen Planungen mit Hochdruck voran“, betont er. Derzeit befinde man sich in der Phase, in der das Projekt endgültig wasserdicht gemacht werden soll. Bereits zum vierten Mal muss das seit 2014 laufende Planfeststellungsverfahren überarbeitet werden. Noch in diesem Herbst aber, so kündigt Strobel den nächsten wichtigen Schritt an, werde man die Planänderung öffentlich auslegen: „Der Planfeststellungsbeschluss soll im zweiten Quartal 2022 vorliegen.“

Der Baubeginn wird für 2024 angestrebt

Ob aus diesem Wunsch Wirklichkeit wird, und ob es dann relativ schnell weitergeht? Der Autobahn-Sprecher wählt seine Worte, wenn es um den Baubeginn geht, jedenfalls mit Bedacht: Dieser werde für Ende 2024 „angestrebt“, heißt es. Das lässt Interpretationsspielraum. Vorbereitende Baumaßnahmen, wie die Verlegung eines Radwegs, der Bau eines Regenrückhaltebeckens im Filstal sowie eines Hochbehälters bei Gosbach sollen in der Zeit zwischen dem Planfeststellungsbeschluss und dem Beginn der Hauptbaumaßnahmen umgesetzt werden.

Winfried Hermann kann diese Entwicklung nun aus der Sicht des Zuschauers erleben. Auf Anfrage unserer Zeitung sagt er: „Der Albaufstieg ist der letzte Engpass auf der A8 zwischen Stuttgart und München. Seine Beseitigung ist seit langem überfällig – schon aus Sicherheitsgründen.“ Deshalb habe das Land den Ausbau beim Bund immer wieder angemahnt. Der habe aber „lange Zeit blockiert“. Durch den Übergang der Zuständigkeit sei es zu Verzögerungen gekommen. „Wir werden aber auch weiter auf eine zügige Realisierung des Projektes drängen.“

Hermann drängt auf eine „zügige Realisierung“

Was unter zügig zu verstehen ist, lässt Winfried Hermann offen. Und auch die Autobahn-Gesellschaft betont, über die Baufertigstellung könne man aktuell nur spekulieren. Erst wenn der Planfeststellungsbeschluss rechtskräftig ist und alle Arbeiten europaweit ausgeschrieben seien, könne man loslegen. Dann werde es weitere sechs bis sieben Jahre dauern, um die Tunnel und die Brücken zu errichten.

Der Göppinger Landrat Edgar Wolff hat das mal zusammengerechnet: „Vor noch nicht allzu langer Zeit durften wir von einer Fertigstellung bis 2028 ausgehen.“ Nun verschiebe sich die Eröffnung um drei bis vier Jahre – „von möglichen weiteren Verzögerungen, die sich durch Klagen ergeben könnten, einmal ganz abgesehen“.

Es fehlen ziemlich viele Fachkräfte

Das sei zwar „wenig erfreulich“, den Verzug bei der Planung allein der Autobahngesellschaft anzulasten, halt er aber für unfair. Das Bundesunternehmen fasse „nach den nicht ganz vermeidbaren Anlaufschwierigkeiten“ jetzt Fuß, so Wolff. „Was aber noch fehlt, sind ausreichend Fachkräfte. Der Mangel an geeignetem Personal war allerdings auch in den alten Strukturen evident.“

Die zusätzliche Sorge des Landrats, dass zunächst noch einige Prozesse geführt werden müssen, und sich deshalb der Neubau weiter verzögern könnte, ist nicht ganz unbegründet. Vor 32 Jahren hat Michael Danner zusammen mit Mitstreitern die Drackis gegründet. Seither führt er die Bürgerinitiative gegen die von den Verantwortlichen geplante Trasse an. Danner, Jahrgang 1951, hat also fast sein halbes Leben dem Kampf gegen die seiner Meinung nach desaströse Planung des Albaufstiegs gewidmet – und will sich auch weiter für eine seiner Meinung nach bessere Lösung einsetzen.

Die Drackis kämpfen weiter für eine alternative Trasse

„Wir sind aber gewiss keine Autobahnverhinderer“, betont Danner. „Natürlich brauchen wir einen sechsspurigen Albaufstieg. Wir wollen aber eine Lösung, die der Natur nicht so stark schadet und auch den Landschaftsschutz berücksichtigt.“ Die von den Drackis vorgeschlagenen Lösungen sind rund zehn Kilometer lang und kommen mit einem Tunnel und nur einer Brücke über das Filstal aus. „Das sind ganz einfach die besseren und verträglicheren Alternativen“, sagt Danner. 120 Aktive gibt es noch in der Bürgerinitiative. Danner: „Dass es weniger geworden sind, liegt auch daran, dass schon einige von uns gestorben sind.“

Und auch Danner selber macht sich schon Gedanken, ob er die Eröffnung des Albaufstiegs noch erleben wird. Aufgeben will er aber nicht – und mit allen Mitteln für seine Variante weiterkämpfen. Er sieht dabei den Faktor Zeit auf seiner Seite. Gerade heute, da die Landesregierung die Verkehrswende ausgerufen habe, seien derart die Landschaft zerschneidende Brückenbauwerke, wie sie für die E-Trasse notwendig seien, nicht mehr zeitgemäß und auch nicht tragbar.

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